Das Mädchen, das lesen konnte



In der Mitte des 19. Jahrhundert lebt eine Handvoll Frauen in einem abgelegenen Bergdorf ohne Männer. Je nach Sichtweise Utopie oder Dystopie. Bemerkenswerter Debütfilm

Frankreich, 1851. Napoleon III. hat sich an die Macht geputscht und die Republik beendet. Wer sich gegen ihn stellt wird verhaftet, verschleppt, oft ermordet. So ergeht es auch den Männern eines kleinen, abgelegenen Bergdorfs in der Provence. Von einem Tag auf den anderen sehen sich die Frauen des Dorfes mit einer Welt ohne Männer konfrontiert, einer Welt, in der sie für sich selbst sorgen müssen. Doch bald entwickelt sich eine recht gut funktionierende matriarchalische Gesellschaft, in der alle zufrieden scheinen. Doch nicht nur die älteren Frauen vermissen ihre Männer, auch die jüngeren, die gerade ins heiratsfähige Alter kommen. Mehr im Scherz schließen sie während einer Pause einen Pakt: Sollte auch nur ein Mann auftauchen, wollen sie ihn fraulich teilen. Und als wäre er vom Schicksal gesendet, kommt einige Tage später der Schmied Jean (Alban Lenoir) durch das Dorf und wird gern empfangen...

Erst vor wenigen Jahren erschien in Frankreich ein kurzes Buch, in dem die greise Violette Ailhaud ihre Erlebnisse aus ihrer Jugend Mitte des 19. Jahrhunderts beschreibt, die nun Basis dieses Films geworden sind. Inwieweit sie der Wahrheit entsprechen, ist kaum zu überprüfen, der Erfolg des Buchs deutet jedoch an, welch große Faszination das kurze Aufblühen einer matriarchalischen Welt ausübt. In atemberaubend schönen Bildern beschreibt Marine Francen diese Welt, idealisiert das kurzzeitige Leben ohne Männer, das in einer historischen Blase entstehen konnte: Abgeschnitten von der Welt. Doch so schön diese Utopie trotz aller Härten für eine gewisse Zeit erscheint, zukunftsträchtig ist sie nicht, allein schon wegen der offensichtlichen Notwendigkeit der Fortpflanzung. Auch wenn Francens Film vor über 150 Jahren spielt, ist er in seiner Verhandlung alternativer Beziehungsmodelle, der Möglichkeit einer post-monogamen Lebensweise, doch auch ein ganz zeitgenössischer Film. Vor allem aber eine atemberaubend schön gefilmte Liebesgeschichte und ein in vielerlei Hinsicht herausragender Debütfilm.

Frankreich 2017
Regie: Marine Francen
Buch: Jacques Fieschi, Marine Francen, Jacqueline Surchat, nach der Novelle von Violette Ailhaud
Darsteller: Pauline Burlet, Géraldine Pailhas, Alban Lenoir, Iliana Zabeth, Francoise Lebrun, Barbara Probst
98 Minuten

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Spielzeiten:

Mittwoch 23.01.19:16.45 Uhr
Sonntag 27.01.19:13.15 Uhr (Letzte Vorstellung!)