Es gilt das gesprochene Wort



Eine deutsche Pilotin willigt in eine Scheinehe mit einem Kurden ein. Der neue Film des mit einem Studenten-Oscar prämierten Filmemachers Ilker Çatak glänzt insbesondere mit eindrucksvollen Darstellern

Als Kurde in der Türkei hat der junge Baran (Oğulcan Arman Uslu) kein leichtes Leben: Die Jobs als Küchenhilfe und Gigolo halten ihn gerade so über Wasser, am liebsten will er woanders neu anfangen. Rettung naht in Gestalt der Pilotin Marion (Anne Ratte-Polle), die sich an der türkischen Riviera eine kurze Auszeit mit ihrer Affäre Raphael (Godehard Giese) gönnt. Nach dem flüchtigen Kennenlernen bittet Baran die Touristin, ihn in Deutschland zu heiraten, damit er nach drei Jahren Scheinehe einen Pass erhält. Nach erster Ablehnung willigt Marion tatsächlich ein...

Die nüchterne Inszenierung der in drei Kapitel unterteilten Romanze wirkt wie ein bewusster Gegenentwurf zu Çataks Vorgängerfilm „Es war einmal Indianerland“, in dem der Regisseur sämtliche stilistische Register zog. In beiden Filmen zeigt Çatak Sinn für Ästhetik. Die Sollbruchstelle der Erzählung ist Marions diffuse Motivation. Man weiß nicht, warum sich die selbstbewusste Pilotin auf die riskante Scheinehe einlässt. So bleibt nur die Wahl, den von Hitchcock gescholtenen „Wahrscheinlichkeitskrämer“ zu bändigen und das unerhörte Ereignis als Handlungsmotor zu akzeptieren. Neben der Irritation eröffnet das Nicht-Erklären, das dem Film generell zu eigen ist, auch Räume für Zwischentöne und vielschichtige Porträts. Dass die ungewöhnliche Romanze einnimmt, liegt wesentlich am fabelhaften Ensemble. Anne Ratte-Polle („Dark“) und der Newcomer Oğulcan Arman Uslu harmonieren bestens als eigentlich völlig unterschiedliches Paar, das insbesondere bezüglich der Emanzipation andere Ansichten hat und schließlich doch zusammenfindet. Auch die Nebenrollen wurden mit Charaktermimen wie Godehard Giese, Jörg Schüttauf und Sebastian Urzendowsky stark besetzt. Die oft unbewegten Einstellungen, der ruhige Erzählfluss und der Verzicht auf kleinteilige Dialoge rücken die darstellerischen Leistungen umso mehr in den Vordergrund. Das wiederum hebt das Fragezeichen hinter Marions Entscheidung so gut wie auf.

Deutschland, Frankreich 2019
Regie: Ilker Çatak
Darsteller: Anne Ratte-Polle, Ogulcan Arman Uslu, Godehard Giese
122 Minuten
ab 12 Jahren

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