Geplante Erstaufführungen in den nächsten Wochen:

voraussichtlich ab Donnerstag 25.1.
Anne Clark – I ll Walk Out Into Tomorrow
Three Billboards outside Ebbing, Missouri
Wunder

Voraussichtlich ab Donnerstag 25.1.

Anne Clark – I ll Walk Out Into Tomorrow



Sie ist eine Pionierin der New Wave Musik, ist bekannt für ihre kapitalismuskritischen Texte, die sie eher spricht als singt und steht nun im Mittelpunkt von Claus Withopfs Dokumentation: Anne Clark

Zehn Jahre lang hat Claus Withopf Anne Clark immer wieder getroffen, Interviews mit der britischen Künstlerin geführt, die seit Anfang der 80er Jahre Musik macht, hat sie bei Proben mit ihrer Band, Konzertauftritten und den Aufnahmen zu einem Album beobachtet. Schon vor etlichen Jahren veröffentlichte Withopf einen Teil des Materials als Konzertfilm Anne Clark Live, nun also das eigentlich Ergebnis seiner langjährigen Arbeit.

In manchen Momenten wirkt Anne Clark: I ll walk out into Tomorrow wie eine klassische biographische Dokumentation, in der chronologisch der Werdegang einer Person beschrieben wird. In diesem Fall sieht man da Anne Clark in ihre britische Heimat zurückkehren – inzwischen lebt die Künstlerin in Deutschland, was man allerdings nicht aus dem Film erfährt – und Orte ihrer Kindheit besucht. In sozial schwierigen Umständen wuchs sie auf, abseits des britischen Bürgertums, was eine Karriere als Künstlerin praktisch unmöglich machte. Doch in den 70er Jahren veränderte die Punk-Bewegung vieles, laienhafte Bands waren plötzlich gefragt, Anderssein wurde zu einem kommerziell vermarktbaren Merkmal. In dieser Szene fasste auch Anne Clark Fuß, organisierte Konzerte, trat bald selbst auf, mit gesprochenen Texten, die sie bald mit elektronischer Musik unterlegte, im Zuge der New Wave-Bewegung, die die Musik der 80er Jahre prägte. Bald hatte Clark jedoch genug von den ausbeuterischen Strukturen der Musikszene und zog sich für einige Jahre nach Norwegen zurück, ein offenbar einschneidendes Erlebnis, das ihren Blick auf die Welt veränderte. Im Gegensatz zu den meisten biographischen Dokumentationen kommt ausschließlich Anne Clark zu Wort, was man als konsequente Entscheidung betrachten könnte, einen bewussten Verzicht auf allzu oft rein lobende Aussagen von Freunden und Weggefährten.


Deutschland 2017
Dokumentation
Regie & Buch: Claus Withopf
81 Minuten
ohne Altersbeschänkung


Voraussichtlich ab Donnerstag 25.1.

Three Billboards outside Ebbing, Missouri



Um den Mörder ihrer Tochter zu finden, greift eine resolute Frau zu ungewöhnkichen Maßnahmen. Beißende Satire, explizite Brutalität und harscher Sozialrealismus verknüpft Martin McDonagh zu einer Melange, die von der einmal mehr herausragenden Frances McDormand zusammengehalten wird.

Frances McDormand spielt Mildred, eine resolute Frau, eigenständig, aber auch ein wenig verbittert, aus gutem Grund, wie man bald erfährt. Denn vor einigen Monaten ist ihre Tochter vergewaltigt und ermordet worden, doch der Täter ist noch nicht gefasst. Nachlässigkeit und Desinteresse wirft Mildred der Polizei vor, allen voran dem Sheriff Bill Willoughby (Woody Harrelson), den sie nun persönlich angreift: Auf drei riesigen Werbetafeln außerhalb der Ortschaft lässt sie Botschaften plakatieren, fragt den Sheriff direkt, warum der Mörder ihrer Tochter noch frei herumläuft. Mitten in ein Wespennest hat Mildred damit gestochen, verstößt gegen ungeschriebene Regeln der Gemeinschaft und bringt vor allem den jungen Polizisten Dixon (Sam Rockwell) zur Weißglut, der ebenso unbeherrscht wie rassistisch ist. Sheriff Bill dagegen erweist sich als besonnener Mann, der es ganz ehrlich bedauert, den Täter trotz aller Ermittlungen nicht gefasst zu haben. Dass er zu allem Überfluss an Krebs im Endstadium leidet, interessiert Mildred jedoch nicht, ihr Verlangen nach dem, was sie für Gerechtigkeit hält, kennt keine Grenzen und auch keine Gnade.

Man mag Mildred und Dixon als zwei Seiten einer Medaille sehen, als Auswüchse des amerikanischen Herzlandes, die auf jeweils eigene, im Kern aber doch sehr ähnliche Weise, ihre Werte vertreten. Es ist nun die größte Stärke von Martin McDonaghs Film, seinen beiden Hauptfiguren gleichermaßen unsympathische Charakterzüge zuzuschreiben, sie aber doch nachvollziehbar, ja, menschlich wirken zu lassen. Besonders gilt das natürlich für Mildred, der als Mutter einer brutal ermordeten Tochter zunächst die Sympathien gehören. Doch ihre unbarmherzige, gar zynische Art, lässt ihren anfangs noch nachvollziehbaren Wunsch nach Gerechtigkeit bald als Obsession erscheinen, die nicht so weit vom Verhalten Dixons entfernt ist. Dieser wiederum wirkt anfangs wie ein typischer rassistischer Hinterwäldler, der lieber seine Fäuste sprechen lässt, als nachzudenken. Doch mehr und mehr wird Dixons Verhalten vielleicht nicht unbedingt nachvollziehbar, aber doch als Produkt seiner Umgebung erkennbar. Was seine gewalttätigen Ausbrüche zwar nicht entschuldigen, sie aber doch als Teil einer verrohten Kultur wirken lassen.


USA 2017
Regie & Buch: Martin McDonagh
Darsteller: Frances McDormand, Woody Harrelson, Sam Rockwell, Lucas Hedges, Clarke Peters, Abbie Cornish, Peter Dinklage,
112 Minuten
ab 12 Jahren


Voraussichtlich ab Donnerstag 25.1.

Wunder


Ein zehnjähriger Junge, dessen Gesicht leicht fehlgebildet ist, wird nach Jahren der Isolation mit der wirklichen Welt konfrontiert. Eine Art Feel-Good-Version des „Elefantenmenschen“, deren Stärke in ihrer multiperspektivischen Erzählweise liegt.

August Pullmann, genannt Auggie (Jacob Tremblay), ist zehn Jahre alt und lebt mit seinen Eltern Isabell (Julia Roberts) und Nate (Owen Wilson), sowie seiner etwas älteren Schwester Olivia (Izabela Vidovic) in New York. Auggie wurde mit dem Treacher Collins Syndrom geboren, einem genetischen Defekt, der vor allem im Gesicht zu Fehlbildungen führt. 26 Operationen hat Auggie zwar schon hinter sich, “normal” sieht er dennoch nicht aus, weswegen er bislang von seiner Mutter zu Hause unterrichtet wurde und sich nur im Schutz eines Astronautenhelms an die Öffentlichkeit wagte. Doch nun soll es soweit sein, nun soll Auggie in eine ganz normale Schule gehen, mit ganz normalen Kindern, ein ganz normales Leben führen. Doch an Auggie ist nichts normal, weder sein Gesicht, aber auch nicht seine Intelligenz, vor allem aber seine Empathie. So sehr er anfangs auch von manchen Mitschülern gehänselt wird, so schwierig es für ihn lange ist, sich in der wirklichen Welt zurechtzufinden: Mit seiner Freundlichkeit gelingt es ihm, die Herzen auch des Schulrowdys zu gewinnen. Doch wie geht seine Umwelt mit seiner Sonderrolle um, wie verkraftet es etwa seine Schwester, dass sie in der Familie stets nur die zweite Geige spielt?

Auf dem Papier liest sich Stephen Chboskys “Wunder” wie einer jener rührseligen, sehr amerikanischen Filme, in der ein Außenseiter bald dennoch akzeptiert wird, denn was zählt sind nur die inneren Werte. Und ja, bisweilen ist “Wunder” sehr dick aufgetragen, erträgt Auggie mit geradezu übermenschlicher Ruhe sein Schicksal und bringt dadurch auch den schlimmsten Rowdy dazu, sich zu ändern. Wenn „Wunder“ nun jedoch ausschließlich Auggies Geschichte erzählen würde, ganz auf seine Perspektive konzentriert wäre, wäre er dennoch wohl nur schwer zu ertragen. Doch dieser Gefahr entgeht der Film dadurch, dass er die Perspektiven aufbricht. Bald erzählt da etwa Auggies Schwester Olivia, wie sie sich fühlt, wie sie damit umgeht, dass ihr Bruder stets im Mittelpunkt steht. Dieses multiperspektivische Erzählen deutet an, wie schwierig für alle Beteiligten der Umgang mit einer Person ist, die auf die ein oder andere Weise anders ist. Selbst wenn man es gut meint, kann man dabei Fehler machen, sich selbst oder Dritte aus den Augen verlieren. Wäre „Wunder“ nur die Geschichte eines Menschen, der Außenseiter ist, wäre er wohl nur rührselig und sentimental. Das ist er zwar auch, dank seines Blicks auf das soziale Umfeld dieses Außenseiters ist er jedoch weit mehr.


USA 2017
Regie: Stephen Chbosky
Darsteller: Julia Roberts, Owen Wilson, Jacob Tremblay, Izabela Vidovic, Noah Jupe, Nadji Jeter, Daveed Diggs, Mandy Patinkin
113 Minuten
ohne Altersbeschränkung