Geplante Erstaufführungen in den nächsten Wochen:

voraussichtlich ab Donnerstag 22.8.
Gloria – Das Leben wartet nicht
Die Einzelteile der Liebe
Paranza – Der Clan der Kinder
voraussichtlich ab Donnerstag 29.8.
A Gschicht über d‘Lieb
Becoming Animal
Prélude
Die Agentin
Frau Stern
Late Night – Die Show ihres Lebens
voraussichtlich ab Donnerstag 5.9.
The Whale & the Raven (engl. OmU)
voraussichtlich ab Donnerstag 12.9.
Mein Leben mit Amanda
voraussichtlich ab Donnerstag 19.9.
Ein Licht zwischen den Wolken

Voraussichtlich ab Donnerstag 22.8.

Gloria – Das Leben wartet nicht



Die geschiedene Gloria will ihrem langweiligen Leben ein bisschen Lust und Liebe abtrotzen. US-Remake der umwerfenden chilenischen Frauenpower-Feel-Good-Komödie, dieses Mal mit Julianne Moore in der Rolle der resoluten Titelheldin.

„Never can say goodbye“ dröhnt in der Disco und Gloria kann sich tatsächlich nur schwer von der Tanzfläche verabschieden. Hier tanzt der Bär für die geschiedene Frau um die 60, deren Leben sonst eher langweilig ausfällt. Die Telefonate mit den erwachsenen Kindern scheitern stets am Anrufbeantworter. Der psychopathische Nachbar bringt sie um den Schlaf und auch jene Nacktkatze nervt, die sich chronisch in die Küche schleicht. Als willkommener Lichtblick erweist sich da der Flirt mit der charmanten Disco-Bekanntschaft Arnold (John Turturro), einem ehemaligen Marineoffizier, der gleichfalls geschieden ist. Das Duo versteht sich blendend, wären da nicht immer wieder die Anrufe von Arnolds Ex-Frau oder dessen Tochter, die die Idylle trüben...

Wie schon das Original hält auch die Cover-Version mit pfiffiger Cleverness und lässigem Charme die Balance zwischen Melancholie und Komik. Mit wenigen eleganten Federstrichen werden die Figuren psychologisch präzise gezeichnet, ohne sich je in Klischees zu verheddern. Wie zuletzt bei seinem mit dem Oscar prämierten Melodram „Eine fantastische Frau“ erweist sich das chilenische Regie-Talent Sebastián Lelio als glänzender Geschichtenerzähler, der die Leidenswege seiner gepeinigten Heldinnen mit großem Einfühlungsvermögen schildert – und sie als Stehauf-Frauchen am Ende triumphieren lässt. In die „Gloria“-Fußstapfen der grandiosen Pauline Garcia zu treten, scheint eine schier unmögliche Aufgabe. Da kann es eigentlich nur eine geben – und Julianne Moore enttäuscht auch diesmal nicht. Die charismatische Oscar-Preisträgerin hat hinter der großen Brille sichtliches Vergnügen an dieser Figur, die sie perfekt zwischen Zerbrechlichkeit und Stärke zelebriert. Wenn sie in ihrem Auto aus vollem Herzen „A Little More Love“ von Olivia Newton John mitträllert, dürfte sich im Kino ein bisschen Berlinale-Stimmung von einst breitmachen.

Chile, USA 2018
Regie: Sebastián Lelio
Darsteller: Julianne Moore, John Turturro, Caren Pistorius
102 Minuten


Voraussichtlich ab Donnerstag 22.8.

Die Einzelteile der Liebe



Die Stadien einer Beziehung: vom Kennenlernen über das Zusammenleben bis hin zum Auseinanderdriften und der Trennung. Mit feinem Gespür, aufmerksamem Blick und einer gekonnten Mischung aus Witz und Tragik erzählt

Für Sophie (Birte Schöik) könnte die Situation nicht schwieriger sein, als sie Georg (Ole Lagerpusch) über den Weg läuft: Sie ist hochschwanger und wurde gerade vom Vater ihres ungeborenen Kindes verlassen. Doch Georg erweist sich als rücksichts- und verständnisvoll. Es dauert nicht lange bis sie sich ineinander verlieben und – nach der Geburt von Jakob – zu einer glücklichen Familie heranwachsen. Doch mit der Zeit kommen auf die Drei die Herausforderungen des Zusammenlebens zu. Sophie und Georg leben sechs Jahre lang mehr oder minder glücklich zusammen, bis sie sich schließlich trennen. An die Stelle von Liebe und Zuneigung treten Meinungsverschiedenheiten und Streit. Denn fortan dreht sich alles um die Frage, wer das Sorgerecht für Jakob bekommt. Unterdessen versucht Sophies neuer Lebensgefährte, zwischen ihr und Georg zu vermitteln.

Die gebürtige West-Berlinerin Miriam Bliese wählt eine den Sehgewohnheiten des Betrachters zuwiderlaufende, nicht chronologische Erzählweise und unkonventionelle Handlungsstruktur – die sich jedoch als ungemein erfrischend und förderlich erweisen. Denn sie pickt sich durch ihre teils über viele Jahre erstreckenden Zeitsprünge wesentliche Ereignisse und typische Charakteristika aller Beziehungsphasen heraus, die sie mit Humor, Ehrlichkeit und feiner Beobachtungsgabe unter die Lupe nimmt. Und sie hat das Glück über Darsteller zu verfügen, die durch ihre lebensnahe, geerdete Darbietung ein hohes Maß an Identifikationspotenzial bieten. So fällt es leicht sich in Georg hineinzuversetzen, wenn er sich darüber ärgert, dass Sophie wieder einmal ihre leeren Joghurtbecher überall stehenlässt. Andererseits aber bringt man vollstes Verständnis für Sophie auf, wenn sie das Fehlen jeglicher Intimitäten und körperlicher Nähe beklagt. Dinge, die im Laufe der Zeit fast völlig abhandengekommen sind – die allerdings gegen Ende doch wieder aufflammen, wodurch Bliese ihren Figuren, ebenso wie dem Zuschauer, Hoffnung und Zuversicht mit auf den Weg gibt. Auch wenn die Umstände jetzt komplizierter geworden sind.

Deutschland 2019
Regie: Miriam Bliese
Darsteller: Birte Schnöink, Ole Lagerpusch, Andreas Döhler
97 Minuten


Voraussichtlich ab Donnerstag 22.8.

Paranza – Der Clan der Kinder


Wie Jugendliche in Neapel fast zwangsläufig, ja schicksalhaft auf die schiefe Bahn geraten, erzählt das Mafia-Drama auf gleichzeitig mitreißende und tragische Weise.

Nicola und seine Freunde haben Zeit ihres Lebens an der Seite der Mafia gelebt, nun wollen sie nicht mehr nur zuschauen, sondern selbst einen Teil des Kuchens abhaben. Zunächst verdingen sie sich als kleine Drogenkuriere, doch bald wollen sie mehr. Zusammen mit Agostino (Pasquale Marotta), dem Sohn eines ermordeten Paten, will die Gang der Kinder die Macht im Viertel übernehmen und dafür ist bald jedes Mittel recht. Man besorgt sich Waffen, die erst nur Drohkulisse sind, aber bald auch eingesetzt werden, um Gegner aus dem Weg zu schaffen. Bald rollt der Rubel, können sich Nicola und seine Freunde endlich die Markenklamotten leisten, nach denen sie sich ihr ganzes Leben verzehrt haben und kommen auch endlich in den teuersten Club der Stadt. Dort fließt der Champagner in Strömen, wird gekokst und gefeiert. „Die Welt gehört dir“, scheint dieser Moment zu sagen, doch stets ist klar, dass er nicht andauern wird.

Der dritte Film von Claudio Giovanessi ist dies, auch an der Fernsehserie „Gomorrah“ hat er mitgearbeitet, dort lernte er Roberto Saviano kennen, der mit seinen Büchern über die Strukturen der Mafia berühmt geworden ist. Vor einem Jahr erschien auch in Deutschland „Der Clan der Kinder“, sein erster Roman, der lose auf Ereignissen beruht, die sich erst vor ein paar Jahren in Neapel zutrugen. Nah am Dokumentarischen ist nun auch die Verfilmung, die den Weg von Nicola vom Teenager zum gejagten Gangster schildert. Gedreht mit Laiendarstellern aus Neapel, in chronologischer Reihenfolge, den Input der jungen Neapolitaner in die Geschichte einfließen lassend. Das Ergebnis ist ein enorm authentischer Film, der mit seiner fließenden Kamera einen Sog erzeugt, dem man sich schwer entziehen kann. Auch und gerade, weil man diese Geschichte aus unzähligen Gangster-Filmen kennt, Filme, die fraglos auch die echten Jungs gesehen haben, auf denen Savianos Roman basiert und die nun auf der Leinwand zu sehen sind. Dem süßen Leben jagen sie nach, dass unweigerlich böse enden muss, was jeder wissen muss und doch niemanden abhält, davon zu träumen.

Italien 2019
Regie: Claudio Giovannesi
Darsteller: Francesco Di Napoli, Viviana Aprea, Mattia Piano Del Balzo
112 Minuten
ab 16 Jahren


Voraussichtlich ab Donnerstag 29.8.

A Gschicht über d‘Lieb


Als ein Tabu-Bruch zum Dorfklatsch wird, geraten die Verhältnisse auseinander. Sensibel erzähltes, sorgfältig ausgestattetes Liebesdrama mit zwei überzeugenden Nachwuchsdarstellern. Heimatfilm 2.0. im Ländle - wir können alles, außer kitschig.

Im badischen Dörfchen Sankt Peter scheint in den frühen 1950er Jahren die Welt in Ordnung. Doch die Idylle ist trügerisch. Beim Bacherbauer hängt der Haussegen schief. Der einzige Sohn Gregor (Merlin Rose) soll den Hof übernehmen. Der junge Rebell hält indes wenig von Traditionen und will lieber an der geplanten Bundesstraße eine Tankstelle eröffnen, wofür er freilich viel Geld benötigt. Tochter Marie (Svenja Jung) versucht, im Familienstreit zu vermitteln. Der sture Vater ist zum Einlenken jedoch nur bereit, sofern Marie schleunigst heiratet und ein Schwiegersohn den Betrieb übernimmt. Traualtar-Kandidaten für die attraktive Braut gibt es im Dorf zur Genüge. Doch Marie möchte keinen Mann, ist sie doch längst heftig verliebt – und zwar in den eigenen Bruder. Lange Zeit konnten die Geschwister ihr Geheimnis verbergen, dann werden sie ausgerechnet von Marias Freundin Anna bei eindeutigen Zärtlichkeiten im Wald erwischt. Weil diese selbst heimlich in den schönen Gregor verliebt ist, sorgt die Eifersucht alsbald für fiese Intrigen, die die Lage im Dorf dramatisch verschärfen werden.

Die Figuren könnten glatt aus dem Ludwig Ganghofer-Kabinett kommen, gleichwohl grenzt sich Jungfilmer Peter Evers ab vom gängigen Genre-Kitsch. „Im ersten Moment, in dem die Zuschauer mit den Figuren den Hof betreten, merken sie, welch zwischenmenschliche Beziehungen und Spannungen dort herrschen. Von Romantik oder gar Idylle ist nichts zu spüren, trotz der schönen Landschaft und der pittoresken Ansicht“, erklärt der Jungfilmer sein Konzept. Das Dorf samt seiner Bewohner versteht er als verkleinertes Abbild der 50er Jahre: „Es geht hier um Gesellschaftskritik, nicht Heimatkitsch.“ Die Absicht ist durchaus gelungen umgesetzt, und das mit einer Stilsicherheit sowie Liebe fürs Detail, die für ein Langfilm-Debüt allemal erstaunlich ausfällt. Als großer Pluspunkt erweist sich die Besetzung des Geschwister-Paares. Die Chemie wirkt spürbar stimmig zwischen den Nachwuchsstars Merlin Rose („Als wir träumten“) und Svenja Jung („Die Mitte der Welt“).

Deutschland 2018
Regie: Peter Evers
Darsteller: Svenja Jung, Merlin Rose, Thomas Sarbacher
97 Minuten


Voraussichtlich ab Donnerstag 29.8.

Becoming Animal



Dokumentarfilm, in dem gemeinsam mit dem Autor und Kultphilosophen David Abram eine Erforschung des menschlichen Tier-Seins stattfindet

„Becoming Aniaml“ ist eine kinematographische Bewußtseinserweiterung ohne unerwünschte Nebenwirkungen. Der Film läßt uns die Natur neu wahrnehmen und begreifen, daß es uns als menschliches Wesen nur im stetigen Austausch mit der Natur geben kann. Die Filmschaffenden Peter Mettler und Emma Davie nehmen uns gemeinsam mit dem Erkenntnisphilosophen David Abram auf einen sinnreichen und immersiven Filmtrip.

Es ist eine Welt, in der die Lebewesen, die sie auf unendliche Weise bereichern, den Vortritt haben und in die wir uns behutsam einfühlen – mal aus der Vogelperspektive, dann wieder ganz nah, unmittelbar mit den Sinnen erfassend, wie die Schnecke, die ihre Fühler tastend in die Umgebung streckt. Denn nur so, heißt es in „Becoming Aniaml“, lassen sich Beziehungen herstellen zwischen dem, was wir sind, und dem, was uns umschließt: Mensch und Tier, Raum und Zeit, Körper und Intuitionen. Gemeinsam mit dem Philosophen und radikalen Denker David Abram begeben sich die schottische Dokumentarfilmerin Emma Davie und ihr kanadisch-Schweizer Kollege Peter Mettler auf eine faszinierend sensorische Entdeckungsreise in die Natur, um den Zuschauer anhand von Beobachtungen und Reflexionen zurückzuführen an einen Punkt, der die Abhängigkeit und Rückwirkung zwischen menschlichen und animalischen Kräften erneut greifbar macht.

Dokumentarfilm
Schweiz, Kanada u.a. 2018
Regie: Emma Davie, Peter Mettler
82 Minuten
ohne Altersbeschränkung


Voraussichtlich ab Donnerstag 29.8.

Prélude



Die Ausbildung am Konservatorium setzt einen 22jährigen Musikstudenten zunehmend unter Druck. Packendes, atmosphärisch dichtes Drama, das dramaturgisch wie visuell zu überzeugen vermag.

„Da ist der deutsche Wunderknabe!“ spottet der Österreicher Walter (Johannes Nussbaum) als er seinen neuen Kommilitonen David (Louis Hofmann) in der Küche von Gesangsstudentin Marie (Liv Lisa Fries) entdeckt. Mit einem demonstrativen Kuss macht der Macho gleich klar, wer hier das Sagen hat. Die attraktive Sängerin indes findet den schüchternen Neuling spontan ziemlich schnuckelig. Und nimmt sich wenig später ganz selbstverständlich, was sie will. Zur Konkurrenz um die Liebe gesellt sich die Rivalität am Klavier. David hat großes Talent, um das begehrte Stipendium in New York zu bekommen, ist gut jedoch nicht gut genug. Verunsichert durch Walter, verliebt in Marie und zudem nervös, patzt der Pianist prompt bei der Prüfung. Ein etwas dubioser Mitstudent schleppt David zum Trost in eine Techno-Disco mit grellem Stroboskop-Licht. Die Ablenkung gelingt nicht lange, bald naht die erste kleine Verzweiflungstat im Herrenklo.

Die deutsch-ungarisch-iranische Autorin und Regisseurin Sabrina Sarabi setzt bei ihrem Langfilm-Debüt vorzugsweise auf visuelle Möglichkeiten, um ihr Drama zu erzählen. Die Kamera bleibt stets dicht am Helden dran. Kleine Gesten oder Blicke genügen, um plausibel Emotionen zu vermitteln. Während Klaviermusik im Soundtrack gemeinhin gern zum Geschmacksverstärker verkommt, bleibt die Wirkung in dieser Story naheliegenderweise plausibel, weil hier das Klimpern zum Handwerk gehört. Ein paar angeschlagene Tasten genügen, schon ist das Stimmungsbarometer der Musiker schön gesetzt. Für die richtigen Rhythmus-Effekte des Erzählens sorgen die Klänge gleichermaßen, bis hin zum Tischtennis-Spiel im Takt des Metronoms. Die Dramaturgie wirkt gleichsam wie vom Notenblatt: von Adagio bis Andante, von Allegro bis Forte entwickelt sich die Geschichte mit souveräner Spannung. Dazwischen immer wieder gekonnte Pausen. „Das klingt mir alles zu gleich!“, empört sich der eitle Prüfer in einer Szene einmal. Für den Film gilt das keineswegs - für Louis Hofmann sowieso nicht.

Deutschland 2019
Regie: Sabrina Sarabi
Darsteller: Louis Hofmann, Liv Lisa Fries, Johannes Nussbaum


Voraussichtlich ab Donnerstag 29.8.

Die Agentin



Eine Zivilistin wird in die Strukturen der Geheimdienste gezogen. Mehr John le Carré als James Bond ist Yuval Alders Agentenfilm, in dem Diane Krüger erneut ihre wachsenden Qualitäten als ernsthafte Schauspielerin unter Beweis stellt.

Ein Anruf am Rheinufer setzt die Handlung in Gang: Zum ersten Mal seit langem hört der britische Jude Thomas (Martin Freeman) von der Deutschen Rachel (Diane Krüger), die er einst rekrutierte und in die Methoden des israelischen Auslandsgeheimdienstes Mossad einführte. Nun scheint Rachel nicht mehr unter Kontrolle zu sein, scheint sich von ihren Führungsoffizieren losgelöst zu haben, vielleicht sogar zu Israels Erzfeind Iran übergelaufen zu sein. Das zumindest vermuten hochrangige Mossad-Agenten, denen Thomas in langen Rückblenden berichtet, wie er Rachel einst rekrutierte. Ohne familiäre Bindungen, vielsprachig und weltgewandt, war sie die ideale Kandidaten, um die herum die Legende einer Sprachlehrerin aufgebaut wurde, bevor sie zu ihrem ersten Einsatz geschickt wurde: Nach Teheran ging es, wo sie sich dem iranischen Geschäftsmann Farhad (Cas Anvar) nähern sollte, der für eine Elektronikfirma arbeitet. Doch schnell entwickelte sich eine Liebesbeziehung zwischen Rachel und Farhad, die Rachels Loyalität verkomplizierte...

Ein Minenfeld ist es, dass Autor und Regisseur Yuval Adler mit seinem zweiten Spielfilm betritt, bzw. viel mehr sehr vorsichtig umschifft. Denn auch wenn es hier strenggenommen um die Versuche Israels geht, ein mögliches Atomprogramm des Irans mit allen Methoden zu sabotieren, die eigenen, scheinbar gerechtfertigten Ziele, mit allen Mitteln zu erreichen: Im Kern ist „Die Agentin“ ein Film über eine Frau, die ihr Leben zurückhaben möchte. Durch die verschachtelte Rückblendenstruktur dauert es eine ganze Weile, bis deutlich wird, was hier auf dem Spiel steht. So wird „Die Agentin“ erst in der zweiten Hälfte, wenn Rachel zwischen ihrer Loyalität zum Mossad und ihrer Liebe zu Farhad hin und her gerissen ist, zu einem spannenden Drama. Doch auch dann setzt Alder weniger auf Action und Verfolgungsjagden, als auf psychologische Spannung, überzeugt er nicht durch Oberflächlichkeit, sondern schafft es, die Zwänge eines Lebens in der Welt der Geheimdienste auf überzeugende Weise anzudeuten.

USA, Israel 2019
Regie: Yuval Adler
Darsteller: Diane Kruger, Martin Freeman, Cas Anvar
116 Minuten


Voraussichtlich ab Donnerstag 29.8.

Frau Stern



Eine alte jüdische Frau will ihrem Leben in Berlin ein Ende setzen. Berührender, komischer, weiser Film über Leben, älter werden und Sterben. Ein traurig schönes Kleinod.

90 Jahre ist Frau Stern (Ahuva Sommerfeld) alt geworden, hat viel gesehen und erlebt, hat geliebt und gelitten und vor vielen Jahrzehnten das Konzentrationslager überlebt. Nun ist sie des Lebens müde, nicht weil sie krank wäre, sondern weil sie glaubt, genug gelebt zu haben. Doch ihr Arzt bescheinigt ihr beste Gesundheit, sich auf die Gleise legen klappt nicht, denn sofort wird ihr von einem freundlichen Unbekannten wieder aufgeholfen und so macht sich die alte, überaus wache Dame auf die Suche nach einer Waffe, doch das erweist sich als schwierig. So lebt Frau Stern weiter ihr Leben, verbringt viel Zeit mit ihrer Enkelin Elli (Kara Schröder) zu deren jungen Freunden sie immer intensiveren Kontakt pflegt. Gemeinsam wird getrunken, ein Joint geraucht und gesungen, doch trotz allem lässt Frau Stern der Gedanke nicht los, aus dem Leben zu scheiden.

Auf den ersten Blick mag es sich wie eine geschmacklose Idee anhören: Ein Film über eine 90jährige Holocaustüberlebende, die sich umbringen will, und das auch noch in Berlin. Doch was Anatol Schuster aus diesem Ansatz macht, zählt zu den schönsten Überraschungen, die der deutsche Film in diesem Jahr zu bieten hat. Angesichts der Thematik und der bemerkenswerten Hauptdarstellerin Ahuva Sommerfeld ist man versucht, hier an den „typischen“ jüdischen Humor zu denken, einen pragmatischen Umgang mit den Hochs und Tiefs des Leben, zu dem unweigerlich auch der Tod gehört. Doch auch wenn der Schatten des Holocausts immer mitschwingt, lose angedeutet wird, dass Frau Stern die einzige Überlebende ihrer jüdischen Familie ist, sich eine grundsätzlich melancholische Stimmung durch den Film zieht, ist „Frau Stern“ alles andere als ein deprimierender, düsterer Film. Es ist nicht zuletzt der erstaunlichen Präsenz von Ahuva Sommerfeld zu verdanken, dass die Geschichte über das Sterben, zu einer Ode an das Leben wird.

Deutschland 2019
Regie: Anatol Schuster
Darsteller: Ahuva Sommerfeld, Kara Schröder, Pit Bukowski
79 Minuten


Voraussichtlich ab Donnerstag 29.8.

Late Night – Die Show ihres Lebens



Weil eine Late-Night-Hosterin Einschaltquoten einbüßt, wird ihr eine neue Autorin zur Seite gestellt. Nah am Zeitgeist und trotzdem zeitlos - Regisseurin Nisha Ganatra trifft gleich mehrere Nerven und unterhält blendend

Das Image der erfolgreichen Late-Night-Hosterin Katherine Newbury (Emma Thompson) gerät gewaltig ins Wanken, als bekannt wird, dass die Fernsehmoderatorin eine echte Frauenhasserin sein soll. Ihr Team besteht lediglich aus Männern, auch ihre Gags setzen langsam Staub an. Um ihren Ruf zu retten, beordert sie die tollpatschige, aber hochtalentierte Autorin Molly (Mindy Kaling) in ihr Team. Sie soll frischen Wind in die alteingesessene Runde bringen und Katherines Show wieder auf den richtigen Kurs führen. Also muss Katherine fortan tatsächlich mit Molly an einem Strang ziehen, um die Show, vor allem aber die Karriere der TV-Legende zu retten. Aus einem Marketing-Stunt wird ein eingeschworenes Team und aus der zurückhaltenden Molly eine echte Kämpferin…

Selbst, wer mit dem Themengebiet der Late Night Show nichts am Hut hat, profitiert von einem Skript, das sich die Hauptdarstellerin Mindy Kailing („Ocean’s Eight“) auf den Leib geschrieben hat. Sich und ihrer Kollegin Emma Thompson („Kindeswohl“), die sich hier gegenseitig zu Höchstleistungen animieren. Thompson verkörpert ihre knallharte Geschäftsfrau nicht als festgefahrenes Karrierebiest, sondern als bisweilen hilflos im Quotendruck verlorene Frau. Ihr gegenüber wirkt Kailing als tapsiger Neuling im Team zunächst fast verloren. Doch die vierzigjährige Mimin spielt den Wandel zur sich nach und nach aufgrund ihres Könnens auf der Karriereleiter emporschwingenden Gagschreiberin absolut souverän und glaubhaft. „Late Night“ liefert also nicht bloß einen Einblick hinter die Kulissen von Late Night Shows, Fernsehsendern und Quotendruck, sondern ist zugleich ein aufrichtiges Plädoyer für Frauen und gegenseitige Rücksichtnahme. Ein charmanter Appell an Diversität und das, was folgt, wenn man diese wie selbstverständlich auslebt. Die Pointen treffen ins Schwarze, die emotionalen Aspekte der Geschichte zünden ebenfalls und am Ende steht das unbedingte Streben nach Harmonie und gegen die ausgeprägte Ellenbogengesellschaft. Richtig gut.

USA 2019
Regie: Nisha Ganatra
Darsteller: Emma Thompson, Mindy Kaling, John Lithgow
100 Minuten


Voraussichtlich ab Donnerstag 5.9.

The Whale & the Raven (engl. OmU)

Sind Wale Individuen mit der Fähigkeit zur Selbstwahrnehmung und Intelligenz? Janie Wray und Hermann Meuter sind fest davon überzeugt. Seit 15 Jahren dokumentieren die beiden Wal-Forscher das Verhalten von Orcas, Buckel- und Finnwalen an der Westküste Kanadas.

70 Meilen von ihren Forschungsstationen entfernt liegt die kleine Küstenstadt Kitimat. Hier wird eine gigantische Exportanlage für Flüssiggas(LNG) geplant. Auf Supertankern soll das Gas nach Asien exportiert werden. Was die Tankerroute für die Wale bedeuten wird, ist nicht absehbar.

Auch die Gitga at First Nation, die in dem kleinen Ort Hartley Bay leben, haben sich nach einem zehnjährigen Kampf dem Druck von Industrie und Regierung gebeugt und zugestimmt, dass zukünftig Hunderte von Supertankern durch die Fjorde ihres Territoriums fahren werden.

In den Geschichten der First Nations, den ersten Bewohnern dieser Küste, wird das Meer als "Unterwasserkönigreich" beschrieben. "Orca Chief" wacht über die Bewohner des Meeres und weist respektlose Menschen in ihre Schranken. In einer animierten Sequenz, erzählt mit Bildern des Künstlers Roy Henry Vickers, macht die Geschichte von Orca-Chief klar, dass es in dieser Region auch um verschiedene Konzepte unserer Welt geht: Die industrielle Nutzbarmachung des Meeres versus dem Meer als Nahrungsquelle, das es langfristig zu erhalten gilt.

In ihrem Film wirft Regisseurin Mirjam Leuze die Frage auf, ob wir Menschen das Recht haben, die Welt ausschließlich nach unseren Bedürfnissen zu formen. Was wäre, wenn Selbstwahrnehmung, Mitgefühl und Denken nicht ausschließlich menschliche Fähigkeiten wären?

Nah dran an den beiden Walforschern Hermann Meuter und Janie Wray gibt der Film einen tiefen Einblick in ein einzigartiges Biotop.

Quelle: mindjazz-pictures.de

Dokumentarfilm
Deutschland 2019
Regie: Mirjam Leuze
101 Minuten


Voraussichtlich ab Donnerstag 12.9.

Mein Leben mit Amanda

Sommer in Paris. David, 24 Jahre alt, führt ein unbekümmertes Single-Leben, das er sich mit verschiedenen Jobs finanziert. Gelegentlich schaut er auf einen Sprung bei seiner Schwester und ihrer kleinen Tochter Amanda vorbei. Und da ist noch seine neue Nachbarin Léna, in die er sich verlieben könnte. Doch von einem auf den anderen Tag findet die sommerliche Unbeschwertheit ein Ende. David ist gezwungen, eine große Entscheidung zu treffen und eine noch größere Verantwortung zu übernehmen. Für sein Leben und das seiner siebenjährigen Nichte Amanda. Und die clevere Kleine hat so ihre eigenen Vorstellungen, wie das aussehen soll.

MEIN LEBEN MIT AMANDA von Mikhaël Hers (DIESES SOMMERGEFÜHL) erzählt wunderbar feinfühlig und berührend vom Zueinanderfinden zweier Menschen, die ungleicher nicht sein könnten. Vor allem die schauspielerische Leistung von Vincent Lacoste, einem der Shooting-Stars des jungen französischen Kinos als David, und der jungen Isaure Multrier als Amanda treffen mitten ins Herz des Zuschauers. Ein kleines Filmjuwel!

Frankreich 2018
Regie: Mikhael Hers
Darsteller: Vincent Lacoste, Isaure Multrier, Stacy Martin
107 Minuten
ab 6 Jahren


Voraussichtlich ab Donnerstag 19.9.

Ein Licht zwischen den Wolken

In der rauen, aber schönen Hochgebirgs-Idylle eines albanischen Bergdorfes lebt es sich erstaunlich multikulturell: Der Hirte Besnik ist dank der katholischen Mutter, dem kommunistischen Vater und den muslimischen und orthodoxen Schwiegerfamilien an Kompromisse gewöhnt. Doch das friedliche Miteinander im Dorf und in der Familie wird herausgefordert. Beim Gebet in der Moschee folgt Besnik einer seltsamen Eingebung und entdeckt etwas Unglaubliches: verborgen hinter Wandverputz offenbart sich eine christliche Heiligendarstellung. Unvorstellbar scheint für die muslimische Mehrheit, was nun unwiderlegbar ist: die Moschee war einst eine Kirche. Ein gemeinsames Gotteshaus mag für ihre Vorfahren selbstverständlich gewesen sein. Den aktuellen Einwohnern des Bergdorfes scheint es reiner Frevel. Doch einmal geweckt, sind die Begehrlichkeiten kaum zurückzuhalten. Im Zentrum der Auseinandersetzung steht Besnik, der nicht einsehen mag, warum ein Gotteshaus nicht viele Wohnungen haben kann. Und auch in Besniks multireligiöser Familie entzündet sich ein Streit über das Haus des Vaters und Besnik selbst muss erfahren, wie dicht Religion und Ausschluss miteinander verwoben sind. Der Hirte ist gezwungen, seinen eigenen Weg zu gehen.

Ein seltenes Juwel ist dieser kleine, aber mit viel Liebe inszenierte Spielfilm aus Albanien, der mit großer Subtilität die Spielräume der Religiosität in den Fokus rückt. Ein ungewöhnlicher Beitrag zu einer allgegenwärtigen Debatte, der mit großer Poesie und in einer zart kadrierten Bildsprache von Orten des Glaubens und vom Obdach der Gemeinschaft erzählt.

Albanien, Rumänien 2018
Regie: Robert Budina
Darsteller: Arben Bajraktaraj, Esela Pysqyli, Irena Cahani
83 Minuten