Enfant terrible

Man kann sich niemand anderen als Oskar Roehler vorstellen, um einen Film über Rainer Werner Fassbinder zu drehen, den wichtigsten deutschen Regisseur der Nachkriegsära.
Ende der 60er Jahre beginnt der unaufhaltsame Aufstieg am Münchner Action-Theater, das Fassbinder bald geradezu im Handstreich übernimmt und zum Antitheater formt. Bald bringt er seinen typischen Stil, der den damals bevorzugten Naturalismus mit einer betonten Künstlichkeit ersetzt auch auf die Leinwand, dreht fortan in rasendem Tempo einen Film nach dem anderen, verbraucht Mitstreiter und Männer, nimmt immer größere Mengen Kokain, feiert immer größere Erfolge, bis er 1982 viel zu jung, aber völlig ausgebrannt stirbt.
Oliver Masucci deutet mit fettigen Haaren, ungepflegtem Bart und beständig wachsendem Bauch den langsamen körperlichen Verfall Fassbinders an, der mit seinem beständig unruhigen, suchenden Geist einhergeht. Die dunklen, zerstörerischen Seiten Fassbinders stehen neben seinem Genie, der enormen Schaffenskraft, der schneidenden Analyse der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft und ihres oberflächlichen Umgangs mit der eigenen Vergangenheit.
All das zeigt Roehler in einem Stationendrama, das seine eigene Künstlichkeit offensiv in den Vordergrund stellt. Komplett im Studio gedreht, sind die Sets überdeutlich als gemalte Kulissen zu erkennen, Fenster, Bilder, Zigarettenautomaten sind nur gemalt, in den Räumen stehen allein einzelne reale Stühle und Tische. Zum einen mag man dies als Hommage an den Stil von Fassbinders letztem Film „Querelle“ erkennen, vor allem aber als treffender Hinweis auf den besonders bei Fassbinder fließenden Übergang von Leben und Kunst. Alles in Fassbinders kurzem, intensivem Leben war Material, er lebte und arbeitete meist mit einem festen Stamm an Mitarbeitern, die er manipulierte, benutzte, aber auch brauchte und nicht zuletzt besser machte.
Gut 40 Kino und Fernsehfilme, dazu einige Mehrteiler entstanden in kaum 13 Jahren, gekrönt von der epochalen Serie „Berlin Alexanderplatz“. Den Preis dieser Schaffenskraft zahlten zum Teil Fassbinders Wegbegleiter, am Ende aber er selbst, der mit nur 37 Jahren starb. Die Essenz dieses Lebens hat nun Oskar Roehler in „Enfant Terrible“ eingefangen, der an Exzess, Kraft und Zärtlichkeit seinem Sujet kaum nachsteht.
Quelle: programmkino.de / Michael Meyns

Deutschland 2020
Regie: Oskar Roehler
Darsteller: Oliver Masucci, Katja Riemann, Hary Prinz
135 Minuten
ab 16 Jahren

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Trailer ENFANT TERRIBLE