Geplante Erstaufführungen in den nächsten Wochen:

voraussichtlich ab Donnerstag 2.3.
Der junge Karl Marx
Die Frau im Mond - Erinnerung an die Liebe
Silence (englische Originalfassung)
Neo Rauch – Gefährten und Begleiter
Tour de France
voraussichtlich ab Donnerstag 9.3.
Wilde Maus
Moonlight
voraussichtlich ab Donnerstag 16.3.
Zwischen den Jahren
Der Hunderteinjährige, der die Rechnung nicht bezahlte und verschwand
Die Schöne und das Biest (englisches Original)
voraussichtlich ab Donnerstag 23.3.
Der Himmel wird warten
Pawlenskij - Der Mensch und die Macht
Bauer unser: Billige Nahrung - teuer erkauft
Lommbock
voraussichtlich ab Donnerstag 30.3.
Die andere Seite der Hoffnung
A United Kingdom
I Am Not Your Negro
voraussichtlich ab Donnerstag 27.7.
Dunkirk (in 70mm Projektion)

Voraussichtlich ab Donnerstag 2.3.

Der junge Karl Marx

Am Vorabend der industriellen Revolution treffen Karl Marx und Friedrich Engels aufeinander und schreiben Geschichte. Ein wuchtiger Film, der mit seiner politischen Haltung ziemlich genau den modernen Zeitgeist trifft.

Paris, 1844, am Vorabend der industriellen Revolution: der 26-jährige Karl Marx (August Diehl) lebt mit seiner Frau Jenny (Vicky Krieps) im französischen Exil. Als Marx dort dem jungen Friedrich Engels (Stefan Konarske) vorgestellt wird, hat der notorisch bankrotte Familienvater für den gestriegelten Bourgeois und Sohn eines Fabrikbesitzers nur Verachtung übrig. Doch der Dandy Engels hat gerade über die Verelendung des englischen Proletariats geschrieben, er liebt Mary Burns, eine Baumwollspinnerin und Rebellin der englischen Arbeiterbewegung. Engels weiß, wovon er spricht. Er ist das letzte Puzzlestück, das Marx zu einer rückhaltlosen Beschreibung der Krise noch fehlt. Marx und Engels haben denselben Humor und ein gemeinsames Ziel. Sie respektieren und inspirieren sich als Kampfgefährten – und sie können sich hervorragend miteinander betrinken. Zusammen mit Jenny Marx erarbeiten sie Schriften, die die Revolution entzünden sollen.

So rastlos sich Karl Marx in Raoul Pecks Film durch Europa bewegt, anfangs noch in Köln, später in Paris, dann in Brüssel und London, könnte man ihn als wahren Europäer bezeichnen. Der Versuch, den Kontinent zu einen, zumindest was die Gedanken angeht, zieht sich durch „Der junge Karl Marx“, der im problematischen, vor allem aber im positiven an das europäische Projekt, erinnert: Regie führte ein Regisseur aus Haiti, der zusammen mit einem Franzosen das Drehbuch schrieb. Gesprochen wird deutsch, englisch und französisch, die Schauspieler stammen aus all diesen und mehr Ländern, doch im Mittelpunkt steht stets Marx. Wenn da Marx und Engels unter Zeitdruck am Manifest der Kommunistischen Partei arbeiten und endlich die legendären ersten Worte „Ein Gespenst geht um in Europa - Das Gespenst des Kommunismus“ auf dem Papier stehen, kann man sich der Kraft dieses Moments kaum entziehen. Würde man sich in einem Hollywood-Film befinden, wäre dieser Moment wohl mitreißend pathetisch und verklärend, Raoul Peck dagegen, das hat er mit Filmen wie „Lumumba“ oder „Mord in Haiti“ schon oft bewiesen, ist nicht so naiv. Skeptisch endet sein Film, im Wissen um die Folgen des Marxismus, des Missbrauchs und der Verfälschung der Ideen Karl Marx, der sozialen Ungerechtigkeit, die heute zwar anders, aber nicht weniger dramatisch als vor 150 Jahren in aller Welt grassiert. Vieles ist „Der junge Karl Marx“, ein runder, glatter Film dabei am wenigsten, statt dessen voller Ecken und Kanten, streitbar und im besten Sinne agitatorisch.

Frankreich, Deutschland 2017
Regie: Raoul Peck
Darsteller: August Diehl, Stefan Konarske, Vicky Krieps
118 Minuten


Voraussichtlich ab Donnerstag 2.3.

Die Frau im Mond - Erinnerung an die Liebe

Gefangen in einer lieblosen Ehe, scheint eine junge Frau endlich das große Glück zu finden.
Marion Cotillard begeistert in dem für acht Césars nominierten Drama als eine von unerfüllten Leidenschaften und Sehnsüchten erdrückte Frau.

Ein Peugeot 404 fährt durch die Provinz, sein Ziel ist Lyon. Im Auto sitzen ein Mann, seine Frau und ihr Sohn, der zum Vorspiel bei einem Klavierwettbewerb eingeladen ist. Als es in den Altstadtgassen der Rhonestadt wegen eines den Weg blockierenden Lieferwagens nicht weitergeht, entdeckt die Frau ein Straßenschild, das offenbar Erinnerungen weckt. Welche, das fächert Nicole Garcias Drama nun auf. Zunächst freilich wird noch kurz umrissen, wer die Frau und der Mann in dieser in den 1950er und 60er Jahren spielenden Geschichte eigentlich sind. Gabrielles Erinnerungsrückblende vorangestellt ist also noch ein Blick zurück in ihre Jugend, als sie sich in einen verheirateten Lehrer verliebt hat und seine Ermunterung, Emily Brontës „Stürmische Höhen“ zu lesen, als Beweis auch seiner Liebe missdeutete. Auf einem Dorffest macht sie ihm Avancen und sich zum Gespött, die Eltern drohen mit der Einweisung in eine Anstalt. Letztlich bewahrt sie aber die Heirat mit dem aus dem spanischen Exil stammenden Arbeiter José vor diesem Schicksal. Als ein Arzt bei ihr die „Steinkrankheit“ diagnostiziert, reist sie zur Kur in die Schweizer Alpen – und lernt dort einen verletzt und krank aus dem Indochina-Krieg zurückgekehrten Soldaten kennen...

Marion Cotillard war für Regisseurin Nicole Garcia die Idealbesetzung für die Rolle der Gabrielle. Um mit ihr drehen zu können, hat sie gewartet, bis die Oscar-Preisträgerin („La vie en rose“) ihre Übersee-Filmprojekte („Allied: Vertraute Fremde“, „Assassin’s Creed“ und „Einfach das Ende der Welt“) abgedreht hatte. Ihre Gabrielle ist eine Frau, die ihren Schmerz in sich hineinfrisst, die sich nach außen verschließt und unnahbar bleibt – so entrückt und verschleiert wie der Mond am Himmel. Cotillard zeigt, dass sie mit dieser Situation einer unangepassten, ihren eigenen Weg gehenden und sich in ihre eigene Welt zurückziehenden Frau umzugehen weiß. Auch über die Musik – insbesondere einem Klavierstück aus Tschaikowskys Jahreszeitenzyklus – lässt sich ihr Seelenzustand gut beschreiben. Ihr Mann, zurückhaltend gespielt vom Deutsch-Spanier Alex Brendemühl, akzeptiert diese Verschlossenheit. Nur ein einziges Mal kann er sich nicht beherrschen und fährt aus seiner Haut. Ansonsten bleibt dieses farbentsättigte Melodram sachlich und kühl, lebt vom Kampf der Figuren und ihrem eher schweigsamen Ringen ihrer zwischen Liebe und Vernunft schwankenden Überlegungen – und ist gerade deshalb umso berührender, weil es damit das Dilemma der in sich und an sich leidenden Figuren so treffend beschreibt.

Frankreich 2016
Regie: Nicole Garcia
Darsteller: Marion Cotillard, Louis Garrel, Àlex Brendemühl
121 Minuten
ab 6 Jahren


Voraussichtlich ab Donnerstag 2.3.

Silence (englische Originalfassung)

Ihren Anfang nimmt die Geschichte in Europa, wo die Jesuitenpriester Rodrigues (Andrew Garfield) und Garupe (Adam Driver) erfahren, dass ihr alter Lehrer Ferreira (Liam Neeson), der sich zum Zweck der Missionierung in Japan aufhält, vom Glauben abgeschworen hat. Unvorstellbar scheint den jungen Priestern diese Tat, und so machen sie sich auf die beschwerliche Reise, buchstäblich ans Ende der damals bekannten Welt. In Japan treffen sie auf versprengte Gruppen von Christen, die ihren Glauben im Geheimen betreiben, stets in Gefahr, vom einheimischen Inquisitor gefunden und im schlimmsten Fall ermordet zu werden. Auch Rodrigues gerät bald in Haft, weigert sich jedoch standhaft, von seinem Glauben abzuschwören, selbst als er und vor allem seine japanischen Schäflein auf grausame Weise gefoltert werden.

Einen Kreuzweg, ein Martyrium beschreibt Martin Scorsese in seinem Film, in dem seine Hauptfigur den Weg zum wahren Glauben findet. Als narzisstischer Mensch wird Rodrigues anfangs porträtiert, als Priester, der in keinem Moment an seiner Aufgabe zweifelt, von seiner eigenen Bedeutung auf fast arrogante Weise überzeugt ist. Als Häresie erscheint ihm lange auch nur der Gedanke daran, abzuschwören und zu diesem Zweck auf ein Bild von Jesus oder Maria zu treten. Ein reines Symbol könnte man meinen, das nichts darüber verrät, was tief im Herzen eines Menschen vor sich geht, woran man wirklich glaubt. Doch bis diese Erkenntnis in Rodrigues reift, muss er einen langen Leidensweg durchschreiten, auf dem er betet und auf ein Zeichen Gottes wartet. Doch Gott schweigt. Warum legt Gott ihm und den wenigen japanischen Christen solch eine Qual auf, fragt sich Rodrigues, in Variation der Frage der Theodizee, die fragt, warum ein gutmütiger Gott soviel Leid auf der Erde zulässt. Vom schwierigen Weg zum wahren Glauben erzählt Scorsese also in „Silence“, in atemberaubenden Bildern - gedreht wurde in den sattgrünen Landschaften Taiwans - aber auch mit geradezu asketischer Konsequenz. Über zweieinhalb Stunden dauert Rodrigues Leidensweg, von Andrew Garfield mit eindringlicher Verzweiflung verkörpert. Ein zutiefst persönlicher, tief empfundener Film.

USA 2016
Regie: Martin Scorsese
Darsteller: Adam Driver, Liam Neeson, Andrew Garfield
162 Minuten
ab 12 Jahren


Voraussichtlich ab Donnerstag 2.3.

Neo Rauch – Gefährten und Begleiter

Zum ersten Mal seit Jahren äußert sich der Leipziger Maler Neo Rauch vor der Kamera und öffnet seine Bilder- und Gedankenwelten. Faszinierende Einblicke in die Arbeitsweise eines der bedeutendsten deutschen Künstler der Gegenwart.

Während der Filmvorstellung von Nicola Graefs „Neo Rauch - Gefährten und Begleiter“ denkt man unweigerlich an den wohl berühmtesten Film über die Arbeitsweise eine Künstlers - Henri-George Clouzots „Le Mystère Picasso“ - dem es gelang, den Künstler praktisch auf die Kino-Leinwand malen zu lassen. Viele Filme über Maler sind seitdem gedreht worden, die stets vor der Frage und auch vor dem Problem standen, wie der Schaffensprozess, der Moment, in dem Bilderwelten entstehen, mit der Kamera einzufangen ist. Im Gegensatz zum expressiven Picasso, der mit unglaublicher Geschwindigkeit Formen skizzierte, mit wenigen Strichen Wesen schuf, die er wenige Momente später wieder verwarf, ist Neo Rauch ein zutiefst introspektiver, ruhiger Maler. Mit größter Ruhe entwickelt er seine Gemälde, lässt seine typischen Bilderwelten, seine ganz spezielle Ikonographie von Gestalten, mal direkten, mal verstecken Verweisen, langsam entstehen und verbringt dabei wohl mehr Zeit damit, auf die Leinwand zu schauen und den nächsten Pinselstrich zu bedenken, als mit dem eigentlichen Malen.

Kein Wunder, dass so ein introspektiver Künstler nur selten Interviews gibt, seine eigene Persönlichkeit in den Hintergrund stellt und seine Kunst sprechen lässt. Fast ein Wunder also, dass es Nicola Graef gelungen ist, einen Film über Rauch zu drehen, in dem der Künstler sich nicht nur bei der Arbeit über die Schulter blicken lässt, sondern auch, man will nicht unbedingt sagen ausführlich, aber doch Einblick in sein Inneres gibt. Höchst überlegt, ruhig und meist in druckreifen Sätzen spricht Rauch da von seinem Schaffensprozess, von den oft surreal anmutenden Figuren, die sein Werk prägen, von Gestalten, die oft unbewusst oder im Traum entstehen, voller Symbolkraft und Doppeldeutigkeiten. Lose umkreist Nicola Graef Rauch und seine Arbeit, mäandert etwas ausführlich durch die Welt, von Italien bis nach Korea, wo sie Sammler besucht, was zwar den internationalen Erfolg des Künstlers betont, doch am interessantesten bleibt „Neo Rauch - Gefährten und Begleiter“ immer dann, wenn er in der Heimat, in Leipzig zur Ruhe kommt und sich auf den Künstler und sein Werk konzentriert.

Dokumentarfilm
Deutschland 2016
Regie: Nicola Graef
105 Minuten
ohne Altersbeschränkung


Voraussichtlich ab Donnerstag 2.3.

Tour de France

Ein sturköpfiger, rassistischer Tischler und ein eher introvertierter Pariser Hip Hopper reisen unfreiwillig gemeinsam entlang der französischen Hafenstädte. Rachid Djaïdani, der ansonsten eher als Autor und Dokumentarfilmer bekannt ist, schickt ein ungewöhnliches Duo auf Frankreichreise

Im französischen Buddy-Movie „Tour de France“ spielt der französische Großschauspieler Gérard Depardieu den konservativen Kleinbürger und passionierten Hobbymaler Serge Desmoulins, dessen großer Lebenstraum es ist, einmal alle Hafenbilder des Malers Claude Joseph Vernet (1714-1789) nachzumalen. Die andere Hälfte des ungleichen Duos gibt der französische Rapper Sadek, der Far’Hook spielt, einen Pariser Hip Hop Star, der wegen eines idiotischen Bandenvorfalls die Stadt eine Zeit lang verlassen muss. Sein Produzent Bilal, der zufälligerweise der zum Islam übergetretene Sohn Desmoulins ist, nutzt die Situation, um zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen: Er verpflichtet Far’Hook als Fahrer für die Hafentour des grantigen Desmoulins und besorgt ihm damit ein Cover, drückt sich aber auch selbst vor einer Reise, die er dem Vater schon lange versprochen hatte. Wie zu erwarten fängt die Reise eher schlecht an. Dem misstrauischen Desmoulins passt schon der Fahrstil Far’Hooks nicht. Far’Hook, mehr schüchterner Mützenträger als aggressiver Gangsta-Rapper, ist dagegen genervt, dass Desmoulins ihn ständig als Araber und nicht als Franzosen anspricht. Der Alltagsrassismus von Desmoulins trifft auf das totale Desinteresse an weißer Hochkultur seitens Far’Hook, der lieber mit dem Kopfhörer auf den Ohren durch die Häfen streunt, Videoimpressionen mit seiner Handykamera filmt, oder sich mit den Hafenarbeitern unterhält. Aber natürlich nähern sich die beiden im Lauf der Reise an, und erkennen schließlich sogar, dass sie eigentlich beide zu den Unterprivilegierten der französischen Gesellschaft gehören...

Regisseur Rachid Djaïdani wuchs in der Banlieue als Sohn eines algerischen Arbeiters und einer Sudanesin auf und arbeitete als Stukkateur, Boxer, Schauspieler und Autor bevor er sich dem Dokumentarfilm zuwandte. Er versteht die Welt, aus der Far’Hook stammt und die Vorurteile, denen er ständig begegnet. In seinem Film geht es ihm nicht nur darum, Verständnis zwischen den beiden unterschiedlichen Protagonisten herzustellen, sondern auch darum, Frankreich als immer schon multikulturelles Gebilde zu schildern. Auf ihrer Frankreichreise treffen die Helden dann zum Beispiel auf Basken, die ihre eigene Sprache sprechen und Musiktradition pflegen. Sie lernen einander nicht nur als Personen schätzen, sondern auch etwas über die verschiedenen französischen Milieus, aus denen sie stammen.

Frankreich 2016
Regie: Rachid Djaïdani
Darsteller: Gérard Depardieu, Sadek, Louise Grinberg
94 Minuten
ab 12 Jahren


Voraussichtlich ab Donnerstag 9.3.

Wilde Maus

„Es wird Leserproteste geben!“, tobt Star-Kritiker Georg, als er von seiner plötzlichen Entlassung erfährt. „Das glaube ich nicht. Ihre Leser sind großteils tot“ bekommt er als schnippische Antwort vom aalglatten Chef. Von der Edelfeder zum begossenen Pudel in weniger als einer Minute! Georg schwankt zwischen Wut und Ohnmacht. Auch privat ziehen dunkle Krisenwolken auf. Die viel jüngere Gattin Johanna (Pia Hierzegger), eine attraktive Psychologin, will endlich unbedingt ein gemeinsames Kind zeugen. Frustriert flieht der Feuilletonist in den Vergnügungspark. Mit einer Fahrt auf der Liliputbahn will er sich ablenken, der Zug seines Lebens scheint sowieso längst ohne ihn abgefahren. Wie es der Zufall will, wird auch der Lokführer der kleinen Eisenbahn vor Georgs Augen entlassen. Und: Es ist sein ehemaliger Mitschüler Erich (wie immer grandios: Georg Friedrich), der schon damals ein ziemlicher Proll war. Gemeinsam werden die beiden im Prater eine ramponierte Achterbahn, die „Wilde Maus“, in Schwung bringen. Und, viel wichtiger, am fiesen Chefredakteur bittere Rache üben.

Die große Krise im Printjournalismus ist bekannt. Josef Hader nutzt das Thema geschickt, um daraus eine universelle Satire über die Orientierungslosigkeit und Ohnmacht des politisch korrekten Mittelstands zu machen. Die ständigen TV-Nachrichten über Flüchtlinge etwa laufen völlig unbeachtet wie Hintergrundmusik. Viel eifriger plaudern die Figuren über ihre Sorgen bei der richtigen Auswahl von veganem Essen: Wenn Wirklichkeit auf Komik trifft. Neben diesem Blick auf gesellschaftliche Befindlichkeiten bietet die „Wilde Maus“ einen Beziehungsfilm, ein Buddy-Movie sowie ein asiatisches Rachedrama. Wie in seinen Bühnen-Programmen, erweist sich Hader auch auf der Leinwand als Maestro der treffsicheren Pointen. Statt substanzlosen Späßchen oder bloßem Wortspiel-Geplapper entsteht seine Komik stets aus der Situation heraus und dient der Geschichte. Und wie Loriot es einst so grandios zelebriert hat, erkennt auch Hader den dramaturgischen Mehrwert von gut gesetzten Pausen und absurden Überraschungen. Da streitet etwa das Paar existenziell über das Ende ihrer Beziehung – und plötzlich platzt die Putzfrau in den Raum. Nach diesem großen Wurf mit seinem Regie-Debüt gilt für Josef Hader allemal, was er seinen Helden einmal sagen lässt: „Ich bin ja auch nicht irgendwer. Ich bin eine Instanz!“.

Österreich, Deutschland 2016
Regie: Josef Hader
Darsteller: Josef Hader, Pia Hierzegger, Jörg Hartmann
103 Minuten
ab 12 Jahren


Voraussichtlich ab Donnerstag 9.3.

Moonlight

Der Werdegang eines schwarzen Jugendlichen im gegenwärtigen Amerika. Ein bildgewaltiger Film, der mit Homosexualität in der schwarzen Bevölkerung ein heißes Eisen auf berührende, subtile Weise angeht.

Im ersten Kapitel des Films heißt er noch Little, der neunjährige Chiron (Alex Hibbert), der in Miami aufwächst, als einziges Kind bei seiner Mutter Paula (Naomie Harris), die Crack raucht, wechselnde Männerbekanntschaften hat und wenig begeistert ist, als ausgerechnet der Dealer Juan (Mahershala Ali) ihren Sohn unter seine Fittiche nimmt. Denn Chiron wird nicht umsonst Little, also klein, genannt, er ist schmächtig, fast feminin, weswegen er im rauen Klima des Ghettos als schwul beschimpft wird. Auch als gut 17jährigem (jetzt gespielt von Ashton Sanders) hat sich wenig an seiner Situation geändert: Seine Mutter versinkt immer mehr in der Sucht, sein Ersatzvater Juan ist ermordet worden, in der Schule ist allein der gleichaltrige Kevin sein Kumpel, mit dem er eines Abends seine erste homosexuelle Erfahrung macht. Doch nach einer besonders üblen Attacke in der Schule hat Chiron genug und schlägt zurück. Gut zehn Jahre später ist Chiron aus dem Gefängnis entlassen und selbst Dealer geworden. Er wird nur Black gerufen (Trevante Rhodes), ist muskulös, fährt ein teures Auto und hat seine Vergangenheit scheinbar hinter sich gelassen, doch wohin seine Zukunft führen soll, weiß er nicht.

USA 2016
Regie: Barry Jenkins
Darsteller: Mahershala Ali, Naomie Harris, Trevante Rhodes
111 Minuten
ab 12 Jahren


Voraussichtlich ab Donnerstag 16.3.

Zwischen den Jahren

Ein Ex-Knacki sieht sich mit der Rache eines Angehörigen seiner Opfer konfrontiert. Schnörkelloser Psychothriller aus deutschen Landen, der durch atmosphärische Dichte, lakonische Dialoge sowie exzellente Darsteller überzeugt.

„Ex oder Arschloch?“ - „Arschloch, ich steh’ dazu!“. Der Dialog am Tresen gibt den Tenor dieses Psychothrillers vor: Hart aber herzlich! Auf höfliche Mätzchen hat einer, der ganz unten ist, keine Lust. Becker (Peter Kurth), der Anti-Held, war Rocker. Bei einem Einbruch in eine Villa lief alles dramatisch schief. Er wurde überrascht, erschoss die Bewohnerin und deren Tochter. Nach 18 Jahren Knast kommt Becker auf Bewährung frei. Er findet einen Job als Wachmann. Viel Lust auf sein Leben hat er kaum noch. Das ändert sich, als er auf der Arbeit die Putzfrau Rita kennen lernt. Das kleine Glück hält nicht lange an. Plötzlich sieht sich Becker von einem Stalker bedroht. Dahlmann (Karl Markovics) fordert Vergeltung für seine ermordete Ehefrau und Tochter. Der Täter bittet ihn aufrichtig um Vergebung. „Sind Sie jetzt ein anderer Mensch?“ fragt Dahlmann höhnisch. Für sein zerstörtes Leben will das Opfer keine Reue gelten lassen.

Während die düsteren Bilder, die vielfach bei Nacht entstanden, für das richtige Ambiente sorgen, glänzen die Dialoge mit lakonischem Minimalismus. „Ich bin nicht gut mit Menschen!“ kommentiert Becker knapp das Flirtangebot seiner Rita. „Können wir hier nicht einfach sitzen?“ bringt er das Tresen-Gespräch mit dem redseligen Kollegen zur Strecke. Auch mit dem Stalker macht er kommunikativ kurzen Prozess: „Das muss aufhören!“ kritzelt Becker auf einen Zettel, den er Dahlmann an das Autofenster klemmt. Rache- und Stalking-Filme gibt es wie Sand im Genre-Meer. Mit psychologischer Präzision der Figuren ausgestattet und ohne billige Show-Effekte aus der Klischeekiste wird die Auswahl schon drastisch kleiner. Aus deutschen Landen sind solche kleinen, dreckigen Thriller jenseits von wohltemperierter „Tatort“-Ästhetik erst recht Raritäten. Dass Regisseur Lars Henning sich jenseits der ausgelatschten Wege bewegt, hat er in seinem TV-Krimi „Kaltfront“ eindrucksvoll bewiesen. Die Kritiken fielen prompt euphorisch aus, was nun auch bei seinem Kinodebüt passieren dürfte. Als „Versuch eines moralisch ambivalenten Genre-Updates“, beschreibt er sein Konzept, bei dem die gängige Täter-Opfer-Konstellation auf den Kopf gestellt wird: Ein Mann sieht rot, und mutiert dabei immer mehr zur Bestie. Das besondere an der Versuchsanordnung: Beide Typen haben trotz aller Ecken und Kanten einen menschlichen Kern, der zur Empathie einlädt - bis die Stimmung endgültig kippt!

Deutschland 2017
Regie: Lars Henning
Darsteller: Peter Kurth, Karl Markovics, Catrin Striebeck
97 Minuten
ab 12 Jahren


Voraussichtlich ab Donnerstag 16.3.

Der Hunderteinjährige, der die Rechnung nicht bezahlte und verschwand

Weitere Abenteuer des greisen Allan Karlson. Fortsetzung der Verfilmung des Weltbestsellers „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“

Gut ein Jahr sind seit den Abenteuern vergangen, die Allan Karlson (Robert Gustafsson) zum reichen Pensionär auf Bali gemacht haben, wo er seinen Kumpan Julius (Iwar Wiklander) aushält und ein Äffchen namens Erlander pflegt. Auch Benny (David Wirberg) und die hochschwangere Miriam (Shima Niavarani) sind noch vor Ort, kehren jedoch bald wieder ins heimische Malmköping zurück. Doch zuvor steht Allans 101. Geburtstag an, vielleicht der letzte auf Bali, denn das Geld geht langsam zur Neige. Doch die Rettung naht in Form einer prickelnden Flasche Brause, die Allan unter seinen Sachen gefunden hat: Volkssoda nennt sich das süße Getränk, dass einst in der Sowjetunion unter Breschnew als Konkurrenz zur weltweit erfolgreichen Coca Cola des Klassenfeindes entwickelt wurde. Durch allerlei Verwicklungen wurde das Getränk nicht vermarktet und das Rezept ging verloren, zumindest bis heute. Nun erinnert sich Allan daran, dass er im Besitz der Rezeptur ist, die er bei einer alten Geliebten in Berlin vermutet. Gemeinsam macht sich das Duo auf die Suche nach dem Erfolg versprechenden Rezept und muss sich bald vielfältiger Verfolger erwehren...

Mit seiner Mischung aus „Forrest Gump“ und klamaukigem Humor zog die Verfilmung von Jonas Jonassons Erfolgsroman in Deutschland über eine Millionen Zuschauer in die Kinos. Ein bemerkenswerter Erfolg, der auf die eigenwillige Mischung aus Albernheiten und nostalgischem Rückblick auf ein ungewöhnliches Leben zurückzuführen war. Die Fortsetzung variiert dieses Konzept nur wenig und zeigt Allan Karlsson erneut als passiven Teilnehmer seiner eigenen Geschichte. Egal ob er in der Gegenwart um die halbe Welt fliegt, um die Wunderformel wieder zu finden oder er in den Rückblenden als Doppelspion zwischen Ost- und Westblock agiert: Stets bleibt er passiv und beobachtet mit Erstaunen, was um ihn herum passiert. Das ist ein humoristischer Parforceritt, den Felix Herngren diesmal zusammen mit seinem Bruder Mans erdacht und inszeniert hat. Ganz so originell wie das Original ist die Fortsetzung nun nicht mehr, ein wenig haben sich die Figuren und die Variation der allzu ähnlichen Erzählmuster und Gags abgenutzt. Felix und Mans Herngren gehen mit der Fortsetzung „Der Hunderteinjährige, der die Rechnung nicht bezahlte und verschwand“ auf Nummer sicher, wodurch ihr klamaukiger, nostalgischer Film in erster Linie Freunde des Originals überzeugen dürfte.

Schweden 2016
Regie: Felix Herngren, Måns Herngren
Darsteller: Robert Gustafsson, Iwar Wiklander, David Wiberg


Voraussichtlich ab Donnerstag 16.3.

Die Schöne und das Biest (englisches Original)

Die Realverfilmung des Disney-Klassikers verspricht tolle Bilder, faszinierende Musik und ein handverlesenes Starensemble. Das ist pure Magie für die ganz große Leinwand!

Die kluge und anmutige Belle (Emma Watson) lebt mit ihrem leicht exzentrischen Vater Maurice (Kevin Kline) ein beschauliches Leben, das nur durch die Avancen des Dorfschönlings Gaston (Luke Evans) gestört wird. Doch als Maurice auf einer Reise in die Fänge eines Ungeheuers (Dan Stevens) gerät, bietet die mutige junge Frau ihre Freiheit im Austausch gegen das Leben ihres Vaters an. Trotz ihrer Furcht freundet sich Belle mit den verzauberten Bediensteten im verwunschenen Schloss des Biests an. Mit der Zeit lernt sie hinter dessen abscheuliche Fassade zu blicken und erkennt seine wahre Schönheit…

Regisseur Bill Condon („Twilight“-Saga) hat die klassische Geschichte für ein modernes Publikum in Szene gesetzt und vereint ein grandioses Darsteller-Ensemble auf der großen Leinwand: Emma Watson als Belle, Dan Stevens als Biest, Luke Evans als Gaston, Oscar®-Gewinner Kevin Kline als Maurice, Josh Gad als Le Fou, Ewan McGregor als Lumière, Stanley Tucci als Cadenza, Gugu Mbatha-Raw als Plumette, Audra McDonald als Madame De Garderobe, Hattie Morahan als Agathe, Nathan Mack als Tassilo sowie Ian McKellen als von Unruh und Oscar®-Gewinnerin Emma Thompson als Madame Pottine. Alan Menken, achtfacher Oscar®-Gewinner und einer der erfolgreichsten Filmkomponisten aller Zeiten, und der dreifach mit dem Oscar® ausgezeichnete Musicaltexter Tim Rice lieferten die Musik zum neuen Kinofilm. Der Soundtrack bietet neben Neuinterpretationen der beliebten Filmmusik des Animationsklassikers auch drei brandneue Songs, u.a. die romantischen Balladen „How Does A Moment Last Forever“, gesungen von der unvergleichlichen Céline Dion, und „Evermore“, interpretiert von Multitalent Josh Groban, der als Sänger, Songwriter und Schauspieler Millionen von Fans begeistert. Außerdem kreierten Chartstürmerin Ariana Grande und R&B Star John Legend für den Realfilm ihre Version des preisgekrönten Titelsongs „Beauty and the Beast“.

USA 2017
Regie: Bill Condon
Darsteller: Emma Watson, Dan Stevens, Luke Evans
130 Minuten
ab 6 Jahren


Voraussichtlich ab Donnerstag 23.3.

Der Himmel wird warten

Anhand dreier ineinander verwobener Episoden schildert der Film, wie Mitglieder der Terrormiliz Islamischer Staat junge Märtyrerinnen für ihren Dschihad rekrutieren. Mehrdimensionale Sozialstudie, die ein heikles Thema aus weiblicher Perspektive aufrollt.

Die 16-jährige Schülerin Mélanie (Naomi Amarger) lebt mit ihrer Mutter in Paris, spielt Cello und wünscht sich eine bessere Welt. Als ihre Großmutter im Pflegeheim verstirbt, findet Mélanies Facebook-Freund Mehdi tröstende Worte und trifft Mélanie mit seiner antikapitalistischen Weltsicht und gefühligen Propagandavideos ins Herz. Beim Schreiben unzähliger Nachrichten verfällt Mélanie dem IS-Anhänger, konvertiert zum Islam und will nach Syrien abhauen. Die 17-jährige Sonia (Noémie Merlant) hat ähnliches durchlebt und gelangte allein durch Zufall nicht nach Syrien. Mitten in der Nacht stürmt eine Spezialeinheit die Wohnung der Eltern (Sandrine Bonnaire & Zinedine Soualem), die kaum fassen können, dass ihre Tochter einen Anschlag in Frankreich geplant haben soll. Unter strengen Auflagen entgeht Sonia der Untersuchungshaft und sucht mit Hilfe ihrer Familie und der muslimischen Seelsorgerin Dounia Bouzar (als sie selbst) einen Weg zurück in die Normalität. Ebenfalls Bouzars Bekanntschaft macht Sylvie (Clotilde Courau), deren Tochter sich bereits dem Dschihad angeschlossen hat. Die Ungewissheit überschattet das Leben der traumatisierten Mutter, die ihr Kind schließlich in Syrien suchen will.

Die drei Erzählstränge schildern den Verlauf einer Rekrutierung sowie die Folgen für Betroffene und Angehörige. Als Bindeglied dient die Therapeutin Dounia Bouzar, die im echten Leben ebenfalls Opfer der IS-Menschenfänger begleitet. So ausführlich wie für einen Dokumentarfilm recherchierte Marie-Castille Mention-Schaar und besuchte mit Dounia Bouzar mehrere Familien, deren Kinder sich dem IS anschlossen. Die Inspiration für das gemeinsam mit Emilie Frèche verfasste Drehbuch entspringt also wahren Schicksalen, worauf auch die dokumentarisch wirkende Handkamera verweist. Mit glaubwürdigen Schauspielern und emotional zupackenden Momenten unternimmt „Der Himmel wird warten“ einen spannenden, in die Breite erzählten Einblick in die Mechanismen der IS-Anwerbung. Feine Beobachtungen wie jene, dass Konvertiten die Gebetsregeln des Islam viel ernster nehmen als geborene Muslime, zeichnen das fest in der Realität verankerte Gesellschaftsdrama aus.

Frankreich 2016
Regie: Marie-Castille Mention-Schaar
Darsteller: Noémie Merlant, Naomi Amarger, Sandrine Bonnaire
105 Minuten


Voraussichtlich ab Donnerstag 23.3.

Pawlenskij - Der Mensch und die Macht

Der russische Politkünstler Pjotr Pawlenski hat sich bei seinen Aktionen den Mund zugenäht, den Hodensack auf dem Roten Platz festgenagelt, ein Ohrläppchen abgetrennt. Es ist die Auseinandersetzung eines mutigen Freigeistes mit der Staatsmacht Russlands.

Im November 2013 setzt sich der Künstler Pjotr Pawlenski nackt vor dem Lenin-Mausoleum auf den Roten Platz in Moskau und nagelt seine Genitalien fest. Seine „Aktion Fixierung“ steht für Apathie und politische Gleichgültigkeit in der modernen russischen Gesellschaft. Während auf dem Maidanplatz in Kiew die Feuer- und Rauchschwaden in den Winterhimmel lodern, zünden Pawlenski und einige Helfer Reifen auf einer Petersburger Brücke an, schlagen mit Knüppeln auf große Bleche und schwenken die ukrainische Fahne. Die symbolische Anspielung auf den Euromaidan in Kiew wird für Pawlenski zum Verhängnis. Obwohl es keinen Straftatbestand gibt, drohen Pjotr Pawlenski drei Jahre Lagerhaft. Seine Anwälte sehen den Prozess gegen den Künstler als politischen Prozess. Ausgerechnet durch die „Aktion Freiheit“ könnte Pawlenski seiner eigenen Freiheit beraubt werden. Doch er gibt nicht auf, ist kämpferisch. Ihm geht es vor allem darum, zu zeigen, wie die Macht aus Menschen Objekte macht. Und er geht noch einen Schritt weiter, als er im November 2015 die Tür des russischen Geheimdienstes in Moskau in Brand setzt, den er als Symbol der Unterdrückung des Individuums sieht. Pawlenski hat es gewagt, gegen die mächtigste Institution des Landes zu rebellieren! Und symbolisch deutlich gemacht, dass in Putins Russland der Geheimdienst das Land regiert.

Mit seinen Aktionen - Naht, Ausgeweidetes Tier, Fixierung, Freiheit, Abtrennung - hat Pjotr Pawlenski die russische Kunst der letzten Jahre geprägt. Der Dokumentarfilm „Pawlenski - Der Mensch und die Macht“ von Irene Langemann begleitet den Künstler bei seinen bisherigen Aktionen und beobachtet ihn in seiner Auseinandersetzung mit der Justiz, der eskalierenden Intoleranz und Gewalt in Russland. Der Fall Pawlenski ist einmalig und hat die Weltbühne erreicht.

Deutschland 2016
Regie: Irene Langemann


Voraussichtlich ab Donnerstag 23.3.

Bauer unser: Billige Nahrung - teuer erkauft

Gekonnt kritische Doku über die drängenden Probleme der Landwirtschaft. Die Bilanz der gut beobachteten Bestandsaufnahmen fällt eindeutig aus: So kann es nicht weitergehen! Das Thema geht alle an.

„Ein Liter Milch ist billiger als ein Liter Mineralwasser“, bringt ein Wissenschaftler gleich zum Auftakt die Problematik der modernen Agrarwirtschaft auf den Punkt. „Da geht es um ein Milliardengeschäft“, fügt ein Politiker hinzu. „Es geht alles auf Kosten der Bauern“, sagt schließlich ein Betroffener. Dass die Landwirte seit jeher ein Klagelied über ihre Lage anstimmen und von einer mächtigen Lobby vertreten sind, ist bekannt. Tatsächlich befindet sich die moderne Agrarwirtschaft in einer großen Krise, von artgerechter Tierhaltung über die Macht der Futtermittelkonzerne bis zum geringen Milchpreis. Am Beispiel von sechs ganz unterschiedlichen Betrieben, präsentiert Regisseur Robert Schabus, selbst in der elterlichen Landwirtschaft groß geworden, den Stand der Dinge bei den Erzeugern. Da ist etwa der Jungbauer mit 130 Milchkühen. Er muss ständig in neue Technik investieren, derweil seine Einnahmen kaum wachsen. Für Eierbauer Franz Tatschl ist der Beruf auch längst nicht mehr das Gelbe vom Ei. Seine 65.000 Legehühner leben in artgerechter Bodenhaltung, was bei der Konkurrenz in Osteuropa trotz aller EU-Vorschriften längst nicht überall der Fall wäre. Mastbetriebe klagen gleichfalls über Chancenungleichheit, weil in den USA die Tiere mit eingepflanztem Hormonchip im Ohr zu viel schnellerem Wachstum getrieben werden. Wachstum gerät auch für etliche Bauernhöfe zur Maxime, weil der Betrieb sonst nicht mehr rentabel bleibt.

Es geht auch anders, das zeigen die Beispiele der Bio-Bauern. Die setzten auf Vielfalt in der Produktion sowie die Direktvermarktung. Sie melken ihre Schafe noch selbst mit der Hand und sind, weit entfernt von alternativer Hippie-Idylle, sichtlich stolz auf ihren Beruf. Zwischen diesen ganz persönlichen Fallbespielen kommen immer wieder Experten zu Wort. Von Wirtschaftsvertretern über Politiker bis zu kritischen Wissenschaftlern. Deren Aussagen bleiben unkommentiert dem Urteil der Zuschauer überlassen. Regisseur Robert Schabus setzt bei seiner Doku, ziemlich bauernschlau, auf eine teilnehmende Beobachtung der unaufgeregten Art statt auf die polemische Schlachtplatte. Er überlässt seinen Akteuren das Wort. Die erweisen sich rundum als überaus interessante Gesprächspartner. Wobei ein bekanntes Sprichwort vielleicht etwas umgepflügt werden müsste: „Die dümmsten EU-Politiker haben die dicksten Lobby-Kartoffeln”.

Dokumentarfilm
Österreich 2016
Regie: Robert Schabus
92 Minuten
ohne Altersbeschränkung


Voraussichtlich ab Donnerstag 23.3.

Lommbock

Der Titel hat sich zwar geändert, nicht aber die Kiffgewohnheiten der Protagonisten. Deutschlands Antwort auf Cheech & Chong wird nach 15 Jahren endlich fortgesetzt!

15 Jahre sind vergangen, seitdem Stefan (Lucas Gregorowicz) seiner Heimatstadt Würzburg den Rücken gekehrt hat. Eigentlich wollte er sich den Wunschtraum erfüllen, in der Karibik eine Strandbar zu eröffnen. Stattdessen hat er als Anwalt Karriere gemacht und steht nun in Dubai kurz davor, die toughe Geschäftsfrau Yasemin (Melanie Winiger) zu heiraten, deren Vater einer der einflussreichsten Männer der Emirate ist. Allerdings braucht er schnell noch seine Geburtsurkunde, die er sich in Deutschland abholen muss. Kein Ding. Kurz einfliegen und gleich wieder raus. Denkt sich Stefan. Doch dann trifft er seinen alten Kumpel Kai (Moritz Bleibtreu) wieder, mit dem er damals den Cannabis-Pizzalieferservice „Lammbock“ betrieben hat. Kai lebt jetzt in einer Kleinfamilie und schlägt sich mit einem neuen Asia-Lieferservice durch, den er „Lommbock“ nennt. Ein letzter gemeinsamer Joint bringt ungeahnte Probleme und wird für die Freundschaft der beiden zur echten Herausforderung: Denn die Vergangenheit kickt mitunter zeitverzögert...

Vor 15 Jahren landete Christian Zübert mit seinem Regiedebüt „Lammbock“ gleich einen großen Kinoerfolg. Seitdem verehrt eine riesige Fangemeinde den Film und die Stimmen nach einer Fortsetzung wurden immer lauter. Nun hat Zübert den Original Cast der Komödie, u.a. Moritz Bleibtreu als Kai und Lucas Gregorowicz als Stefan wieder versammelt, die im ersten Teil ihre Kunden der Pizzeria „Lammbock“ mit der berüchtigten Pizza Gourmet versorgten. Neben dem altbekannten Duo sind wieder Alexandra Neldel („Märzmelodie“), Wotan Wilke Möhring („Männerherzen“) und Antoine Monot, Jr. („Absolute Giganten“) mit von der Partie. Neu dabei sind Louis Hofmann („Freistatt“, „Unter dem Sand – Das Versprechen der Freiheit“), Mavie Hörbiger („Liebesluder“) und Melanie Winiger („Heldin der Lüfte“).

Deutschland 2017
Regie: Christian Zübert
Darsteller: Lucas Gregorowicz, Moritz Bleibtreu, Alexandra Neldel


Voraussichtlich ab Donnerstag 30.3.

Die andere Seite der Hoffnung

Märchenhafte Tragikomödie um einen Flüchtling aus Aleppo, der in Helsinki Unterschlupf bei einem frischgebackenen Restaurantbesitzer findet. Auch in diesem Kaurismäki-Film erlebt man keine rasende Kamera, sondern stattdessen sorgfältig aufgebaute Szenen und Bilder. So kann es ruhig noch weitere Jahre weitergehen.

Khaled (Sherwan Haji), ein junger Syrer, gelangt als blinder Passagier nach Helsinki. Dort will er Asyl beantragen, ohne große Erwartungen an seine Zukunft. Wikström (Sakari Kuosmanen) ist ein fliegender Händler für Männerhemden und Krawatten. In der Mitte des Lebens angekommen, verlässt er seine Frau, gibt seinen Job auf und profiliert sich kurzfristig als Poker-Spieler. Von dem wenigen Geld, das er dabei gewinnt, kauft er ein herunter-gewirtschaftetes Restaurant in einer abgelegenen Gasse von Helsinki. Als die finnischen Behörden entscheiden, Khaled in die Ruinen von Aleppo zurückzuschicken, beschließt er, illegal im Land zu bleiben. Wikström findet ihn schlafend im Innenhof vor seinem Restaurant. Vielleicht sieht er etwas von sich selbst in diesem ramponierten, angeschlagenen Mann. Jedenfalls stellt er Khaled als Putzkraft und Tellerwäscher an. Für einen Moment zeigt uns das Leben seine sonnigere Seite, aber schon bald greift das Schicksal ein. Der Ausgang des Films bleibt offen, er führt entweder in ein respektables Leben oder auf den Friedhof. Für in die Enge getriebene Menschen bietet beides Vorzüge.

„Die andere Seite der Hoffnuing“ erzählt davon, dass jeder Melancholie ein fast rebellischer Zug der Hoffnung innewohnt. Und zeigt das Leben als Wechselspiel von ständiger Sehnsucht und schwankender Hoffnung, von fast märchenhafter Menschlichkeit und kaltem Realismus. Aki Kaurismäkis Filme sind bekannt für ihren lakonischen, skurrilen und minimalistischen Stil. Seine Helden waren immer die "kleinen Leute": Außenseiter, Arbeiter und Arbeitslose – die Verlierer der Gesellschaft. Seit „Le Havre“ hat Kaurismäki den Kosmos seiner filmischen „Underdogs“ um eine globale Komponente erweitert. Um diejenigen, die auf der Flucht sind und jetzt in der sozialen Hierarchie ganz unten stehen. Der Regisseur über seinen Film: „Mit diesem Film möchte ich gern, soweit das möglich ist, die europäische Blickweise aufbrechen, in Flüchtlingen entweder ausschließlich bedauernswerte Opfer oder nur anmaßende Wirtschaftsimmigranten zu sehen, die in unsere Gesellschaften eindringen, bloß um uns die Jobs zu klauen, unsere Frauen, unsere Häuser und unsere Autos. Das sind Klischees und Vorurteile.“

Finnland 2017
Regie: Aki Kaurismäki
Darsteller: Sherwan Haji, Sakari Kuosmanen, Ilkka Koivula
98 Minuten


Voraussichtlich ab Donnerstag 30.3.

A United Kingdom

Die kaum bekannte Geschichte von Prinz Seretse Khama, dem späteren Präsidenten von Botswana, und Ruth Williams, einer weißen Britin. In jeder einzelnen Szene dieses überwältigenden historischen Gefühlskinos herrscht eine berührende Spannung, exzellent getragen von den beiden

London, 1947, kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs. Ausgelassen tanzen Ruth Williams (Rosemund Pike) und Seretse Khama (David Oyelowo) Lyndi-Hop zu swingenden Jazzklängen. Die beiden könnten auf den ersten Blick unterschiedlicher nicht sein. Die weiße Britin arbeitet als Bürokauffrau bei der Versicherung Lloyd’s of London. Der afrikanische Thronerbe aus dem britischen Protektorat Bechuanaland studiert an der Universität Jura. Sein Onkel Tshekedi (Vusi Kenene) wartet bereits auf seine Rückkehr, damit er seine Regentschaft antritt. Dass sich die beiden aufrichtig ineinander verlieben und sogar heiraten wollen führt zum Skandal. Völlig überraschend taucht deshalb Sir Alistair Canning (Jack Davenport), Vertreter der britischen Regierung für den Süden Afrikas, bei Ruth im Büro auf und versucht die junge Frau einzuschüchtern. Speziell aus diplomatischen Gründen sei diese Verbindung unmöglich. Vor allem Südafrika, auf dessen Bodenschätze das Empire angewiesen sei, fühle sich dadurch brüskiert. Schließlich installiere dort die weiße Regierung gerade die strikte Rassentrennung. Ein gemischtes Königspaar im Nachbarland, ein Affront. Aber auch Seretses Heimat empfängt das Ehepaar nicht gerade freundlich...

Bis in die 1990er Jahre unterdrückte in Südafrika eine weiße Minderheit skrupellos eine schwarze Mehrheit, gestützt von westlichen Demokratien als angebliches Bollwerk gegen den Kommunismus. Das schwere Erbe der Apartheid lastet bis heute auf der Regenbogennation. Was Seretse Khama und seiner Frau Ruth im Nachbarland in dieser Zeit gelang, grenzt schon allein deshalb an ein Wunder. Ihr Land bot vielen politischen Flüchtlingen aus Südafrika Asyl. Nicht umsonst stellte Nelson Mandela, die verstorbene, charismatische Ikone für Menschenrechte, fest: „Das Vermächtnis von Sir Seretse Khama lebt in seinem Land fort und ist bis heute ein leuchtendes Beispiel und eine Inspiration.” Das von Regisseurin Amma Asante („Belle“) wunderbar inszenierte romantische Drama, nach Susan Williams’ Buch „Colour Bar“, ist deshalb nicht nur einmaliges Gefühlskino, sondern zugleich ein hellsichtiges, spannendes, politisches Lehrstück. Gerade ihr Augenmerk auf diese Hintergründe verdichtet unaufdringlich und vermeidet das Abdriften der Liebesgeschichte in kitschige Klischees.

Großbritannien 2016
Regie: Amma Asante
Darsteller: David Oyelowo, Rosamund Pike, Jack Davenport
111 Minuten


Voraussichtlich ab Donnerstag 30.3.

I Am Not Your Negro

Dokumentarfilm über den Schriftsteller James Baldwin, inszeniert von Raoul Peck, dessen Spielfilm „Der junge Karl Marx“ in diesem Monat ebenfalls in unserem Kino zu sehen ist

Im Juni 1979 beginnt der bedeutende US-Autor James Baldwin seinen letzten, unvollendet gebliebenen Text „Remember This House“. Mit persönlichen Erinnerungen an seine drei ermordeten Bürgerrechtler-Freunde Malcolm X, Medgar Evers und Martin Luther King und Reflexionen der eigenen, schmerzhaften Lebenserfahrung als Schwarzer schreibt er die Geschichte Amerikas neu.

Raoul Peck („Der junge Karl Marx“) inszeniert die 30 bislang unveröffentlichten Manuskriptseiten mit einer fulminanten Collage von Archivfotos, Filmausschnitten und Nachrichten-Clips: die Boykottinitiativen und den Widerstand gegen die Rassentrennung in den 1950er- und 60er-Jahren, die Unsichtbarkeit von Schwarzen in den Kinomythen Hollywoods, afroamerikanische Proteste gegen weiße Polizeigewalt bis in die jüngste Gegenwart, Baldwins kompliziertes Verhältnis zur Black-Power-Bewegung, den paranoiden Blick eines FBI-Berichts auf dessen Homosexualität. Ein prägnanter und verstörender Essay über die bis heute vom Mainstream weitgehend ausgeblendete Wirklichkeit schwarzer Amerikaner. Samuel L. Jacksons Stimme verleiht der poetisch-meditativen Sprache Baldwins einen angemessenen Ausdruck.

USA/Frankreich/Belgien/Schweiz 2016
Regie: Raoul Peck
97 Minuten


Voraussichtlich ab Donnerstag 27.7.

Dunkirk (in 70mm Projektion)

Im Mittelpunkt des Film steht die militärische Evakuierungsaktion der britischen Admiralität im Zweiten Weltkrieg, die unter dem Codenamen Operation Dynamo erfolgte und vom 26. Mai bis zum 4. Juni 1940 stattfand. Im Rahmen der Operation wurden insgesamt 338.226 alliierte Soldaten, darunter das Gros des britischen Expeditionskorps und Teile der französischen Armee, die während der Schlacht von Dünkirchen von deutschen Truppen in der Nähe der nordfranzösischen Stadt Dünkirchen eingekesselt waren, per Schiff nach Großbritannien transportiert. (Quelle: Wikipedia)

USA, Großbritannien 2017
Regie: Christopher Nolan
Darsteller: Tom Hardy, Cillian Murphy, Sir Kenneth Branagh