Geplante Erstaufführungen in den nächsten Wochen:

voraussichtlich ab Donnerstag 22.10.
Vergiftete Wahrheit
Die Stimme des Regenwaldes
Cortex
voraussichtlich ab Samstag 24.10.
The Great Green Wall
voraussichtlich ab Donnerstag 29.10.
Wildherz - Auf der Reise zu mir selbst
Kajillionaire
Schwesterlein
Und morgen die ganze Welt
voraussichtlich ab Donnerstag 5.11.
Matthias & Maxime
Doch das Böse gibt es nicht
Resistance - Widerstand
voraussichtlich ab Donnerstag 12.11.
Rosas Hochzeit
Driveways
voraussichtlich ab Donnerstag 19.11.
Moskau einfach!
David Fincher: Mank
Die Unbeugsamen
Das perfekte Schwarz

Voraussichtlich ab Donnerstag 22.10.

Vergiftete Wahrheit

David gegen Goliath: Robert Billot, ein unscheinbarer Wirtschaftsanwalt, legt sich 1998 mit DuPont, einem der weltweit größten Chemiekonzerne, an und deckt den sogenannten Teflon-Skandal auf. Ein Kampf, für den Bilott bereits 2017 mit dem Alternativen Nobelpreis ausgezeichnet wurde.

Cincinnati 1998. Robert Billot arbeitet als Anwalt für Taft Stettinius & Hollister, eine Kanzlei, die vor allem riesengroße Konzerne vertritt, zum Beispiel DuPont, eine Industriellenfamilie, die ihr Vermögen mit Waffen und Schiesspulver während des amerikanischen Bürgerkrieges gemacht hat und dann zum größten Chemiekonzern Amerikas aufstieg. Und damit ist auch schon der Interessenkonflikt benannt, in der Billot plötzlich steckt. Soeben ist er zum Teilhaber von Taft Stettinius & Hollister ernannt worden. Da erfährt er von Wilbur Tennant, einem Milchbauern aus Parkersburg in West Virginia, dass DuPont einfach seine hochgiftigen Abwässer in ein nahegelegenes Reservoir leitet. Tennants Kühe sind bereits zu Dutzenden verendet. Doch DuPont ein Versagen, vielleicht sogar Absicht zu unterstellen, wird nur schwer zu beweisen sein. Gegen den Willen seiner Kollegen macht sich Billot an die Arbeit. Immer wieder fällt ihm die Formel „PFOA“ ins Auge, eine giftige Voraussetzung für DuPonts lukrativsten Klassiker: Teflon.

Mark Ruffalo, der den Film auch co-produzierte, spielt diesen Billot als kleinen, pummeligen, zurückhaltenden Kerl, der sich nicht wohl in seiner Haut zu fühlen scheint. Er ist klug, er hat moralische Grundsätze. Doch schon seine plumpe Körpersprache signalisiert, dass er im Streit mit DuPont unterlegen sein könnte. Ein Kampf David gegen Goliath also, und was nun folgt, ist einer dieser Recherche-Thriller im Stil von Michael Manns „The Insider“, Steven Zaillians „Zivilprozess“ oder Sidney Lumets „The Verdict – Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit“, in denen sich ebenfalls einsame Streiter mit großen Konzernen anlegten. Manchmal könnte man auch an einen dieser paranoiden Thriller aus den 1970er Jahren denken, Alan J. Pakulas „Zeuge einer Verschwörung“ zum Beispiel, weil hier DuPont, auch mit seiner Verbindung in Regierungskreise, übermächtig erscheint. Warum da noch kämpfen? Antwort: Weil es das Richtige ist. Wissenschaftler gehen übrigens davon aus, dass so gut wie jeder Mensch PFOA in seinem Körper hat. Es baut sich nicht ab. Und das ist der eigentliche Skandal.

Quelle: programmkino.de / Michael Ranze

USA 2019
Regie: Todd Haynes
Darsteller: Mark Ruffalo, Anne Hathaway, Tim Robbins
128 Minuten
ab 6 Jahren


Voraussichtlich ab Donnerstag 22.10.

Die Stimme des Regenwaldes

Fast eine Art moderner Wilhelm Tell ist Bruno Manser, ein Aussteiger, der in den 80er Jahren nach Borneo reiste, beim Eingeborenenstamm der Penan heimisch wurde und ihnen half, gegen die Abholzung des Regenwaldes zu kämpfen.
Er war auf der Suche nach Authentizität, nach einem Leben, das nicht von Bedürfnissen der kapitalistischen Konsumkultur geprägt war, sondern vom Sein in und mit der Natur: Der Schweizer Bruno Manser (Sven Schelker), der einen ganz gewöhnlichen Lebenslauf hatte, Abitur machte, diverse Berufe ausprobierte, als Schafhirte und Schreiner arbeitete, bis er mit Ende 20 genug hatte. 1984 reiste er nach Asien und fand auf Borneo, eine der größten Inseln Malaysias, sein Paradies. Dort leben die Penans, ein Eingeborenenstamm, der fast abgeschnitten von der Zivilisation auf eine Weise überlebt, die sich im Lauf der Jahrhunderte wohl kaum verändert hatte.
Schnell wurde Manser in die Stammeskultur aufgenommen, lernte mit einem Speer jagen und trug nur noch einen Lendenschurz, doch das Paradies war nicht von Dauer. Zu verlockend waren die Hölzer des Regenwaldes, zu viel Profit versprach die Rodung, der nur die Stämme der Penan im Wege standen.

Manser wurde zum Gesicht des Widerstandes, wurde von den Medien, die bald auf den Konflikt aufmerksam wurden, als „weißer Penan“ bezeichnet und auch von „seinem“ Stamm als Laki-Penan, als Penan-Mann bezeichnet. Nach Jahren des Kampfes vor Ort, als längst ein Kopfgeld auf ihn ausgesetzt war, floh Manser 1990 aus dem Land und gründete in der Schweiz eine Hilfsorganisation, die sich dem Kampf um die Rettung des Regenwaldes und damit dem Lebensraum der Penan widmete. Immer wieder kehrte Manser in den folgenden Jahren nach Malaysia zurück, zum letzten Mal 2000, obwohl er mit einem Einreiseverbot belegt war. Diese Reise sollte seine letzte sein: Manser verschwand spurlos, seine Leiche wurde nie gefunden.
Etliche Bücher sind seitdem über Bruno Manser erschienen, zahlreiche Artikel haben sein Leben und Wirken beschrieben, nun ehrt ihn diese abendfüllende Kino-Dokumentation.

Quelle: programmkino.de / Michael Meyns

Schweiz 2019
Regie: Niklaus Hilber
Darsteller: Sven Schelker, Elizabeth Ballang, Nick Kelesau
141 Minuten


Voraussichtlich ab Donnerstag 22.10.

Cortex

Das Regiedebut von Moritz Bleibtreu („Lola rennt“) lotet die Grenze zwischen Realität und Fiebertraum, zwischen Wahn und Wahrhaftigkeit aus. Bleibtreu schrieb zudem das Drehbuch, produzierte den Film und spielt dazu auch noch die Hauptrolle - Chapeau!
Zwei Männer, zwei Leben, eine schicksalhafte Begegnung: Hagen (Moritz Bleibtreu) plagen unkontrollierte Schlafphasen, in denen er zwischen Traum und Realität nicht mehr unterscheiden kann. Die angeschlagene Beziehung zu seiner Frau Karoline (Nadja Uhl) leidet darunter mit jedem Tag mehr. Ihr Seitensprung mit dem Kleinkriminellen Niko (Jannis Niewöhner) setzt jedoch eine verstörende Verkettung von Geschehnissen in Gang, die das Leben beider Männer drastisch verändern wird. Es steht plötzlich alles Kopf – oder doch nicht? Wer ist Opfer, wer Täter, wer steuert das Liebeskarussell oder hat Hagen alles selber in die Wege geleitet? Ist er schizophren oder wurde er einfach reingelegt und unter Drogen gesetzt? Ein nicht enden wollender Alptraum zwischen Wirklichkeit und wahnvoller Fantasie entfaltet sich, der eine gnadenlose Spirale nach ganz unten in Gang setzt...
Kontrolle, Einfluss, Bestimmung. Das Leben folgt festgelegten Routen, die zum Kreislauf unseres Alltags werden. Ein fragiles Konstrukt der Routine, das sich durch Abweichungen in ein zerbrechliches Kartenhaus wandelt. Die Flucht in unbekannte Traumwelten: Ein düsterer Ort, an dem sich Grenzen auflösen und Identitäten verschwimmen. Mit flirrenden Bildern begibt sich der Psycho-Thriller in die dunklen Abgründe der menschlichen Psyche.
Vor der Kamera von Thomas W. Kiennast (3 Tage in Quiberon, Das finstere Tal) stehen Jannis Niewöhner (Jugend ohne Gott), Nadja Uhl (Sommer vorm Balkon), Marc Hosemann (Der Goldene Handschuh), Anna Bederke (Soul Kitchen) und Nicholas Ofczarek (Der Pass, Braunschlag).

Moritz Bleibtreu ist ein Multitalent. Denkt man an seine Gesangseinlagen in „Ich war noch niemals in New York“, sein atemloses Spiel in „Lola rennt“, die Extrem-Performance in „Das Experiment“, den gutmütigen Dummbatz in „Rico, Oscar und das Herzgebreche“ oder an seine Synchronarbeiten zum Beispiel als Eugene Fitzherbert in Walt Disneys „Rapunzel – Neu Verföhnt“. 2006 gewann er für das Schauspiel in Oskar Roehler’s „Elementarteilchen“ den silbernen Bären!

Deutschland 2020
Regie: Moritz Bleibtreu
Darsteller: Moritz Bleibtreu, Jannis Niewöhner, Nadja Uhl
96 Minuten
ab 16 Jahren


Voraussichtlich ab Samstag 24.10.

The Great Green Wall

Die große grüne Mauer, ein Projekt, das aus einem 8.000 Kilometer langen Grüngürtel aus Bäumen bestehen soll, der Afrika durchzieht. Der Film sieht sich die Fortschritte an, aber auch, wie viel noch getan werden muss.
Die Bäume-Mauer soll nicht nur als Bollwerk gegen die sich in Afrika ausbreitende Wüste dienen, sondern den Menschen neue Möglichkeiten eröffnen. Denn in der Sahel-Zone, in der der Klimawandel am stärksten zuschlägt und bereits zwei Drittel der Länder ausgedörrt sind, ist dies die letzte Chance. Ohne diese Mauer können die Menschen nicht überleben und sind gezwungen, die Heimat zu verlassen.

„The Great Green Wall“ befasst sich entsprechend nicht nur mit dem Klimawandel, sondern zeigt auch eine neue, junge Generation an Afrikanern, die das Problem angeht und auf jeden Fall vermeiden möchte, ihre Heimat in Richtung Europa verlassen zu müssen. Die Sängerin Inna Modja ist entlang dieser noch lückenhaften grünen Mauer gereist und hat mit Menschen im Senegal, in Mali, Nigeria und Äthiopien gesprochen. Es geh dabei um ihre Ängste, Träume und Hoffnungen, und das alles in einer Sprache, die für die afrikanische Kultur schon immer bestimmend war: Musik.
Ihre Reise lässt sie auf sehr unterschiedliche Menschen treffen. Auf einen Mann, der im Senegal beim Pflanzen der ersten Bäume im Jahr 2008 dabei war und sie wie seine Kinder sieht, auf Kinder, die verschleppt wurden, sich nun jedoch für dieses Projekt einsetzen, auf Musiker, die den Traum weitertragen, nicht wegzugehen, sondern in der Heimat etwas zu verändern. Es sind unterschiedliche Perspektiven, Menschen, Ansichten, Hintergründe, aber sie alle vereint die Hoffnung auf ein besseres Leben, auch wenn die Mühen, sich dem Klimawandel entgegenzustellen, alles andere als leicht sein werden.

Rückschläge muss man hinnehmen, auch und gerade auf die Great Green Wall, die mehrere Länder durchzieht und auch zwölf Jahre nach dem Beginn des Pflanzens von Bäumen nur lückenhaft vorhanden ist. In manchen Ländern kommt man besser, in anderen schlechter voran, was auch an den Umständen liegt, sind manche Länder doch Kriegsgebiete.

Dokumentarfilm
Großbritannien 2019
Regie: Jared P. Scott
92 Minuten
ab 6 Jahren


Voraussichtlich ab Donnerstag 29.10.

Wildherz - Auf der Reise zu mir selbst

Nach „Die Magie der Wildpferde“ entführt uns Regisseurin Caro Lobig erneut in die Welt der galoppierenden Vierbeiner, denn auch Protagonistin Simone Hage weiss, alles Glück der Erde liegt auf dem Rücken…

Sie ist gerade mal 20 Jahre alt, voller Lebensfreude, aber ohne Plan unterwegs: Simone Hage verkörpert vieles, wonach sich andere sehnen. Sie macht, was sich die meisten Menschen nicht trauen. Die Bayerin hat mit 16 die Schule abgebrochen, um alleine mit dem Rucksack durch die Welt zu reisen. So richtig zurück in ihr kleines Dorf in der Nähe von München kam sie seitdem nicht mehr. Simone will mehr: Die Welt entdecken, von anderen Menschen lernen statt Bücher zu lesen, den Sinn ihres Lebens finden - und jeden Tag aufs Neue hinterfragen. Doch wo findet man die Antworten auf die großen Fragen des Lebens?
Simone wandert mit zwei Wildpferden von Bayern 1500 Kilometer hoch an die Ostsee, verbringt den Winter in Dänemark - bis es sie ein paar Monate später wieder zurück in die Berge nach Bayern zieht. Auf ihren Reisen nach Österreich, Spanien und Portugal verliert sie sich zunehmend mehr, statt sich zu finden und am Ende will sie nur noch eines: Wissen, was ihre Aufgabe in diesem Leben ist.
Simone gesteht sich immer mehr ein, dass das Reisen nicht immer nur Ausdruck ihres offenen Herzens und ihres Freiheitsdrangs war, sondern oft auch eine Flucht. Am Ende steht sie sich selbst gegenüber - und ist bereit, nicht mehr wegzulaufen.

Dokumentarfilm, Deutschland 2020
Regie: Caro Lobig
mit Simone Hage
93 Minuten
ohne Altersbeschränkung


Voraussichtlich ab Donnerstag 29.10.

Kajillionaire

Mit der schrullig schönen Lovestory „The Future“ verzauberte Miranda July einst die Berlinale und landete einen veritablen Arthaus-Hit. Elf Jahre dauerte es bis zum nächsten Streich, die kreative Tausendsassa-Künstlerin ist schließlich noch als Autorin und Performance-Künstlerin aktiv.

Gleich das erste Bild gerät zum optischen Triumph, gleichsam ein Gruß aus der visuellen Küche der stilbewussten Filmkünstlerin. Der orangefarbene Bus fährt zur Haltestelle vor dem babyblauen Post-Gebäude. Kaum sind die Passagiere ausgestiegen, sieht man das Familien-Trio, das jene Filiale überfallen wird. Kein großer Coup, vielmehr kleine Trickdiebstähle, bei denen Päckchen aus Schließfächern gemopst werden. Der Inhalt entpuppt sich meist als schnöder Kleinkram. Lukrativer läuft die Masche, gestohlene Briefe als vermeintliche Fundsache an die Besitzer zurückzubringen.
Raffiniert sowie mit akrobatischem Körpereinsatz schleicht die schrecklich diebische Familie täglich an ihrem Vermieter vorbei, um peinliche Nachfragen nach den Mietschulden zu vermeiden. Umgekehrt ertragen sie klaglos, wenn regelmäßig rosaroter Schaum der benachbarten Seifenblasen-Fabrik durch die Decke dringt. Die gemütliche Kleinkriminalität findet ein jähes Ende, als in der Postfiliale eine Überwachungskamera installiert wird. Schnell kommen neue Ideen, zum Beispiel Flugzeuggepäckentwendung samt Versicherungsbetrug. Papa Robert lernt bald die charmante Melanie kennen. Man versteht sich nicht nur blendend, spontan steigt die junge Frau sogar in den Familienbetrieb ein.

Eine Familienaufstellung à la Miranda July fällt erwartungsgemäß denkbar unkonventionell aus. Da will der Vater etwa gemeinsam mit Melanie nackt in den frisch ergaunerten Whirlpool steigen, den er auf einer Toilette aufgestellt hat. Die hinzukommende Gattin reagiert überrascht, reicht jedoch freundlich die Handtücher. Strenger ist die Frau Mama mit der Tochter, als diese ihr 1.500 Dollar anbietet, damit sie endlich einmal ein liebevolles Kosewort zu ihr sagt. „Du willst Leute mit falschen freundlichen Fassaden aus uns machen!“, reagiert die Mutter schroff.

Bei ihrem dritten Kinostreich erweist sich July einmal mehr als ebenso eigenwillige wie einfallsreiche Kino-Poetin mit einem großen Herz für ihre etwas sonderbaren Figuren.

Quelle: programmkino.de / Dieter Oßwald

USA 2020
Regie: Miranda July
Darsteller: Evan Rachel Wood, Gina Rodriguez, Debra Winger
106 Minuten


Voraussichtlich ab Donnerstag 29.10.

Schwesterlein


Nach „Das Vorspiel“ und „Pelikanblut“ der nun bereits dritte Kinofilm innerhalb weniger Monate mit der großartigen Nina Hoss. Neben ihr brilliert der Feuilleton-Tausendsassa Lars Eidinger, der uns ebenfalls erst vor ein paar Wochen als SS-Offizier in „Persischstunden“ begeisterte. „Schwesterlein“ lief unter anderem in diesem Jahr im Wettbewerb der Berlinale.
Lisa (Nina Hoss), einst umtriebige und brillante Theaterautorin, schreibt nicht mehr, kann nicht mehr schreiben, ist leer oder steckt fest. Sie lebt mit ihrer Familie in der Schweiz, hat sich auf ein anderes Leben eingelassen - doch ihr Herz ist in Berlin geblieben – ganz besonders bei ihrem Zwillingsbruder Sven (Lars Eidinger), einem berühmten Bühnendarsteller. Seit dieser an einer aggressiven Leukämie erkrankt ist, sind die Geschwister noch enger verbunden. Lisa weigert sich, den Schicksalsschlag hinzunehmen und setzt alle Hebel in Bewegung, um Sven wieder auf die Bühne zu bringen. Er ist ihr Seelenverwandter, für den sie alles andere vernachlässigt. Selbst als ihre Ehe in Schieflage gerät, hat sie nur Augen und Aufmerksamkeit für ihren Bruder, in dem sich ihre tiefsten Sehnsüchte spiegeln: Er weckt in ihr das Verlangen, wieder kreativ zu sein, sich lebendig zu fühlen, sich ausdrücken zu können, im künstlerischen Kontext.

Mit SCHWESTERLEIN ist den Schweizer Regisseurinnen Stéphanie Chuat und Véronique Reymond ein aufwühlendes Drama gelungen, das sich voll und ganz auf seine überragenden Hauptdarsteller verlassen kann: Nina Hoss und Lars Eidinger – erstmals gemeinsam vor der Kamera – verkörpern das innige Geschwisterpaar voller Glaubwürdigkeit und leidenschaftlicher Intensität. Eine berührende Liebeserklärung an die Kunst und die belebende Kraft der Kreativität.

Schweiz, Deutschland 2020
Regie: Stéphanie Chuat, Véronique Reymond
Darsteller: Nina Hoss, Lars Eidinger, Marthe Keller
99 Minuten


Voraussichtlich ab Donnerstag 29.10.

Und morgen die ganze Welt

Nach dem Arthaus-Überraschungserfolg „Hannas Reise“ ist Regisseurin Julie von Heinz mit ihrem neusten Kinofilm auch bei uns zu Gast. „Und morgen die ganze Welt“ berichtet von einer jungen Frau, die aus Widerstand gegen deutsche Nationalisten in ein linkes Milieu abdriftet, das auch Gewalt für ein probates Mittel der politischen Ausdruckskraft hält.
Luisa (Mala Emde) ist 20 Jahre alt, stammt aus gutem Haus und studiert Jura im ersten Semester. Sie möchte, dass sich etwas verändert in Deutschland. Alarmiert vom Rechtsruck im Land und der zunehmenden Beliebtheit populistischer Parteien, tut sie sich mit ihren Freunden zusammen, um sich klar gegen die neue Rechte zu positionieren. Schnell findet sie Anschluss bei dem charismatischen Alfa (Noah Saavedra) und dessen besten Freund Lenor (Tonio Schneider): Für die beiden ist auch der Einsatz von Gewalt ein legitimes Mittel, um Widerstand zu leisten. Bald schon überstürzen sich die Ereignisse. Und Luisa muss entscheiden, wie weit zu gehen sie bereit ist - auch wenn das fatale Konsequenzen für sie und ihre Freunde und ihre Familie haben könnte.
Inspiriert von persönlichen Erlebnissen und Begebenheiten, hat Julia von Heinz nach „Hannas Reise“ erneut zusammen mit ihrem Ehemann John Quester das Drehbuch zum Film verfasst. In der Hauptrolle fasziniert Mala Emde, die uns vor zwei Jahren bei den Open Air Kinonächten am Schloss Gottesaue für den Film „303“ einen Besuch abstattete. Sie spielt die kämpferische junge Frau, die sich mit den Gegebenheiten in Ihrem Umfeld nicht arrangieren kann und bald vor einer politisch-gesellschaftlich gefährlichen Radikalisierung steht. In Sturm und Drang stehen ihr Noah Saavedra ("Freud"), Tonio Schneider und Luisa-Céline Gaffron ("Als Hitler das rosa Kaninchen stahl") bei.
Das brisante Politdrama lief im Wettbewerb der 77. Internationalen Filmfestspiele in Venedig und eröffnete die diesjährigen Hofer Filmtage.

Deutschland 2020
Regie: Julia von Heinz
Darsteller: Mala Emde, Noah Saavedra, Tonio Schneider
111 Minuten
ab 12 Jahren


Voraussichtlich ab Donnerstag 5.11.

Matthias & Maxime

Matthias und Maxime sind schon seit ihrer Kindheit beste Freunde und können sich gar nicht vorstellen, plötzlich getrennte Wege zu gehen. Doch das Erwachsenwerden bedeutet Veränderung und so zieht es Maxime für längere Zeit nach Australien.

In den Tagen vor seiner Abreise ziehen die beiden im Kreis ihrer Freunde von einer Party zur nächsten. Als eine ihrer Freundinnen, eine Filmstudentin, für ihren neuesten Kurzfilm noch zwei Schauspieler sucht, werden Matthias und Maxime kurzerhand und nicht ganz gegen ihren Willen engagiert. Der Knackpunkt des Ganzen? Die beiden Freunde müssen sich vor der Kamera küssen und dies bringt plötzlich alles ins Wanken.

Ungeahnte und unterdrückte Gefühle erwachen, die die beiden vor Entscheidungen und Herausforderungen stellen, die unüberwindbar scheinen. Denn während Matthias sich krampfhaft gegen seine Gefühle zu wehren versucht, wächst in Maxime mehr und mehr der Wunsch, Matthias noch näher zu kommen, bevor sie der Ozean endgültig trennt. Gibt es für die beiden doch noch ein Happy End?

Kanada 2019
Regie: Xavier Dolan
Darsteller: Xavier Dolan, Gabriel DAlmeida Freitas, Micheline Bernard
119 Minuten


Voraussichtlich ab Donnerstag 5.11.

Doch das Böse gibt es nicht

Mohammad Rasulofs engagiertes Episoden-Drama ist eine couragierte, unaufdringlich gefilmte Abrechnung mit dem autoritären, unterdrückenden iranischen System. Der Film wirft wichtige Fragen auf und überrascht mit vielen Wendungen: Goldener Bär 2020!

Der Zuschauer nimmt in vier Geschichten an den Schicksalen unterschiedlicher Menschen im Iran teil: „There is no evil“ handelt von Heshmat (Ehsan Mirhosseini). Er ist ein liebender Vater und Ehemann, der pflichtbewusst seiner Arbeit nachgeht. Doch ist sein Leben wirklich so normal, wie es von außen wirkt? Im Zentrum von „She said, you can do it“ steht der junge Pouya (Kaveh Ahangar). Er hat vor kurzem seinen Militärdienst in einem Gefängnis begonnen. Einen Menschen in den Tod zu schicken kann er sich jedoch nicht vorstellen. In „Birthday“ geht es um den Soldaten Javad (Mohammad Valizadegan) und seine Freundin. Eigentlich steht ein freudiges Ereignis bevor, denn Javad möchte seiner großen Liebe an deren Geburtstag einen Antrag machen. Doch bei seiner Ankunft ist die Stimmung getrübt. Und in „Kiss me“ erhalten der iranische Arzt Bahram (Mohammad Seddighimehr) und seine Frau Besuch aus Deutschland: Bahrams Nichte kommt vorbei. Dort erfährt sie einige unerwartete Dinge über ihren Onkel. Auch, wieso er seinen Beruf nicht mehr ausübt.

Für Rasulof, der in seiner Heimat mit Arbeitsverbot belegt ist und nicht selbst zur Berlinale anreisen durfte, ist die höchste Auszeichnung des Festivals sicherlich eine Genugtuung. Denn ebenso sein siebter Spielfilm handelt, wie viele seiner Werke zuvor, vom restriktiven politischen System im Iran, in dem Einzelschicksale wenig zählen und die Bewohner vom Staat zu unmenschlichem Handeln gezwungen werden. Wie in der zweiten Episode, „She Said, You Can Do It“, in der Pouya einen verurteilten Häftling hinrichten soll. Es ist die stärkste, kraftvollste Episode, in der Rasulof klarmacht: Widerstand und ein „sich wehren“ gegen die Obrigkeit und totalitäre Strukturen sind möglich. An einer Stelle des Films heißt es: „Sagen wir nein, zerstören die unser Leben.“ Doch leistet man den Aufträgen und Befehlen folge, wird das eigene Leben langfristig auch zerstört. Denn man handelt gegen seine eigenen Überzeugungen. Aus diesem Dilemma müssen alle Protagonisten der vier Episoden, die inhaltlich kaum miteinander verknüpft sind, einen Ausweg finden.


Quelle: Björn Schnieder / programmkino.de

Iran, Deutschland 2020
Regie: Mohammad Rasoulof
Darsteller: Baran Rasoulof, Shahi Jila, Kaveh Ahangar
152 Minuten
ab 12 Jahren


Voraussichtlich ab Donnerstag 5.11.

Resistance - Widerstand

Bewegendes Drama um den späteren sehr erfolgreichen Pantomimen Marcel Marceaux, der im Zweiten Weltkrieg vehement versuchte, jüdische Kinder in Sicherheit zu bringen. In der Hauptrolle ein verblüffender Jesse Eisenberg („The Social Network“).
Ende 1938 in Deutschland wird das Mädchen Elsbeth Zeugin der skrupellosen Ermordung ihrer jüdischen Eltern durch Nazis in der "Reichskristallnacht". Parallel sehen wir auf der Grenzbrücke zu Frankreich Mitarbeiter der jüdischen Hilfsorganisation 123. Diese warten auf jüdische Waisen. Sigmund, der Nachkömmling des Straßburger Fleischerei-Inhabers Charles Marceau überredet seinen Bruder, den Pantomimen Marcel, bei der Sicherung der Kinder in einem Schloss zu auszuhelfen. Nach dem Überfall Deutschlands auf Polen 1939 reagiert Frankreich in den Grenzregionen zu Deutschland und lässt die Bevölkerung Straßburgs in den Süden Frankreichs evakuieren. Marcel, sein Bruder und die beiden Schwestern Emma und Mila betreuen dabei die Unterbringung der jüdischen Waisen. Aus der ursprünglichen Schutztruppe für die Kinder wird nach der Besetzung Frankreichs ein Teil der Résistance im Vichy Frankreich. Als dieser Teil des Landes von Obersturmführer Klaus Barbie besetzt und mit Terror durchzogen wird, gilt es für die Freunde, die Kinder in die Schweiz zu retten.

Jesse Eisenberg überzeugt mit seinem darstellerischen Talent - mit seiner Sensibilität und Resolutheit - eine Rolle, die man ihm so ohne weiteres nicht zugetraut hätte. Die künstlerischen Darstellungen sind verblüffend, gekonnt und voller Seele. Resistance ist wunderbares Schauspielerkino vom Feinsten. Auch Matthias Schweighöfer als exekutiver Nazi Klaus Barbie ist eine Wucht: Dämonische Drohgebärden und freundlichst lächelnder Mimik gehen Hand in Hand.
Die französisch-amerikanische Produktion erzählt von den Helden der Resistance, die sich gegen den Faschismus stellten und es geschafft haben, viele jüdische Kinder vor dem Dritten Reich außer Landes zu bringen und zu retten. Regisseur Jonathan Jakubowicz inszeniert zusammen mit seinem Kameramann Miguel Littin-Menz eine bedrückend spannende Atmosphäre, in denen die Angst der im Untergrund Lebenden vor der Entdeckung durch die Nazis unmittelbar spürbar wird. Diese überaus wichtige Geschichte der Resistance wird mit taktvoller Gewichtung und dem richtigen Gefühl aufgezeigt: Man versteht, dass jeder einzelne als Teil einer Bewegung Verantwortung tragen und die Welt zu einem besseren Ort werden lassen kann. Der Film verbeugt sich also nicht nur vor einem großen Künstler, sondern appelliert an die Mündigkeit eines jeden, um für das Richtige einstehen.

Großbritannien, Frankreich 2020
Regie: Jonathan Jakubowicz
Darsteller: Jesse Eisenberg, Clémence Poésy, Matthias Schweighöfer
122 Minuten
ab 12 Jahren


Voraussichtlich ab Donnerstag 12.11.

Rosas Hochzeit

“Eine Tragikomödie, die von der ersten bis zur letzten Szene mitten ins Herz trifft, unentrinnbar, perfekt auf allen Ebenen, kostbar, unterhaltsam, mitreißend, absurd, lustig und erschreckend, teuflisch glücklich. Wie das Leben selbst… Candela Peña ist spektakulär!“ EL PAÍS
Am Anfang von ROSAS HOCHZEIT stand ein Artikel im Guardian über eine japanische Agentur, die auf die Organisation ungewöhnlicher Hochzeiten spezialisiert war: Trauungszeremonie, Eheversprechen, Gäste, Fotos ... allerdings ohne Partner oder Partnerin. Es ging um Hochzeiten mit sich selbst. Gemeinsam mit der Autorin Alicia Luna, mit der sie schon die Drehbücher zu „Öffne meine Augen“ und „El Olivo“ geschrieben hatte, fing Regisseurin Iciar Bollain an, sich mit dem Phänomen der Selbstheirat zu beschäftigen. „Als wir anfingen zu recherchieren, haben wir bald festgestellt, dass diese Hochzeiten mit sich selbst seit Jahren weltweit verbreitet sind. In Spanien trafen wir uns mit einer wunderbaren Frau, May Serrano, die sich vor Jahren selbst geheiratet hatte und seitdem diese Art von Hochzeiten organisiert. Sie erzählte von ihren Erfahrungen und brachte uns in Kontakt mit anderen Frauen. Es hat uns sehr geholfen, von diesen Frauen zu erfahren, wie sich das für sie anfühlte und was ihre Motivationen waren.“ erzählt Iciar Bollain.

Zum Film: Kurz vor ihrem 45. Geburtstag beschließt Rosa, dass es Zeit für einen radikalen Wandel in ihrem Leben ist. Immer hat sie für die anderen gelebt, in ihrem Job als Kostümbildnerin bis zum Umfallen gearbeitet, den Vater zum Arzt begleitet, sich um die Kinder ihres Bruders gekümmert. Knall auf Fall verlässt sie Valencia, um sich im alten Schneiderladen ihrer Mutter im kleinen Küstenort Benicassim den Traum vom eigenen Atelier zu erfüllen. Aber es ist nicht so leicht, das Leben in die eigenen Hände zu nehmen. Ihr Vater, die Geschwister, ihr Freund und ihre Tochter, alle mit eigenen Plänen und Problemen: Das Handy hört gar nicht mehr auf zu klingeln. Rosa beschließt, ein Zeichen zu setzen: Sie will heiraten. Und diese Hochzeit wird eine ganz besondere sein. Mit ROSAS HOCHZEIT ist Iciar Bollain („YULI“) ein Überraschungs-Hit in Spanien gelungen: Eine dramatische Komödie, die Geschichte einer Befreiung, mit einem herausragenden Ensemble, allen voran der umwerfenden Candela Peña – „ein Film in der besten Tradition des spanischen Kinos, unterhaltsam, mediterran, fröhlich.“ (PÚBLICO)

Spanien 2020
Regie: Icíar Bollaín
Darsteller: Candela Peña, Ramón Barea, Paloma Vidal
97 Minuten


Voraussichtlich ab Donnerstag 12.11.

Driveways

Eine Mutter reist gemeinsam mit ihrem achtjährigen Sohn zum Haus ihrer verstorbenen Schwester, um den Nachlass zu regeln. Ein Vorhaben, dass sich rasch als langwierig entpuppt: Das Haus ist bis unter die Decke vollgepackt mit Dingen und Habseligkeiten. Die Entrümpelung wird darum einige Zeit in Anspruch nehmen – Zeit, die der Bub nutzt, um Freundschaft mit einem alten, einsamen Nachbarn zu schließen.
Eigentlich hatte Kathy (Hong Chau) gemeinsam mit ihrem achtjährigen Sohn Cody (Lucas Jaye) nur eben schnell den Nachlass ihrer verstorbenen Schwester April regeln wollen. Doch als sie an einem Spätsommerabend nach langer Autofahrt das Haus, außerhalb einer Kleinstadt im US-Staat New York gelegen, erreicht, ist sie bass erstaunt. Der Strom ist abgestellt, im Dunkeln ist kaum etwas zu erkennen. Der alleinerziehenden Mutter bleibt nichts anderes übrig, als erst einmal mit ihrem Sohn im Motel zu übernachten. Tags darauf offenbart sich dann die Bescherung: Das Haus ist vollgepackt mit Kram, bis zur Zimmerdecke stapeln sich die Habseligkeiten. Missmutig bestellt Kathy einen großen Container, krempelt die Ärmel hoch und beginnt mit der Arbeit. April war offensichtlich ein Messie, sie konnte einfach nichts wegwerfen. Der sensible und schüchterne Cody hingegen schließt, zögerlich zunächst, Freundschaft mit einem Nachbarn: Del, ein 83-jähriger Kriegsveteran, der schon vor Jahren seine Frau verloren hat. Sie reden viel miteinander, sie leisten sich Gesellschaft. Doch irgendwann ist das Haus leer und renoviert. Plötzlich ist sich Kathy nicht mehr sicher, ob sie es wirklich verkaufen will. Und auch Del muss eine schwere Entscheidung treffen.
Diesen alten Mann spielt Brian Dennehy, der im April diesen Jahres starb. Dies ist einer seiner letzten Filme. „Driveways“ ist also fast so etwas wie sein Vermächtnis, in dem es um Trauer und Verlust geht, um die Bürde des Alters und die Last der Erinnerung, aber auch um Nähe und Freundschaft.
Es ist schon erstaunlich, wie zurückgenommen und unaufgeregt Regisseur Andrew Ahn „Driveways“ inszeniert hat. Seine Autoren Hannah Bos und Paul Thureen entwerfen glaubwürdige Figuren, die in lebensnahen, präzisen Dialogen ihre Geschichten erzählen.

Quelle: Michael Ranze / programmkino.de

USA 2019
Regie: Andrew Ahn
Darsteller: Chau Hong, Lucas Jaye, Brian Dennehy
85 Minuten
ohne Altersbeschränkung


Voraussichtlich ab Donnerstag 19.11.

Moskau einfach!



Zürich 1989. Ein braver Polizeibeamter soll im Schauspielhaus Informationen über linke Theaterleute sammeln. Doch je mehr er hinter den Vorhang schaut, desto weniger glaubt er an seinen Auftrag. Der Fichenskandal folgt auf den Fuß – wunderbar spröde Komödie aus der Schweiz!

Während in Berlin bald die Mauer fällt, überwacht in der Schweiz im Sommer 1989 die Geheimpolizei Hunderttausende ihrer eigenen Bürger. Viktor (Philippe Graber), ein braver Polizeibeamter, wird von seinem Vorgesetzten Marogg (Mike Müller) verdeckt ins Zürcher Schauspielhaus eingeschleust, um Informationen über angebliche linke Theater- und Kulturschaffende zu sammeln. Er soll Beweise liefern, um eine „demokratiefeindliche“ Gesinnung zu stützen und den Kern der Gruppierung überführen. Als er sich in die Schauspielerin Odile (Miriam Stein) verliebt, jene Person, die er eigentlich observieren soll, gibt es kein Zurück mehr: Er muss sich entscheiden zwischen seinem Auftrag und seinem Herzen.

Als Bundesrat Moritz Leuenberger am 24. November vor 30 Jahren den Bericht der PUK zur "Affäre Kopp" präsentierte, liess er eine Bombe platzen. Dienstbeflissene Beamte hatten während des Kalten Krieges über 900000 "Staatsschutzfichen" angelegt, da eine gesellschaftliche und politische Unterwanderung durch Moskau vermutet wurde. Sie dokumentierten alles, was in ihren Augen irgendwie "links", unkonventionell und damit "unschweizerisch" war. Der Fichenskandal in seiner Willkür und Banalität war für Regisseur Micha Lewinsky der ideale Nährboden für seine neue Komödie.
„Dieser Skandal ist bis heute nicht als Spielfilm aufgearbeitet worden“, erklärt Regisseur Micha Lewinsky. „Viele Junge wissen kaum noch, was damals passiert ist. Dabei ist das Thema aktueller denn je.“ Micha Lewinsky betont, dass es ihm wichtig war, die Geschichte als Komödie zu erzählen: „Wenn man heute liest, welche Daten da im Detail gesammelt wurden, ist das stellenweise einfach zum Lachen - auch wenn es damals natürlich ernsthafte Konsequenzen für die Betroffenen hatte."

Schweiz 2020
Regie: Micha Lewinsky
Darsteller: Miriam Stein, Philippe Graber, Michael Maertens
99 Minuten


Voraussichtlich ab Donnerstag 19.11.

David Fincher: Mank

USA 2020
Regie: David Fincher
Darsteller: Gary Oldman, Amanda Seyfried, Lily Collins, Tuppence Middleton, Tom Burke


Voraussichtlich ab Donnerstag 19.11.

Die Unbeugsamen

Die spannende und bewegende Chronik westdeutscher Politik von 1950 bis zur Wiedervereinigung ist ein Dokumentarfilm, wie er hellsichtiger und aktueller nicht sein könnte. Obwohl die Geschichte der Frauen in der Bonner Republik ein historisches Zeitdokument ist, wirft dieser unbedingt sehenswerte Rückblick in Zeiten von MeToo um Machtmissbrauch und sexuelle Gewalt ein Schlaglicht auf das immer wieder zurückgedrängte Thema Emanzipation und Feminismus.

Bonn 1961. Die Republik schien manchen noch gemütlich. Politiker machten Fehler, sie hatten Geliebte, doch darüber wurde gemunkelt, nicht berichtet. Für die Frauen war Bonn weniger gemütlich. Denn die Bonner Bundesrepublik ist eine absolute Männerbastion. Selbst in seinem vierten Kabinett, zwölf Jahre nach Gründung der Bundesrepublik, will Kanzler Konrad Adenauer keine Frau sehen. Und das obwohl die Berufung überfällig ist. Aber zustande kommt sie nur unter Druck. CDU-Frauen belagern mit einer Sitzblockade den Kabinettsaal. Sie drohen solange zu bleiben bis ihre Forderung erfüllt wird. Da alle vorgesehenen Ressorts bereits vergeben waren, schaffen die Koalitionäre schnell ein neues: Die Frankfurter Juristin Elisabeth Schwarzhaupt wird die erste Chefin eines Gesundheitsministeriums. Unmittelbar nach ihrer Ernennung sagt Schwarzhaupt in einem Fernsehinterview statt mit „Frau Minister“ finde sie es logischer mit „Frau Ministerin“ angesprochen zu werden. „In diesem Kreis sind auch Sie ein Herr!“ wies Adenauer freilich, die erste deutsche Ministerin zurecht.
Auch Jahre später wirkt das Bonner Bundesdorf wie ein Treibhaus für Chauvinismus und sexuelle Übergriffe. Den ganz normalen Sexismus im Parlament zeigen die Archivaufnahmen von der ersten Rede der Grünen Abgeordneten Waldtraud Schoppe. Mit ihr bricht sie ein Tabu und zahlt dafür einen hohen Preis. Als sie die Strafbarkeit von Vergewaltigung in der Ehe fordert und das Ende des „alltäglichen Sexismus hier im Parlament“, gleicht der Bundestag einem Tollhaus. Der grölende, feixende Männermob rastet aus. Johlen, Schenkelklopfen und Zwischenrufe wie „Hexe, so was hätte man früher verbrannt“, „Du willst es doch nur besorgt bekommen“ ertönen. Erst 1997 wird Vergewaltigung in der Ehe ein Straftatbestand.

Regisseur Torsten Körner arbeitet ohne eine belehrende und erläuternde Stimme aus dem Off. Dramaturgisch eingängig aufeinander aufgebaut funktioniert seine exzellente Montage des Bild- und Archivmaterials trotzdem.

Quelle: Luitgard Koch / programmkino.de

Dokumentarfilm
Deutschland 2020
Regie: Torsten Körner
104 Minuten
ohne Altersbeschränkung


Voraussichtlich ab Donnerstag 19.11.

Das perfekte Schwarz

Viele Assoziationen weckt der Begriff Schwarz, von der aktuellen Black-Lives-Matter-Bewegung über schwarze Löcher bis zum Schwarz der Nacht, das in westlichen Breiten gar nicht mehr so schwarz ist. Ein vielfältiges Thema also, das Tom Fröhlich in seinem essayistischen Dokumentarfilm „Das perfekte Schwarz“ weiträumig behandelt und dabei sechs Menschen porträtiert, die sich auf unterschiedliche Weisen mit dem Thema Schwarz beschäftigen.


Vor einigen Jahren herrschte Aufregung in der Kunstwelt: Der britische Künstler Anish Kapoor, bekannt für gigantische, einfarbige Skulpturen, hatte sich das Recht auf die Nutzung der Farbe Vantablack gesichert, ein Schwarz, das 99,965% des Lichts absorbiert, also fast perfekt Schwarz ist.
Vielleicht hat Tom Fröhlich an Kapoor gedacht, als er mit der Arbeit an seinem Film begann, denn zumindest einer seiner Protagonisten verfolgt ähnliche Ziele: Der Drucker Dieter Kirchner, der nach einer schweren Augenverletzung zwar teilweise blind ist, aber besonders die Tiefen des Schwarz noch gut erkennen kann. Denn gerade für den Druck von Zeitungen, Zeitschriften und vor allem Bildbänden ist möglichst schwarzes Schwarz von entscheidender Bedeutung für die Qualität. Je tiefer das Schwarz, desto kräftiger wirken im Kontrast die anderen Farbtöne, man denke nur an die aus Kostengründen schon lange eingestellte Tiefdruckbeilage der FAZ.

Doch auch Kunstfotografen, die ihre oft in schwarz-weiß entstandenen Aufnahmen in möglichst brillanter Qualität gedruckt sehen wollen, verlangen nach einem schwarzen Schwarz, das Kirchner schließlich in der Natur fand: In einem Vulkanopsidian. Die Obsession, mit der Kirchner jahrelang auf der Suche war, verbindet ihn mit anderen Personen, die in „Das perfekte Schwarz“ porträtiert werden, der Meeresbiologin Antje Boetius etwa, die in den Tiefen des Meeres forscht. Dort, wo kein Sonnenstrahl hinunterreicht, findet sich dennoch eine erstaunliche Artenvielfalt und vielleicht auch manche Antwort auf die Rätsel der menschlichen Existenz.

Antworten auf diese Fragen sucht auch der Astrophysiker Eike Günther, allerdings in entgegengesetzter Richtung: Mittels eines riesigen Teleskops blickt er in die Weiten des Weltalls und forscht an schwarzen Löchern, jenen seltsamen Objekten, die so schwer sind, dass sie alles was ihnen zu nahe kommt förmlich aufsaugen, inklusive des Lichts. Gerade in diesem Nichts können Physiker Antworten auf die Entstehung des Universums finden, wo andere nur schwarz sehen, sehen sie sozusagen das Licht der Erkenntnis.


Quelle: Michael Meyns / programmkino.de


Dokumentarfilm
Deutschland 2020
Regie: Tom Fröhlich
79 Minuten
ohne Altersbeschränkung