Geplante Erstaufführungen in den nächsten Wochen:

voraussichtlich ab Donnerstag 24.9.
Pelikanblut – Aus Liebe zu meiner Tochter
Persischstunden
voraussichtlich ab Donnerstag 8.10.
Eine Frau mit berauschenden Talenten
Unser Boden, unser Erbe
voraussichtlich ab Donnerstag 15.10.
Oeconomia
Der Bär in mir

Voraussichtlich ab Donnerstag 24.9.

Pelikanblut – Aus Liebe zu meiner Tochter


Schon in ihrem Debüt „Tore tanzt“ beschäftigte sich Katrin Gebbe mit Extremen und auch im Nachfolger „Pelikanblut“ lässt sie ihre von Nina Hoss gespielte Protagonistin ähnliche Grenzerfahrungen machen, die sich zwischen Besessenheit, religiösem Wahn und blanker Sturheit bewegen.
Irgendwo in der deutschen Provinz betreibt Wiebke (Nina Hoss) eine Pferdefarm auf der sie alleine mit ihrer neunjährigen Adoptivtochter Nicolina (Adelia-Constance Giovanni Ocleppo) lebt. Allzu viel Arbeit hat Wiebke noch nicht, ihr wichtigster Auftraggeber ist die Pferdestaffel der lokalen Polizei, die auf dem Hof den Umgang mit Demonstranten und andere Gefahrensituationen trainiert.
Der Polizist Benedikt (Murathan Muslu) hat mehr als deutliches Interesse an Wiebke, doch diese bleibt abweisend und verschlossen und scheinbar zufrieden mit dem völlig zurückgezogenen Leben.
Doch dann wird die heile Welt der Mutter-Tochter-Beziehung aufgebrochen: In einem osteuropäischen Kinderheim findet Wiebke die fünfjährige Raya (Katerina Lipovska), die mit ihren blonden Locken und ihrem hellen Blick zunächst wie ein Engel wirkt. Doch bald erweist sich das Kind als unbezähmbar, traktiert andere Kinder, tötet Tiere, setzt das Haus in Brand und stellt Wiebkes Verlangen, als Mutter ebenso zu überzeugen, wie im Umgang mit Pferden, auf eine schwere Probe.
Unweigerlich muss man bei Katrin Gebbes „Pelikanblut“ an den aktuellen deutschen Erfolgsfilm „Systemsprenger“ denken, in dem ebenfalls ein kaum zu bändigendes Kind im Mittelpunkt steht. Doch während Nora Fingscheidt in ihrem Film dem Realismus verhaftet bleibt, bewegt sich Gebbe in ihrem zweistündigen Exzess zunehmend in phantastische Dimensionen, spielt mit Genreversatzstücken und religiösen Motiven.
Nina Hoss spielt ihre Figur mit einer Überzeugungskraft, der man sich schwer entziehen kann – im Gegenteil: die Zuschauer werden in eine Konfrontation mit essentiellen Fragen über Mutterliebe und Aufopferung getrieben. Eine Konfrontation die noch lange nach Filmende nachhallen wird.
(Quelle: programmkino.de / Michael Meyns)


Deutschland 2019
Regie & Buch: Katrin Gebbe
Darsteller: Nina Hoss, Adelia-Constance Giovanni Ocleppo Katerina Lipovska Murathan Muslu, Yana Marinova
127 Jahren
ab 16 Jahren


Voraussichtlich ab Donnerstag 24.9.

Persischstunden


„Erfindung einer Sprache“ nennt sich eine Erzählung von Wolfgang Kohlhaase. Der US-kanadische Regisseur Vadim Perelman hat sie als Kammerspiel für die Leinwand adaptiert, Lars Eidinger brilliert darin als Kommandant der Küche eines Übergangslagers, der sich von einem Gefangenen die persische Sprache Farsi beibringen lässt. Was der Hauptsturmführer nicht weiß: die Wörter, die er lernt, sind eine reine Phantasiesprache.
Die Story im Grunde ist simpel, der Stoff explosiv, von seiner Wirkung ein Schelmenstück, die Hintergrundkulisse jedoch nicht frei von Beklemmung. Als der junge Belgier Gilles 1942 zusammen mit anderen Juden von der SS verhaftet und in ein Übergangslager gebracht wird, bietet sich ihm durch ein kurz zuvor in seinen Besitz gelangtes persisches Buch eine ungeahnte Chance. Hauptsturmführer Klaus Koch (Lars Eidinger), zuständig für die Lagerküche, sucht jemanden, der ihm Farsi beibringen kann. Gilles ist da quasi der Sechser im Lotto, sich in einer Notlüge als Perser auszugeben, Reza zu nennen und der Sprachlehrer zu werden, eine Win-Win-Situation für beide. Dass der junge Häftling zudem in der Schreibstube für die Erfassung der Namen aller neu eintreffenden Gefangenen zuständig ist, hilft ihm bei seinem durchaus irrsinnigen Auftrag. Denn bis Kriegsende, so stellt es sich der SS-Mann Klaus Koch vor, soll sein Wortschatz 2000 Wörter und Begriffe umfassen. Wort für Wort muss Gilles eine Sprache erfinden, die er nicht beherrscht.
Dass der Schwindel auffliegen könnte, daraus zieht die Geschichte ihre Spannung. Der Alltag des Vernichtungshorrors schwingt in der kammerspielartigen und in akkuraten Bildern gestalteten Verfilmung als Hintergrundrauschen mit. Die Bedrohung für den „Sprachenschwindler“ erhöht sich nicht allein nur dadurch, dass sein durchaus kreatives Spiel auffliegen könnte, sondern auch aus der Missgunst diensteifriger und ideologisch eingestellter Soldaten und Lagermitarbeiterinnen, die in Nebenrollen aus Hass, Eifersucht und purer Rachlust an der Spannungsschraube mitdrehen. „Persischstunden“ ist zuvorderst trotzdem ein starkes Schauspielerduell zweier ungleicher Figuren in einem besonderen Abhängigkeitsverhältnis.
(Quelle: programmkino.de / Thomas Volkmann)


Deutschland/Weißrussland 2020
Regie: Vadim Perelman
Darsteller: Nahuel Pérez Biscayart, Lars Eidinger, Jonas Nay, Leonie Benesch, Alexander Beyer
127 Jahren
ab 12 Jahren


Voraussichtlich ab Donnerstag 8.10.

Eine Frau mit berauschenden Talenten

Zu Recht gilt Isabelle Huppert als eine der größten Schauspielerinnen des Weltkinos. Als schillernde Drogendiva führt sie die Polizei an der Nase herum. Eine Paraderolle wie geschaffen für die faszinierende Darstellerin vielschichtiger Frauengestalten. Ein turbulentes Komödien-Highlight für ungezähmte Frauen, die sich ihre Unabhängigkeit in der Männerdomäne bewahren wollen.

„Da vertickt eine Frau tonnenweise Shit in Paris“, tobt der ehrgeizige Leiter des Drogendezernats Philippe (Hippolyte Giradot) „und wir haben keine Ahnung wer das ist, Scheiße“. Das Ganze ist für den peniblen Fahnder umso peinlicher, da er gerade befördert wurde. Ahnungslos tappt die Polizei im Dunklen auf der Suche nach einem Phantom. Eine Frau sitzt direkt an der Quelle: Patience Pourtefeux (Isabelle Huppert), seine Geliebte. Rund um die Uhr übersetzt die selbstbewusste Dolmetscherin für Arabisch im Drogendezernat die abgehörten Telefonate aus der Szene. Selbst bei Razzien und Vernehmungen ist sie mit von der Partie. Massiv unterbezahlt hat Patience in ihrem Leben schon bessere Zeiten gesehen. Doch im Moment steht ihr das Wasser bis zum Hals. Mit der Miete für die chinesische Hausverwalterin Madame Colette Foo (Jade Nadja Nyguyen) ist die Mutter zweier Töchter massiv im Rückstand. Und das kostspielige Pflegeheim für ihre Mutter (Liliane Roveré) frisst den Rest ihrer kläglichen Finanzen. Zudem droht ihr die Leiterin des teuren Seniorenheims ihre Mutter zu entlassen, falls sie nicht mehr bezahlt.
Eine riesige Ladung besten Haschisch ist auf dem Weg in die Stadt. Und am Steuer des Transporters sitzt kein Geringerer als der marokkanische Sohn der netten, hilfsbereiten Pflegerin Khadidja (Farida Ouchani) aus dem Altenheim. Als Patience das begreift, warnt sie die ahnungslose Mutter aus Mitgefühl spontan. Danach weiß die gewiefte Lady, obwohl sie mit dem pflichtbewussten Philippe liiert ist, was sie zu tun hat. Schließlich werden Drogen vom Herumliegen nicht besser und einer muss ja für den Umsatz sorgen.
Mitreißend inszeniert Regisseur Jean-Paul Salomé seine Mischung aus Komödie und Thriller, die sich zum großartigen, gefühlsstarken Frauenporträt entwickelt. Das verdankt der ehemalige Präsident der UniFrance vor allem der Ikone des zeitgenössischen Autorenfilms Isabelle Huppert („Elle“), die längst einen Oscar verdient hätte.

Frankreich 2020
Regie: Jean-Paul Salomé
Darsteller: Isabelle Huppert, Hippolyte Girardot, Farida Ouchani
106 Minuten
ab 12 Jahren


Voraussichtlich ab Donnerstag 8.10.

Unser Boden, unser Erbe



Wie lange kann die Erde den Menschen noch ernähren? Der Karlsruher Regisseur Marc Uhlig zeigt in seinem aufschlussreichen Kinodebüt die aktuelle Bedrohung der Landwirtschaft, aber auch Lösungsmöglichkeiten. Er konzentriert sich auf die Situation in Deutschland, wo die Zerstörung von fruchtbaren Böden immer weiter voranschreitet.

Seit Jahren werden die Rufe nach einer „Agrarwende“ in Deutschland immer lauter. Doch was ist damit gemeint? – Nicht nur die Tierhaltung oder die Frage „Bio oder nicht?“ gehört dazu, sondern auch ein anderes, vielleicht sogar wichtigeres Thema: das Ackerland. Im Vergleich zu anderen europäischen Ländern steht Deutschland nicht besonders gut da, was den Umgang mit dem Boden betrifft: Täglich werden allein ca. 70 Hektar Fläche der Landwirtschaft entzogen – durch Versiegelung oder Bebauung. Das entspricht einem Quadrat von 7 km Kantenlänge. Weltweit werden sogar mehr als 10 Millionen Hektar fruchtbarer Boden pro Jahr vernichtet. Vorhandene Böden sind durch chemische Düngemittel, Monokultur und Erosion ohnehin schon gefährdet bis geschädigt. Trotz vieler Informationskampagnen, nicht nur von Umweltaktivisten, wurden die Hilferufe bisher kaum gehört. Nach einigen Quellen wird die dünne Humusschicht der Erde die Menschheit nur noch 60 Jahre ernähren können. Dieses Problem und mögliche Lösungen behandelt der Dokumentarfilm von Marc Uhlig, der wissenschaftliche Erkenntnisse und Erfahrungen mit Bekenntnissen und Meinungen, z. B. von betroffenen Landwirten, kombiniert.
Zunächst geht es um den Humus. Ein Experte für Bodenfruchtbarkeit erklärt die Zusammenhänge zwischen den Myriaden von Mikroorganismen in einer Handvoll Ackerboden und der Fähigkeit des Bodens, Flüssigkeit und CO2 aufzunehmen. Makro-Aufnahmen von gesundem Ackerland zeigen das Gewimmel auf und unter der Erde, das ein gutes Zeichen ist. In der Folge wird weiter informiert: Wie lässt sich Landwirtschaft betreiben, ohne den Boden zu schädigen? Welche Alternativen gibt es? Im Mittelpunkt stehen dabei der Gemüsebauer Achim Heitmann und sein Bio-Zwiebelfeld – eine Art Hochrisiko-Patient auf der Gemüsestation. Marco Uhlig findet viele Gesprächspartner aus der Landwirtschaft und aus der Forschung. Das Bewusstsein für die Notwendigkeit von Veränderungen scheint sich überall zu verstärken. Auch dieser Film ist ein Zeichen dafür – und ein Mut machendes Signal für einen Paradigmenwechsel.

Quelle: programmkino.de / Gaby Sikorski

Dokumentarfilm
Deutschland 2019
Regie: Marc Uhlig
82 Minuten
ohne Altersbeschränkung


Voraussichtlich ab Donnerstag 15.10.

Oeconomia

Unser Wirtschaftssystem hat sich unsichtbar gemacht und entzieht sich dem Verstehen. In den letzten Jahren blieb uns oft nicht viel mehr als ein diffuses und unbefriedigendes Gefühl, dass irgendetwas schiefläuft. Aber was? Der Dokumentarfilm OECONOMIA legt die Spielregeln des Kapitalismus offen und macht in episodischer Erzählstruktur sichtbar, dass die Wirtschaft nur dann wächst, dass Gewinne nur dann möglich sind, wenn wir uns verschulden. Jenseits von distanzierten Phrasen der Berichterstattung, die ein Verstehen des Ungeheuerlichen letztlich immer wieder verunmöglichen, macht sich OECONOMIA mit viel Scharfsinn und luzider Stringenz daran, den Kapitalismus der Gegenwart zu durchleuchten. Erkennbar wird ein Nullsummenspiel, das uns und unsere ganze Welt in die Logik einer endlos fortwährenden Kapitalvermehrung einspannt – koste es was es wolle. Ein Spiel, das bis zur totalen Erschöpfung gespielt wird und vielleicht kurz vor seinem Ende steht.

Mit ihrem preisgekrönten Dokumentarfilm „Work Hard – Play Hard“ setzte die Regisseurin Carmen Losmann sich mit den Wirkungen des modernen Human Ressource Managements auseinander. Mit OECONOMIA, der auf der Berlinale 2020 seine Premiere feierte und von der Kritik hoch gelobt wurde, setzte sie ihre eindringlichen Recherchen zu den zerstörerischen Grundlagen unseres Wirtschaftssystems fort und öffnet den Blick jenseits der gängigen Erklärungsmuster und Dogmen auf den Nucleus eines hochexplosiven Systems: Der Schuldner als zentraler Akteur. – Ein Film von brennender Aktualität.

Dokumentarfilm
Deutschland 2020
Regie: Carmen Losmann
89 Minuten


Voraussichtlich ab Donnerstag 15.10.

Der Bär in mir

Am äußersten Ende Alaskas erfüllt sich für den weitgereisten Filmemacher Roman Droux ein Traum. Er taucht in die Welt jenes Fabeltiers ein, das ihn seit seiner Kindheit fasziniert und in den Schlaf begleitete. Der bekannte Bärenforscher David Bittner nimmt ihn mit in das Land der Bären. In die vielleicht letzte Wildnis Nordamerikas. Ein Küstengebirge umgeben von endlosen, menschenleeren Stränden. Eine Welt, in der die Grizzlybären das Sagen haben, und keine Spur menschlicher Zivilisation zu finden ist.

Hier machen sich die beiden Abenteurer auf die Suche nach einem Bärenmännchen und einer jungen Bärin, zu denen David Bittner eine enge Beziehung aufgebaut hat: sein Freund Balu und seine grosse Liebe Luna. Die ersten arktischen Sonnenstrahlen des anbrechenden Sommers erwecken die Bären zum Leben. Sie kommen aus ihren Höhlen hinab auf die saftigen Küstenwiesen, um in den kristallklaren Wildbächen und an den Stränden nach Lachsen zu suchen. Bald sind die beiden Männer umgeben von unzähligen Wildtieren, mittendrin in der Welt der Bären. Sie erleben die Fürsorglichkeit einer ausgehungerten Bärenmutter, die entkräftet versucht, ihre Jungen durchzubringen. Erleben blutige Kämpfe riesiger Bärenmännchen, und die Tragik des Überlebenskampfes der wehrlosen Bärenkinder. Die Fabelwelt entpuppt sich als Momentum der Schönheit und Gefahr.

Roman Droux bringt Bilder von einzigartiger Nähe und Emotionalität auf die grosse Leinwand. Ein lebendiger Naturfilm für die ganze Familie, fern oberflächlicher Erklärungsversuche, der jedoch Fragen aufwirft. Er zeigt, dass wir die Magie der Natur nie vollständig erklären können, aber diese aus erster Hand hier erleben dürfen.

Dokumentarfilm
Schweiz, USA 2019
Regie: Roman Droux
Darsteller: David Bittner
96 Minuten
ab 6 Jahren