Geplante Erstaufführungen in den nächsten Wochen:

voraussichtlich ab Donnerstag 1.3.
Das schweigende Klassenzimmer
Call Me By Your Name
voraussichtlich ab Donnerstag 8.3.
Lucky
Arthur & Claire
Jane
voraussichtlich ab Donnerstag 15.3.
The Florida Project
Der Hauptmann
Maria Magdalena
Winchester – Das Haus der Verdammten
voraussichtlich ab Donnerstag 22.3.
Die Schtis in Paris - Eine Familie auf Abwegen
Die grüne Lüge
I, Tonya
Thelma
Zwei Herren im Anzug
voraussichtlich ab Donnerstag 29.3.
The Death of Stalin
1000 Arten Regen zu beschreiben
Im Zweifel glücklich
Unsane - Ausgeliefert
voraussichtlich ab Donnerstag 19.4.
The King – Mit Elvis durch Amerika

Voraussichtlich ab Donnerstag 1.3.

Das schweigende Klassenzimmer

In der noch jungen DDR eskaliert eine einfach menschliche Geste zum staatsgefährdenden Politikum. Eine packende und wahre Geschichte über den außergewöhnlichen Mut Einzelner in einer Zeit politischer Unterdrückung.

1956: Bei einem Kinobesuch in Westberlin sehen die Abiturienten Theo (Leonard Scheicher) und Kurt (Tom Gramenz) in der Wochenschau dramatische Bilder vom Aufstand der Ungarn in Budapest. Zurück in Stalinstadt entsteht spontan die Idee im Unterricht eine solidarische Schweigeminute für die Opfer des Aufstands abzuhalten. Doch die Geste zieht viel weitere Kreise als erwartet: Während ihr Rektor (Florian Lukas) zwar zunächst versucht, das Ganze als Jugendlaune abzutun, geraten die Schüler in die politischen Mühlen der noch jungen DDR. Der Volksbildungsminister (Burghart Klaußner) verurteilt die Aktion als eindeutig konterrevolutionären Akt und verlangt von den Schülern innerhalb einer Woche den Rädelsführer zu benennen. Doch die Schüler halten zusammen und werden damit vor eine Entscheidung gestellt, die ihr Leben für immer verändert…

„Das schweigende Klassenzimmer“ erzählt ein zutiefst bewegendes Kapitel aus dem Tagebuch des Kalten Krieges, basierend auf den persönlichen Erlebnissen und der gleichnamigen Buchvorlage von Dietrich Garstka – einer der insgesamt 19 ehemaligen Schüler, die 1956 mit einer einfachen menschlichen Geste einen ganzen Staatsapparat gegen sich aufbrachten. Dem vielfach preisgekrönten Regisseur und Drehbuchautor Lars Kraume (Deutscher Filmpreis 2016 für den Politthriller „Der Staat gegen Fritz Bauer“) ist es gelungen, in seinem neuesten Film einen Cast aus höchst vielversprechenden Nachwuchskünstlern und herausragenden, etablierten Darstellern des deutschen Kinos zu versammeln: Die Hauptrolle übernimmt Leonard Scheicher, der schon bei Produktionen wie „Es war einmal Indianerland“, „Finsterworld“ und „Quellen des Lebens“ dem Kinopublikum auffiel. Neben ihm spielt die Nachwuchsentdeckung Tom Gramenz („Armans Geheimnis“) die zweite Hauptrolle. In den weiteren Rollen der Klassenkameraden sind Lena Klenke („Rock my Heart“, „Fack Ju Göhte“), Isaiah Michalski („Der Medicus“, „Anonymus“) und Jonas Dassler („Werk ohne Autor“, „Lomo – The Language of Many Others“) zu sehen. Für die „erwachsenen“ Nebenrollen konnte unter anderem mit Ronald Zehrfeld („Der Staat gegen Fritz Bauer“), Florian Lukas („Weissensee“), Jördis Triebel („Ein Atem“), Michael Gwisdek („Kundschafter des Friedens“) und Burghart Klaußner („Der Staat gegen Fritz Bauer“) eine erstklassige Darstellerriege gewonnen werden.

Deutschland 2018
Regie: Lars Kraume
Darsteller: Leonard Scheicher, Tom Gramenz, Anna Lena Klenke
111 Minuten
ab 12 Jahren


Voraussichtlich ab Donnerstag 1.3.

Call Me By Your Name

Die radikal romantische Liebesgeschichte zwischen einem 17-jährigen, ungestümen Schöngeist und einem 24-jährigen US-Sonnyboy im sommerlichen Bella Italia der frühen 80er Jahre. Sinnliches Gefühlskino, wie es nur die Italiener mit solch raffinierter Grandezza beherrschen. Der Oscar-Call dürfte da gleich mehrfach erfolgen.

„Jetzt teilen wir uns das Bad!“, empfängt der 17-jährige Elio (Timothée Chalamet) freundlich den neuen Gast, für den er sein eigenes Zimmer räumt und in die anliegende Abstellkammer zieht. Wie immer hat Elios Vater, ein Professor für Archäologie, auch in diesem Sommer 1983 einen Studenten als wissenschaftliche Hilfskraft auf dem gemütlichen Landsitz der Familie einquartiert. Diesmal kommt der 24-jährige Doktorand Oliver (Armie Hammer) aus den USA zu Besuch. Der gutaussehende Amerikaner avanciert schnell zum Schwarm der weiblichen Dorfjugend. Die Gasteltern erliegen gleichfalls dem Charme des redegewandten Besuchers. Nur Sohn Elio gibt sich auffallend abweisend gegenüber dem Sonnyboy. Auf dessen harmlose Berührung beim Sport reagiert der Teenager fast panisch. Zugleich ist er schwer fasziniert von dem selbstbewussten Charmeur. Bei gemeinsamen Ausflügen kommt man sich schließlich näher. Bevor er ganz den Kopf verliert, stürzt sich der verunsicherte Teenager lieber in den Flirt mit der hübschen Marzia, die ihn schon lange anschwärmt. Ein bisschen will er damit natürlich seinen Oliver eifersüchtig machen. Je mehr Zeit die Jungs miteinander verbringen, desto größer wächst die Zuneigung und steigt das Begehren...

Als echter Italiener weiß Luca Guadagnino natürlich bestens, wie er seine Heimat am schönsten in Szene setzt. Sonnendurchflutete Landschaften. Paradiesisch anmutende Gärten. Idyllische Flüsse und Küsten. Pittoreske Dörfer mit palavernden Bewohnern. In der vornehmen Villa von Emilios vermögenden Eltern lässt sich zudem sehr entspannt über Gott und die Welt und die letzten Probleme der Menschheit philosophieren. Ähnlich entschleunigt wie die Einheimischen, geht auch der Regisseur vor. Er erlaubt den Figuren genügend Zeit zur Entfaltung. Die brauchen sie tatsächlich dringend, schließlich stecken sie voller Widersprüche und Unsicherheiten. Minimalistischer fallen die Interaktionen zwischen den Figuren aus. Da genügen kurze Blicke und kleine Gesten statt vieler Worte. Bisweilen fühlt man sich fast wie in einem Stummfilm. Wenn schon Dialoge, dann aber richtig: Ob augenzwinkernd als endloser Wortschwall über Politik beim Abendbrot, wie er italienischer kaum ausfallen kann. Oder sehr berührend, als intimes Vater-Sohn-Gespräch über Sex, Liebe und das Leben - wie es großartiger im Kino wohl noch nicht zu sehen war. Michael Stuhlbarg erweist sich dabei einmal mehr als Darsteller der Extraklasse. Mit dieser Rolle und jener in „The Shape of Water“ dürfte er gleich zwei Eisen im aktuellen Oscar-Rennen haben.

Italien, Frankreich 2017
Regie: Luca Guadagnino
Darsteller: Armie Hammer, Timothée Chalamet, Michael Stuhlbarg, Amira Casar, Esther Garrel
132 Minuten
ab 12 Jahren


Voraussichtlich ab Donnerstag 8.3.

Lucky

Lucky ist ein Cowboy vom alten Schlag, der allein in seinem Häuschen am Rand der Wüste von Arizona lebt. John Carroll Lynch setzt mit seinem Kinodebüt dem großen Menschendarsteller Harry Dean Stanton ein wunderbares Denkmal: ein humorvoller Film über das Altsein und das Glück zu leben.

Lucky ist über 90, aber noch ziemlich gut in Form. Er lebt in einem gottverlassenen Nest in Arizona, dort, wo es am Ödesten ist. Der alte Mann wohnt allein in seinem Häuschen und hat einen festen Tagesrhythmus, den er penibel einhält. Der Morgen beginnt mit einer Zigarette, Yoga-Übungen, Körperpflege, kalter Milch und heißem Kaffee. Als nächstes steht der Gang in den Supermarkt und ins örtliche Diner auf dem Programm, wo Lucky sich mit dem Kellner unterhält und ein Kreuzworträtsel löst. Zuhause angekommen, wird ferngesehen. Am Abend sitzt er mit anderen alten Männern in der Bar und gönnt sich eine Bloody Mary. Doch eines Tages ist alles anders, denn Lucky fällt morgens um und ist kurze Zeit bewusstlos. Nur ein Moment der Schwäche, aber Lucky geht sofort zum Arzt, der ihm eine außergewöhnlich gute Konstitution bei allerbesten Werten bescheinigt. Lucky ist nicht krank, sondern alt, und wenn man alt ist, wird man schon mal ohnmächtig. Diese Nachricht verändert etwas in Lucky. Es scheint, als ob er sich erst jetzt bewusst wird, dass auch sein Leben enden wird, nicht einfach irgendwann, sondern tatsächlich in absehbarer Zeit...

Es passiert nicht viel in diesem Film, der so gelassen und ruhig ist wie sein Held. Die Bilder aus Arizona sind von teils gleißender Schönheit, die Hitze ist förmlich spürbar, niemand mag sich da schnell bewegen. Eine wesentliche Rolle spielt eine Schildkröte, die ihrem “Herrchen” weggelaufen ist. Das ist an sich schon eine wunderbar abstruse Idee, die im Verlauf der Geschichte immer abstruser wird. Denn President Roosevelt, die Schildkröte, hat nach Aussage ihres Besitzers, eines Freundes von Lucky, der von David Lynch gespielt wird, ihre Flucht schon von langer Hand geplant. Die Symbolik erschließt sich nur nach und nach. Aber so langsam und bedächtig wie President Roosevelt, nach außen gepanzert und allein, aber nicht einsam, ist auch Lucky, der bei aller nach außen demonstrierter Lässigkeit doch zerbrechlich wirkt, ein Cowboy-Greis. Harry Dean Stanton wurde die Rolle ganz offenkundig auf den Leib geschrieben. Bei allen Beteiligten ist so viel feiner Humor, so viel Spaß am Spiel zu spüren, aber Harry “Zen” Stanton, wie ihn manche nennen, ist ganz ohne Frage hier der strahlende Held. Und neben allem, was wunderbar ist an diesem Film, zählt die Tatsache, dass sich für diesen Film ein paar Kumpels zusammengetan haben, um ihrem Freund zu Lebzeiten eine große Ehre zu erweisen: Sie haben für ihn und mit ihm ein Stück Kino geschaffen, um ihn unsterblich zu machen.
carno und Hamburg.

USA 2017
Regie: John Carroll Lynch
Darsteller: Harry Dean Stanton, David Lynch, Ron Livingston
88 Minuten
ohne Altersbeschränkung


Voraussichtlich ab Donnerstag 8.3.

Arthur & Claire

Zwei Lebensmüde, der 50jährige Arthur und die 30jährige Claire, werden unerwartet zur Schicksalsgemeinschaft, als sie gemeinsam in der pulsierenden Nacht Amsterdams den Wert des Lebens neu erfahren. Eine perfekte schwarzhumorige wie warmherzige Komödie!

Arthur (Josef Hader) möchte nur noch seine Ruhe. Auf dem Weg zu seiner Sterbeklinik nach Amsterdam will der Krebskranke möglichst wenig Kontakt. Friedlich und in Würde möchte er sich selbstbestimmt verabschieden. Er will nicht länger darauf warten, dass der Tumor in seiner Lunge das qualvoll erledigt. Aber das Leben lässt sich nicht aussperren. Selbst an seinem letzten Abend im edlen Hotel an der Kaisergracht stört laute Rockmusik sein stilvolles und einsames Dinner. Aufgebracht stürmt er ins Nachbarzimmer. Und trifft dort auf die junge Claire (Hannah Hoekstra). Die 30jährige will sich gerade mit Schlaftabletten vergiften. In letzter Minute entreißt er ihr das Glas und kippt den Inhalt in die Toilette. „Wer so laute Musik aufdreht, der will sich nicht wirklich umbringen“, behauptet er. Und die zunächst verdutzte Holländerin meint nur sarkastisch: „Macht ihr Deutschen das immer noch so, einfach irgendwo rein stürmen“. Trotzdem erwachen Arthurs Lebensgeister. Ihre Auseinandersetzung über den Sinn eines Lebens, das nicht gerade vom Glück überstrahlt zu sein scheint, mündet in dem Kompromiss, den letzten Abend gemeinsam zu verbringen...

Dem deutsch-portugiesischen Regisseur Miguel Alexander gelingt eine wunderbare Balance zwischen trockenem Humor und berührender Einsicht in die menschliche Unvollkommenheit mit tragikomischer Nähe zu seinen Hauptfiguren. Zwischen Schwächen und aufgedeckten Lebenslügen entsteht eine kluge Liebeserklärung an das Leben selbst ohne Wirklichkeitsflucht. Als Drehbuchautor ist Hauptdarsteller Josef Hader auch mitverantwortlich für die einzigartigen Dialoge. Erneut überzeugt der Star-Kabarettist, wie bereits in dem preisgekrönten historischen Flüchtlingsfilm „Vor der Morgenröte“, auf der Leinwand. In der Rolle des liebenswerten, verstörenden Eigenbrötlers haftet seiner Figur, schwankend zwischen schwermütig und bissig, etwas von dem grantelnden Charme als Kult-Kieberer Brenner der legendären Krimireihe an. Zwischen ihm und der niederländischen Newcomerin Hannah Hoekstra stimmt die Chemie. Schlagfertig mit holländischem Witz bietet sie ihm kratzig Paroli. Nicht umsonst war die knapp 30jährige im vergangenen Jahr Shootingstar der Berlinale. Bereits in Sacha Polaks Debütdrama und Frauenportrait „Hemel“ lieferte sie ein starkes Zeugnis ambivalenter Gefühle.

Deutschland, Österreich 2017
Regie: Miguel Alexandre
Darsteller: Josef Hader, Hannah Hoekstra, Rainer Bock
99 Minuten
ab 12 Jahren


Voraussichtlich ab Donnerstag 8.3.

Jane



Mit „Jane“ ist Jane Goodall gemeint, Forscherin und Aktivistin, die in den 60er Jahren in Ostafrika aufsehenerregende Forschung an Schimpansen betrieb. Brett Morgen porträtiert die inzwischen 83jährige Goodall und kann dabei auf unbekanntes Filmmaterial zurückgreifen.

Beim Namen Jane denkt man gleich an Tarzan, den selbsternannten König des Urwalds, der mit seinem Schimpansen Cheeta und seiner Gespielin Jane ein bukolisches Leben in der Wildnis führte. Ein ironischer Titel also für eine Dokumentation über eine Frau, die alles andere als das Anhängsel eines Mannes war, die zwar auch in den Dschungel ging, dort jahrelange lebte, damit aber die Konventionen sprengte. Ihr Traum, so berichtet Goodall, war es schon immer gewesen, nach Afrika zu gehen, allerdings nicht um die Menschen kennenzulernen, sondern die in westlichen Darstellungen oft verklärte Flora und Fauna. Dass sie keinerlei Ausbildung im Bereich der Ethnologie hatte, machte sie zwar erst recht zur Außenseiterin, sorgte aber auch dafür, dass sie mit offenem Blick auf ihre Subjekte, die Schimpansen blickte. Nicht mit einer schon fertigen Meinung beobachtete sie die Tiere, denen sie sich langsam annäherte, sondern voller Neugier. Die Erkenntnisse, die Goodall dabei gewann, die Thesen, die sie aufstellte, waren aufsehenerregend, einflussreich und kontrovers, denn Goodall zeigte die Ähnlichkeit zwischen Mensch und Schimpansen in einem Maße auf, der viele irritierte.

Seit Jahrzehnten ist Goodall also eine öffentliche Person, neben Dian Fossey (im Kino vor allem durch den Film „Gorillas im Nebel“ bekannt) ist sie die bekannteste Primatenforscherin, die schon oft in Dokumentarfilmen porträtiert wurde. Was den Film von Brett Morgen jedoch besonders macht ist das Archivmaterial, das erst vor Kurzem in den Archiven der National Geographic Society gefunden wurde. Es wurde von Hugo van Lawick gedreht, einem Fotografen und Kameramann, der 1964 den Auftrag erhielt, einen Bericht über Goodall und ihre Affen zu drehen - und sich verliebte. Gemeinsam lebte das Paar in Afrika und bekam einen Sohn, vor allem aber filmte van Lawick seine Frau und die Schimpansen immer weiter. So gut sind diese Aufnahmen, so scharf, so farbgesättigt, so gut kadriert, dass man immer wieder glaubt, nachgestellte Aufnahmen zu sehen, in denen eine junge Schauspielerin Goodall spielt. Doch Nein, sämtliche Aufnahmen sind dokumentarisch, zeigen Goodall in der Natur und mit ihren Lieblingen, zunächst den Schimpansen, später auch ihrem Sohn, gefilmt mit dem Blick eines Mannes, der sie liebte. Morgen nähert sich einer fraglos eindrucksvollen Frau, die sich ein Leben lang für die Rechte von Tieren und den Naturschutz eingesetzt hat und diese Arbeit auch im hohen Alter mit unermüdlichem Einsatz fortsetzt.

Dokumentation
USA 2017
Regie: Brett Morgen
90 Minuten
ohne Altersbeschränkung


Voraussichtlich ab Donnerstag 15.3.

The Florida Project



Um die Ecke von Disney World lebt die kleine Moonee mit ihrer Mutter Halley in einem heruntergekommenen Motel. Betörend realistisches Independent-Drama, das ein ziemlich raffinierter Kommentar zur Lage der USA und dazu noch witzig und berührend ist. Toll!

White Trash ist die Bezeichnung für die arme, weiße Unterschicht vor allem im Süden der USA, die ursprünglich von schwarzen Sklaven verwendet wurde, um Menschen zu benennen, denen es noch schlechter ging als ihnen. Sean Baker siedelt seinen Film – nach dem Erfolg von „Tangerine L.A." – in diesem Milieu an, wieder also eine Geschichte über Minderheiten. Statt der einigermaßen schrillen Transgender-Szene in Hollywood und Los Angeles steht hier das wahre Leben jenseits der Märchenwelt von Disney World in und um Orlando/Florida im Vordergrund, kaum weniger schräg, mit leichter Hand inszeniert und deshalb umso bewegender. Diesmal erzählt Sean Baker aus Sicht eines Kindes: Moonee ist eine echte Straßengöre, so kess wie einfallsreich. Den letzten Sommer, bevor es in die Schule geht, verbringt sie, wie immer, meist unbeaufsichtigt, sie stromert mit ihren Freunden durch die Gegend, bettelt sich Geld fürs Eis zusammen, und ihre legendären Streiche in der Motelanlage rufen häufig den Motelmanager Bobby (Willem Dafoe) auf den Plan. Bobby ist so etwas wie der Fels in der Brandung, nicht nur im Motel, sondern auch in Halleys und Moonees Leben...

Gut gelaunt und unbefangen lebt nicht nur Moonee in ihrer farbenfrohen, chaotischen Welt. Auch Halley ist alles andere als das klassische Müttermodell. Sie wissen es nicht, aber für beide geht es ums Überleben in einer Welt, die keine Verlierer duldet. Das Konzept des Versagens ist in der US-Gesellschaft nicht vorgesehen. Eine soziale Absicherung für junge Mütter gibt es nicht, nicht einmal Kindergeld. Wer hier nichts wird, so heißt es, sei selber schuld und habe es nicht besser verdient. Das Paradies liegt gleich nebenan, ist aber unerreichbar. So wie Halley im quietschbunten „Magic Castle“ haust, so geht es vielen anderen, die einen Teil ihrer verbliebenen Würde daraus beziehen, dass sie sich die 38 Dollar pro Woche für ein schäbiges Motelzimmer leisten können. Und das ist eben auch die amerikanische Wirklichkeit – genauso wie das zauberhafte Feuerwerk allabendlich in Disney World. Sean Baker verzichtet auf Erklärungen und Anklagen, sein Sozialdrama ist raffinierter und dadurch umso effizienter. Schon rein visuell ist der Film dank der Bildgestaltung von Alexis Zabe ein echtes Erlebnis: tolle Großaufnahmen von stiller Schönheit oder verblüffendem Witz für Landschaft oder Architektur und gleichzeitig reportagemäßig dicht an den Personen.


USA 2017
Regie: Sean Baker
Drehbuch: Sean Baker, Chris Bergoch
Darsteller: Willem Dafoe, Brooklynn Prince, Valeria Cotto, Bria Vinaite
Laufzeit: 115 Minuten
ab 12 Jahren


Voraussichtlich ab Donnerstag 15.3.

Der Hauptmann



Ein junger Gefreiter der Wehrmacht legt in der Endphase des Zweiten Weltkriegs eine Offiziersuniform an und zieht fortan als „Henker von Emsland“ marodierend umher. Die wahre Geschichte des Kriegsverbrechers Willi Herold, gefilmt in Schwarzweiß und mit einigen inszenatorischen Spitzen, die die beunruhigende Wirkung des Films verstärken.

April 1945: Der Zweite Weltkrieg liegt in den letzten Zügen und etliche versprengte Wehrmachtssoldaten marschieren durch das zerfallende Dritte Reich. In dieser Phase entkommt der 19-jährige Gefreite Willi Herold (Max Hubacher) nur knapp einigen ranghöheren Offizieren, die ihn durchs Unterholz jagen. Der Grund für die Hetzjagd bleibt offen, zu vermuten ist aber, dass der junge Soldat desertieren wollte. Ohne seine Truppe streift Herold durch das kalte Emsland, bis er auf der Rückbank eines abgestellten Autos eine Hauptmannsuniform der Luftwaffe findet. Kaum hat der Junge die Uniform übergestreift, trifft er den ebenfalls von seiner Einheit getrennten Gefreiten Freytag (Milan Peschel), der Herold sofort für einen Hauptmann hält und seine Befehle ausführt. Rasch schart Herold ein Dutzend versprengter Kameraden um sich und gründet die „Kampftruppe Herold“. Angeblich direkt vom Führer beauftragt, statuiert Herold ein blutiges Exempel in einem Gefangenenlager.

Die Ausgangslage erinnert nicht nur des Titels wegen an den „Hauptmann von Köpenick“. Doch der Film von Robert Schwentke ist keineswegs eine beschwingte Köpenickiade, sondern ein abgründiger Kriegsverbrecherfilm über sadistischen Machtmissbrauch und menschliche Abgründe. Willi Herold nutzt die durch die Offiziersuniform gewonnene Autorität nämlich keineswegs für harmlose Schelmenstreiche. Stattdessen entwickelt er sich zum Sadisten, der willkürliche Erschießungen und ein Massaker im Strafgefangenenlager Emsland II befiehlt. Dass dies alles auf einer wahren Kriegsbegebenheit beruht, macht das Geschehen umso unangenehmer. Die beunruhigende Gewaltspirale inszenieren Schwentke und sein Kameramann Florian Ballhaus (filmte zuletzt „Mädelstrip“) in kontrastreichem Schwarzweiß. Das Musikdesign kombiniert unheilschwangere Industrial-Sounds mit Schlagern aus der Zeit des Dritten Reichs. Auffällig sind einige extravagante Zeitlupen (etwa bei einem soldatischen Gelage in einem Casino), die den Irrsinn des Gezeigten und des Kriegs im Allgemeinen unterstreichen. Einen Gegenwartsbezug stellt Schwentke beim Abspann her, wenn Herold und seine Männer reale deutsche Passanten schikanieren. Die satirischen Elemente gemahnen daran, dass die im Film gezeigten Auswüchse des Nationalsozialismus keinesfalls nur Schnee von gestern sind. So gelingt mit „Der Hauptmann“ ein herausfordernder und provokanter Antikriegsfilm, der als widerspenstiger Geschichtsfilm und biestiger Gegenwartskommentar funktioniert.



Deutschland, Frankreich, Polen 2017
Regie & Drehbuch: Robert Schwentke
Darsteller/innen: Max Hubacher, Frederick Lau, Alexander Fehling, Milan Peschel, Waldemar Kobus, Samuel Finzi, Wolfram Koch, Bernd Hölscher
119 Minuten
ab 16 Jahren


Voraussichtlich ab Donnerstag 15.3.

Maria Magdalena


Sie ist eine der zentralen Figuren der Bibelgeschichte: Maria Magdalena. Rooney Mara zeigt sie als moderne junge Frau auf der Suche nach neuen Lebensperspektiven

Als weibliche Jüngerin in der Gefolgschaft von Jesus und als Zeugin seiner Kreuzigung, Grablegung und Auferstehung ist Maria Magdalena eine der zentralen Figuren der Bibelgeschichte. Doch sie ist auch eine moderne, junge Frau, die selbstbewusst und mutig gegen die Geschlechterrollen und Hierarchien ihrer Zeit rebelliert. Auf der Suche nach ihrem ganz persönlichen Lebensweg sagt sie sich von ihrer Familie los, um sich dem charismatischen Jesus von Nazareth und seinen Jüngern anzuschließen. Gemeinsam machen sie sich auf eine spirituelle Reise nach Jerusalem.

„Maria Madalena“ ist das wahrhaftige und moderne Portrait einer ebenso rätselhaften wie schillernden Figur der christlichen Geschichte, die schwer zu fassen ist und bis heute auf ganz unterschiedliche und widersprüchliche Weise interpretiert wird. In seinem für sechs Oscars® nominierten Spielfilmdebüt „Lion – Der lange Weg nach Hause“ begleitete Garth Davis die abenteuerliche Suche eines jungen Inders nach seiner verlorenen Familie. Nun erzählt er in „Maria Magdalena“ erneut die wahre Geschichte einer Suche nach neuen Lebensperspektiven. In seiner Verfilmung ihres bewegenden Lebensweges liefert er eine zeitgemäße Neuinterpretation der biblischen Geschichte von Maria Magdalena. War sie in den kontrovers diskutierten Filmen von Martin Scorsese („Die letzte Versuchung Christi“) und Mel Gibson („Die Passion Christi“) noch eine weitgehend schweigende Frau am Rande der Ereignisse, rückt sie jetzt ins Zentrum. Nach Barbara Hershey und Monica Bellucci wird Maria Magdalena modern und neu interpretiert von Rooney Mara („A Ghost Story“, „Lion – Der lange Weg nach Hause“), die hier bereits zum zweiten Mal unter der Regie von Garth Davis auftritt. Jesus wird von Joaquin Phoenix („Gladiator“, „Walk the Line“, „The Master“, „Her“) verkörpert. In weiteren wichtigen Rollen sind Tahar Rahim („Ein Prophet“, „The Cut“, „Die Lebenden reparieren“) als Judas und Chiwetel Ejiofor („12 Years a Slave“, „Der Marsianer“, „Dr. Strange“) als Peter zu sehen.


Großbritannien 2018
Regie: Garth Davis
Darsteller: Rooney Mara, Joaquin Phoenix, Chiwetel Ejiofor
98 Minuten


Voraussichtlich ab Donnerstag 15.3.

Winchester – Das Haus der Verdammten



Hereinspaziert ins berühmteste Geisterhaus der Welt! Mit Helen Mirren als Witwe und Erbin des Winchester-Rifle-Imperiums haben die australischen Spierig-Brüder die perfekte Besetzung für einen übernatürlichen Spuk gefunden.

In einer verlassenen Gegend von San José, 50 Meilen von San Francisco entfernt, lebt die Witwe Sarah Winchester (Academy Award®-Gewinnerin Helen Mirren) in ihrer monströsen Villa. Die Erbin des Waffen-Imperiums von William Winchester lässt in jahrzehntelanger, ununterbrochener Bautätigkeit ein gigantisches und unübersichtliches Anwesen mit über 500 Zimmern errichten – voller Irrwege, falscher Türen und im Nirgendwo endender Treppen. Auf die Außenwelt wirkt das Gebäude wie das exzentrische Denkmal einer wahnsinnigen Frau. Der bekannte Psychologe Dr. Eric Price (Jason Clarke) wird damit beauftragt, den Geisteszustand der Millionenerbin zu untersuchen. Denn Sarah Winchester ist davon überzeugt, ein Gefängnis für Hunderte rachsüchtige Geister und gequälte Seelen zu errichten, die durch Winchester-Waffen zu Tode kamen und nun Vergeltung suchen. Der Arzt stellt bald fest, dass es in der Villa tatsächlich nicht mit rechten Dingen zugeht: Gefangen im größten Geisterhaus der Welt müssen Sarah und Dr. Price einen Ausweg finden, um die Verdammten des Winchester-Hauses zu erlösen.

„Viele Mythen ranken sich um Sarah Winchester“, meint Helen Mirren. „Zu ihrer Lebzeit gab es eine Legende, einen Mythos um sie und dieses Haus, das immer weiterwuchs. Diese Villa wurde zu einer Zeit gebaut, als es hier noch nichts anderes gab. Jetzt steht das Anwesen in der Mitte der Hauptstraße von San José, einer Einkaufsgegend. Aber damals war es ödes Farmland und mittendrin war dieser außergewöhnliche Bau, Schritt für Schritt von dieser Witwe erbaut, die immer schwarz gekleidet war und die niemand aus dem Örtchen jemals sah. Man kann verstehen, warum sich ein Mythos um sie rankte, als ihr Haus immer auffälliger, komplizierter, größer und größer wurde. Diese Legende hat all die Jahre überlebt. Es ist schwierig, Wahrheit und Mythos über sie auseinander zu halten. In unserem Film gibt es eine Spanne zwischen Wahrheit und Mythos. Ich habe die Wahrheit über sie gesucht, aber es war schwer an diese Wahrheit zu gelangen. Viele Leute hatten unterschiedliche Meinungen über sie. Aber ich wollte zum Ursprung kommen, zu den Menschen, die mit ihr gearbeitet haben, um zu spüren, wie sie war. Ich glaube, sie war eine Frau mit großer Empathie, tiefem Mitgefühl (für andere). Gleichzeitig stammte das viele Geld, das sie für den Bau dieses Hauses ausgab, vom Winchester-Rifle-Vermögen. Ein Werkzeug des Todes und des Krieges – deshalb gibt es diesen unglaublichen Widerspruch zwischen dem Charakter dieser Frau und der Quelle ihres Einkommens“, stellt Mirren klar.

Australien, USA 2018
Regie: Michael Spierig,
Peter Spierig
Darsteller: Helen Mirren, Sarah Snook, Jason Clarke
99 Minuten


Voraussichtlich ab Donnerstag 22.3.

Die Schtis in Paris - Eine Familie auf Abwegen

Zehn Jahre nach dem außerordentlichen Erfolg von „Willkommen bei den Sch’tis“ mit über 20 Millionen Kinobesuchern in Frankreich und rund 2 Millionen Zuschauern in Deutschland widmet sich Dany Boon als Regisseur, Drehbuchautor und Hauptdarsteller einer weiteren Komödie um das sympathische Volk aus dem Norden Frankreichs.

Das angesagte Architektenpaar Valentin D. (Dany Boon) und Constance Brandt (Laurence Arné) organisiert die große Eröffnung einer Retrospektive im Pariser Museum für Moderne Kunst. Was niemand weiß: Valentin hat der High Society seine Sch’ti-Herkunft aus dem Arbeitermilieu, für die er sich schämt, verschwiegen. Er lässt die Pariser Gesellschaft, die Medien und sogar seinen Hauptinvestor, der niemand anderer als sein Schwiegervater (François Berléand) ist, im Glauben, er sei Waise aus einer aristokratischen, persischen Familie, ein naher Nachkomme des Schahs aus dem Iran. Dabei leben Valentins Bruder Gustave (Guy Lecluyse), seine Schwägerin Louloute (Valérie Bonneton) und deren Tochter in Nordfrankreich in einem Wohnwagen zwischen dem Haus seiner Mutter (Line Renaud) und dem Autoschrottplatz seines Vaters (Pierre Richard). Valentins Bruder Gustave, der sich in akuten finanziellen Nöten befindet, sieht als einzigen Ausweg, wieder Kontakt mit seinem wohlhabenden Bruder aufzunehmen und sich von ihm Geld zu leihen. Er erzählt seiner Mutter, Valentin habe die ganze Familie nach Paris eingeladen, um dort ihren 80. Geburtstag zu feiern und die Familie wieder zu versöhnen. Als die Provinzler aus dem Norden dann überraschend im Museum für Moderne Kunst auftauchen und die beiden völlig gegensätzlichen Welten aufeinandertreffen, wird es explosiv…

„Die Sch’tis in Paris – Eine Familie auf Abwegen“ überzeugt durch eine herausragende Besetzung: Dany Boon („Willkommen bei den Sch’tis“, „Nichts zu verzollen“), der auch das Drehbuch schrieb und Regie führte, begeistert wieder in der Hauptrolle neben Line Renaud („Willkommen bei den Sch’tis“, „La Croisiere“) und Guy Lecluyse („Willkommen bei den Sch’tis“, „Nichts zu verzollen“). Neu im Ensemble sind Laurence Arné („Nichts zu verzollen“, „Willkommen in der Bretagne“), Pierre Richard („Monsieur Pierre geht online“, „Barfuss in Paris“), François Berléand („Das Konzert“, „Die Kinder des Monsieur Mathieu“) und Valérie Bonneton („Sie sind ein schöner Mann“, „Kleine wahre Lügen“).

Frankreich 2018
Regie: Dany Boon
Darsteller: Dany Boon, Line Renaud, Pierre Richard
107 Minuten


Voraussichtlich ab Donnerstag 22.3.

Die grüne Lüge



Nicht überall wo grün draufsteht, ist auch grün drin! Investigativ-Filmemacher Werner Boote geht in seiner neuen Doku wieder ein höchst brisantes Thema an

Umweltschonende Elektroautos, nachhaltig produzierte Lebensmittel, faire Produktion: Hurra! Wenn wir den Konzernen Glauben schenken, können wir mit Kaufentscheidungen die Welt retten. Aber das ist eine populäre und gefährliche Lüge. Gemeinsam mit der Greenwashing-Expertin Kathrin Hartmann zeigt Werner Boote („Plastic Planet“, „Alles unter Kontrolle“) in seinem neuen Dokumentarfilm, wie wir uns dagegen wehren können. SCHLUSS MIT DEN GRÜNEN LÜGEN

Regiestatement Werner Boote: „Nach dem düsteren Blick auf die Industrie in „Plastic Planet“ ist es an der Zeit zu zeigen, dass es auch Konzerne gibt, die nachhaltig und fair produzieren.“ – Mit dieser Filmidee trat Produzent Markus Pauser im Frühjahr 2011 an mich heran und wir hatten beide keine Ahnung, welche riesigen Abgründe sich da für uns auftun würden! Die ersten Recherchen führten zu jenen Unternehmen, die in der öffentlichen Meinung ein positives Image hatten. Ich traf mich mit Fairtrade und ähnlichen respektierten Vereinen und Organisationen und erfuhr, dass Produkte keineswegs hundertprozentig nachhaltig sein müssen, nur weil grüne Slogans auf den Verpackungen kleben. Meist bezieht sich die Kennzeichnung nur auf einzelne Bestandteile der Produkte und davon muss oft auch nur ein geringer Bruchteil tatsächlich nachhaltig sein. – Mit der Zeit fiel mir auf, dass ich keinen Konzern finden konnte, der mich `nachhaltig überzeugte´. Im Gegenteil! – Und wie einfach es ist, sich trotzdem ein grünes Mäntelchen umzuhängen, stellte ich fest, als mir bei einer Veranstaltung in Berlin ein Vertreter eines bekannten deutschen Prüf- und Gütesiegelanbieters vorschlug, gegen Bezahlung von Euro 3.000,- meinen neuen Film mit dem Prädikat `CO2 neutral´ zu zertifizieren. Da war mir klar: Dieser neue Film wird ein wichtiger Film. Die in „Die grüne Lüge“ gezeigten Fälle stehen daher exemplarisch für alle Branchen und zeigen, wie sich die Industrie generell verhält. Umso wichtiger wurde es, im Film Verbesserungsvorschläge anzubieten und nach Lösungsansätzen zu suchen. Dass diese jedoch ein generelles Überdenken des derzeitigen Wirtschaftssystems abverlangen, wurde mir erst im Laufe der Arbeit deutlich. Weltweit gibt es viele Menschen und Organisationen, die im Spannungsfeld mit den Konzernen auf der Seite dieses Films stehen. Wenn immer mehr Menschen die zerstörerischen Mechanismen der Konzerne und des deregulierten Kapitalismus verstehen, wird es uns vielleicht einmal gelingen, ein System zu schaffen, das keine grüne Lügen mehr braucht.“



Dokumentation
Österreich 2017
Regie: Werner Boote
93 Minuten
ohne Altersbeschränkung


Voraussichtlich ab Donnerstag 22.3.

I, Tonya



Sie war eine der besten Eiskunstläuferinnen der Welt. Doch eine Rabenmutter, ein dummer Ehemann und ein unglaublicher Skandal brachten sie zu Fall: Tonya Harding. Eigentlich ist diese Geschichte zu verrückt, um wahr zu sein. Und weil sie so verrückt ist, lässt sie sich nur als Satire erzählen. Umwerfend, nicht nur auf dem Eis: Margot Robbie in der Titelrolle.

Der eine oder andere erinnert sich vielleicht noch, denn dies ist nicht nur einer der größten, sondern auch absurdesten Skandale in der Geschichte des Sports. 1994 war mit einer Eisenstange ein Attentat auf die Eiskunstläuferin Nancy Kerrigan verübt worden, augenscheinlich, um sie als Konkurrentin in den US-Meisterschaften auszuschalten. Als Strippenzieherin geriet rasch Tonya Harding in Verdacht, die einzige Amerikanerin, die den sogenannten Dreifach-Axel, einen der schwierigsten Sprünge überhaupt, perfekt aufs Eis brachte. Dies ist - darauf verweist schon der Filmtitel - ihre Sicht der Dinge. Doch wer nun glaubt, es mit einer trockenen Filmbiografie zu tun zu haben, in der die Fakten korrekt aufgeführt und erklärt werden, in der eine kontroverse Figur in einem neuen Licht dargestellt wird, sieht sich getäuscht. „I, Tonya“ ist eine pechschwarze Satire, furios, urkomisch und unglaublich. Das beginnt schon mit den Interviews, in denen die Beteiligten breitbeinig auf dem Sofa hocken, direkt in die Kamera schauen und sich vehement widersprechen: Die Suche nach der Wahrheit ist schwer.

Da ist zum Beispiel Tonyas kettenrauchende Mutter, mit furchterregender Perfektion dargestellt von Allison Janney aus „West Wing“, die ihre Tochter bereits als kleines Kind zu Höchstleistungen antreibt, sie beschimpft, schikaniert, schlägt und verachtet. Als junge Erwachsene lernt Tonya Jeff Gillooly kennen, ein Idiot, der seine Dummheit mit Gewalttätigkeit kompensiert und auf die Idee kommt, die Karriere seiner Frau zu puschen. Natürlich wird hier auch Eis gelaufen, und manchmal muss man sich wundern, wie Tonya Harding es trotz ihres privaten Umfelds schafft, so gut zu sein. Regisseur Craig Gillespie und sein Kameramann Nicolas Karakatsanis fangen die Bewegung und Aufregung des Sports, die immer auch mit Eleganz und Erotik zu tun hat, perfekt ein. Das Herzstück des Films ist aber die schauspielerische Leistung von Titeldarstellerin Margot Robbie, nicht nur ihrer Eislaufkünste wegen. Robbie legt ihre Figur irgendwo zwischen trotzig und hysterisch an, zwischen vulgär und kämpferisch - ohne, dass sie zur Witzfigur gerät. Mehr noch: Tonya Harding ist in der Darstellung Robbies ein vielschichtiger, dreidimensionaler Charakter, der uns seine Seite der Geschichte erzählt. Wenn sie direkt in die Kamera schaut und den Zuschauer anspricht, glauben wir ihr: Hier ist eine Frau, die von Beginn an keine Chance hatte.

USA 2017
Regie: Craig Gillespie
Darsteller: Margot Robbie, Sebastian Stan, Allison Janney, Bobby Cannavale, Caitlin Carver
Laufzeit: 119 Minuten
ab 12 Jahren


Voraussichtlich ab Donnerstag 22.3.

Thelma



Ein religiös überhöhtes Coming-of-Age Drama, mit dem sich der bislang für klassische Arthouse-Filme wie „Oslo, 31. August“ oder „Louder than Bombs“ bekannte norwegische Regisseur Joachim Trier zum ersten Mal in typische Genre-Gefilde wagt.

Zum ersten Mal verlässt Thelma (Elli Harboe) ihr Elternhaus, zieht aus dem ländlichen Norwegen in die Hauptstadt Oslo, wo sie Biologie studieren will. Völlig abgeschirmt hat sie bislang zusammen mit ihrem Vater Trond (Henrik Rafaelsen) und ihrer im Rollstuhl sitzenden Mutter Unni (Ellen Dorrit Petersen) gelebt, die sie streng religiös erzogen haben. Und auch in Oslo versuchen die Eltern zumindest via Telefon ein Auge auf die Tochter zu haben, die die Kontrollen anfangs noch stoisch über sich ergehen lässt. Ganz allein bewegt sich Thelma durch die neue Welt, ohne Kontakt zu anderen Menschen, ohne Freunde. Erst nachdem sie zum ersten Mal einen Anfall erlitten hat, zuckend in der Bibliothek lag und ins Krankenhaus gebracht wurde, wird sie von ihrer Kommilitonin Anja (Kaya Wilkins) angesprochen. Langsam entwickelt sich zwischen den beiden jungen Frauen eine innige, bald zärtliche Freundschaft, die Thelma mit Dingen konfrontiert, die bislang in ihrem Leben keinen Platz hatten: Alkohol, Zigaretten, Sex, Begierden. Doch je mehr sie aufblüht, je mehr sie lebt, um so extremer werden ihre Anfälle...

Existenzialistische Gedanken prägen alle Filme von Joachim Trier, von dem lebensmüden Mann in seinem besten Film „Oslo, 31. August“, der am Ende eines langen Tages freiwillig aus dem Leben scheidet, weil es ihn nicht mehr reizt, bis zu seinem verspielten Debüt „Reprise“, das gelebte und imaginierte Realität auf melancholische Weise vermischte. Nach „Louder than Bombs“, einem Ausflug ins englischsprachige Arthouse, kehrt Trier nun nach Oslo zurück und probiert in mancherlei Hinsicht Neues aus. Zum ersten Mal stellt er zwei Frauen in den Mittelpunkt eines Films. Viel entscheidender sind allerdings Triers Versuche, seine Geschichte mit Genreelementen anzureichern, eine übernatürliche Ebene zu etablieren. Von merkwürdigen Phänomenen werden Thelmas Anfälle begleitet, Vögel, die planlos gegen Scheiben fliegen sind da noch harmlos, dass sie im Rausch der Emotionen auch anderen Menschen Schaden zufügen kann, wiegt da schon schwerer. Von Religion und Repression will Trier hier erzählen, von einem jungen Mädchen, das mit den Möglichkeiten eines freien, unbeschwerten Lebens konfrontiert wird, das im Widerspruch zu ihrer konservativen Erziehung steht. Immer wieder gelingen ihm dabei eindrucksvolle Bilder, fängt er die zunehmende psychische Verwirrung Thelmas mit traum- und noch mehr alptraumhaften Szenen ein.

Norwegen/Frankreich/Dänemark/Schweden 2017
Regie: Joachim Trier
Buch: Eskil Vogt & Joachim Trier
Darsteller: Elli Harboe, Kaya Wilkins, Henrik Rafaelsen, Ellen Dorrit Petersen, Grethe Eltervag
116 Minuten
ab 12 Jahren


Voraussichtlich ab Donnerstag 22.3.

Zwei Herren im Anzug


Edgar Reitz trifft Herbert Achternbusch trifft Gerhard Polt trifft Oskar Roehler: Mit 69 Jahren präsentiert Schauspiel-Urgestein Josef Bierbichler die Verfilmung seines Roman-Debüts „Mittelreich“ als eigenwillige Heimat-Saga der rigorosen Art.

Anno 1984 endet die Chronik mit der Beerdigung der Mutter. Der Witwer Pankraz (Josef Bierbichler) und sein entfremdeter Sohn Semi (gespielt vom realem Sohn, Simon Donatz) versuchen sich nach dem Leichenschmaus im Gasthaus mit einem Gespräch nach jahrelangem Schweigen. „Ich muss mich erinnern!“, sagt der Alte und kramt in einer Kiste mit alten Schwarz-Weiß-Fotos. Mit Rückblenden erzählt er fortan als Ich-Erzähler, was sich seinerzeit zugetragen hat. „Serbien muss sterbien“ grölt ein Trupp in Lederhosen, „bis Kirchweih sind wir zurück“ gibt man sich siegessicher. Der Krieg jedoch fordert Opfer. Der ältere Bruder Toni kehrt mit Kopfschuss als psychisches Wrack und fanatischer Juden-Hasser zurück. Pankraz muss seinen Traum als Opernsänger aufgeben, um den heimischen Hof zu übernehmen. „Ich war zwar nie ein Nazi. Aber kein Nazi war ich nie“, erklärt er dem Sohn sein Mitläufertum. „Ich war erst 31. Alles war leicht und vollkommen.“ heißt eine andere Entschuldigung. Die Zeit als Soldat hat er völlig verdrängt: „Ich weiß nichts mehr. Nur weiße Landschaften, sonst nichts“. Nicht nur den Vater plagen düstere Traumata, Sohn Semi hat im Klosterinternat gleichfalls die Hölle durchlebt.

Mit einer gängigen Familien-Saga will sich ein kreativer Berserker wie Bierbichler natürlich nicht begnügen. Er setzt vergnüglich auf ein Füllhorn surrealer Visionen, Verfremdungen sowie allerlei Provokationen. Da wird die gute alte Blasmusik durch die subkulturellen Töne der „Kofelschroa“-Jungs frisch aufgemischt. Beim bäuerlichen Faschingsball in der Nachkriegszeit sorgt eine lüsterne Lady mit Hitlermaske für Aufregung derweil der Hausherr mit Wagner-Arien und Hölderlin-Zitaten am stürmischen Seeufer sein Lebensleid klagt. Fehlt nur noch, dass der Sohn sich die Kleider vom Leib reißt, um sich mit ödipaler Absicht ins Bett der sterbenden Mutter zu legen. Visuell geht es weitaus feinsinniger zu. Tom Fährmann, preisgekrönter Stammkameramann von Sönke Wortmann, präsentiert wunderbare Tableaus in Schwarz-Weiß oder schleicht sich elegant durch leicht geöffnete Türen an die Figuren heran. Unter eigener Regie hat der leinwandpräsente Bierbichler sichtlich Spaß, mit laut polternder Schale und tief verletztem Kern, dem Affen gehörig Zucker zu geben. Die langjährige Fassbinder-Muse Irm Hermann läuft gleichfalls zu Hochform auf und erinnert an Loriots legendäre Zugfahrt-Szene aus „Pappa ante Portas“.


Deutschland 2017
Regie: Josef Bierbichler
Darsteller: Josef Bierbichler, Martina Gedeck, Simon Donatz, Irm Hermann, Sarah Camp
139 Minuten
ab 12 Jahren


Voraussichtlich ab Donnerstag 29.3.

The Death of Stalin



Ein Todesfall im Kreml - und wer bekommt den freigewordenen Bürostuhl? Böse Polit-Satire mit präzisen, auf den Punkt geschriebenen Dialogen und köstlichen Darstellern, allen voran Steve Buscemi.

Als Stalin (Adrian McIoughlin) zum ersten Mal den Mund öffnet, spricht er in einem breiten britischen Akzent, und das ist nicht die einzige Irritation in dieser Satire, die sich einen der unmenschlichsten Diktatoren und Massenmörder des letzten Jahrhunderts zur Zielscheibe genommen hat. Stalin – ein unangefochtener Alleinherrscher, der mit schärfster Gewalt regierte, vermeintliche und tatsächliche Gegner gnadenlos vernichtete und seinen Zielen Millionen von Menschen opferte. Doch an diesem Abend des 2. März 1953 erweist er sich als Musikliebhaber, der von einem klassischen Konzert im Radio so angetan ist, dass er sich sogleich eine Aufnahme zuschicken lässt. Doch kaum hält er sie in Händen, ereilt ihn ein Schlaganfall. Niemand kommt zu Hilfe – wer traut sich schon, Stalins Nachtruhe zu stören? Am nächsten Morgen ist der Diktator tot, und nun bringen sich die machthungrigen Mitglieder des Zentralkomitees in Stellung, um seinen Platz einzunehmen. Die alltäglichen Regierungsgeschäfte führt zunächst der nicht sehr helle Sekretär des ZK, Georgi Malenkow (Jeffrey Tambor), während der skrupellose Sicherheitschef Lawrenti Beria (Simon Russell Beale) im Hintergrund die Strippen zu ziehen versucht. Das wiederum ruft Nikita Chruschtschow (Steve Buscemi) auf den Plan...

Der Film beruht auf der gleichnamigen Graphic Novel „The Death of Stalin“ und der Fortsetzung „The Funeral“ von Fabien Nury und Thierry Robin. Jann Zenou und Laurent Zeitoun, die Produzenten von „Ziemlich beste Freunde“, erwarben die Rechte und verpflichteten Armando Iannucci als Regisseur. Iannucci wiederum hatte schon mit der Fernseh-Serie „The Thick of It“ (2005-2012) und dem Oscar-nominierten Film „Kabinett außer Kontrolle“ sein Faible für fehleranfällige Mechanismen der Politik bewiesen. Und dass man über Tyrannen lachen darf, weiß man seit Charlie Chaplins „Der große Diktator“ und Ernst Lubitschs „Sein oder Nichtsein“. Iannucci inszeniert mit spielfreudigen Darstellern, die ihre unmoralischen Figuren mit scharfzüngigen und zielsicheren Dialogen auf die Schippe nehmen. Die Beiläufigkeit, mit der hier immer wieder Menschen erschossen, entführt, verschleppt, gefoltert und vergewaltigt werden, reizt nicht immer zum Lachen. Da spritzt das Blut nur so an die Wände, entstellte Menschen kauern in den Fluren der Sicherheitspolizei. „The Death of Stalin“ beschönigt Stalins Gewaltherrschaft nicht. Hier bleibt das Lachen im Halse stecken.


Frankreich/UK/Belgien 2017
Regie: Armando Iannucci
Darsteller: Steve Buscemi, Simon Russell Beale, Jeffrey Tambor, Michael Palin, Paul Whitehouse, Andrea Riseborough
107 Minuten
ab 6 Jahren


Voraussichtlich ab Donnerstag 29.3.

1000 Arten Regen zu beschreiben



Der Sohn einer Familie hat sich in seinem Zimmer eingeschlossen, seine Abwesenheit prägt die Familie, ohne dass die Ursachen für seine extreme Entscheidung klarwerden. Ein ungewöhnlicher, bisweilen manierierter Film.

Mike, gerade 18 geworden, kommt nicht mehr aus seinem Zimmer. Das ist für einen Teenager zwar vielleicht keine ungewöhnliche Entscheidung, doch in Mikes Fall sieht die Sache etwas anders aus: Denn Mike kommt wirklich nicht mehr aus seinem Zimmer, isoliert sich vollkommen, ignoriert die Bitten, das Flehen seiner Eltern und Schwester, sich zu zeigen. Nur nachts huscht er ab und zu nach draußen, für dringende Bedürfnisse, etwas zu essen, mehr nicht. Draußen, vor der Tür, geht derweil das Leben weiter, zumindest im Ansatz. Die Mutter Susanne (Bibiana Beglau) versucht verzweifelt, eine Antwort für die Entscheidung ihres Sohns zu finden, versucht ihn via Facebook zu erreichen, spricht schließlich einen Klassenkameraden von Mike an. Oliver (Louis Hoffmann) kann ihr allerdings nicht direkt helfen, doch der schüchterne Junge wird zu einer Art Ersatzsohn. Der Vater Thomas (Bjarne Mädel) wiederum, ist zunehmend von Mike genervt, schlägt oft wütend gegen die Tür. Und schließlich Mikes Schwester Miriam (Emma Bading), die in der Schule erzählt, dass ihr Bruder für einige Monate im Ausland ist.

Ein Film, bei dem die eigentliche Hauptfigur, zumindest der Katalysator für sämtliche Ereignisse, nie zu sehen ist: Dieser ungewöhnliche Ansatz macht Isa Prahls Debütfilm interessant. Ein manieriertes Konzept ist dies ohne Frage, eine künstliche Konstruktion, auch wenn sie im Ansatz auf einem Phänomen basiert, das in Japan hunderttausende Jugendliche betreffen soll. Hikikomori heißt es dort, wenn sich Jugendliche isolieren, die Einsamkeit suchen, sich von Eltern, Freunden, der Gesellschaft zurückziehen. Die Gründe für solch eine extreme Handlung, die in Zeiten zunehmender Vernetzung, der Möglichkeit, via Online-Bestellungen praktisch alles nach Hause geliefert zu bekommen, was man zum Leben benötigt, überhaupt erst machbar erscheinen, sind vielfältig. Und wird in Karin Kacis Drehbuch gar nicht erst gestellt. Was Mike antreibt bleibt offen, viel mehr interessiert sich der Film für die Folgen, die diese Entscheidung auf seine Familie hat. Auf unterschiedliche Weise gehen die Eltern und die Schwester mit der Situation um, mit den Vorwürfen, die sie sich machen, beim Versuch, ein eigenes Leben weiterzuleben und am Ende doch irgendwie die Familie zu retten. Die Lösung, die sie schließlich finden, ist ebenso extrem wie logisch, sicherlich ein Konstrukt, aber das passende Ende eines Films, der auf offensive Weise seine Künstlichkeit benutzt, um von Menschen und ihren oft nicht nachzuvollziehenden Entscheidungen zu erzählen.

Deutschland 2017
Regie: Isa Prahl
Darsteller: Bibiana Beglau, Bjarne Mädel, Emma Bading, Louis Hoffmann, Janina Fautz, David Hugo Schmitz
92 Minuten
ab 12 Jahren


Voraussichtlich ab Donnerstag 29.3.

Im Zweifel glücklich



Die gemeinsame Reise mit seinem Sohn an die amerikanische Ostküste lässt den Vater sein bisheriges Leben infrage stellen. Was ist Glück wirklich? Mit dieser Frage schlägt sich die von Ben Stiller gespielte Hauptfigur herum, einem Film über eine Midlife-Crisis – und wie man sie überwindet.

Eigentlich geht es Brad (Ben Stiller) gut. Eigentlich. Zusammen mit seiner Frau Melanie (Jenna Fischer) lebt er in einem ordentlich großen Haus in Sacramento. Brad leitet eine Non Profit Organisation, auch seine Frau ist im sozialen Bereich tätig, leidlich erfolgreich, aber ohne weitere Aufstiegschancen. Auch der gemeinsame Sohn Troy (Austin Abrams) ist wohl geraten, ein guter Schüler, der Chancen hat, an der Elite-Uni Harvard angenommen zu werden. Zu diesem Zweck steht eine Reise an die Ostküste an, ein Besuch bei diversen Colleges, eine Reise, auf der Troy von seinem Vater begleitet wird, aber auch eine Reise, die für Brad Anlass ist, sein Leben Revue passieren zu lassen. Eigentlich ist sein Leben bislang ordentlich verlaufen, doch im Vergleich zu seinen Freunden vom College sieht sich Brad als Verlierer: Jason (Luke Wilson) etwa ist Manager eines Hedgefonds, Millionär und reist in einem Privatjet durch die Welt. Auch Billy (Jemaine Clement) führt ein beneidenswertes Leben auf Hawaii, umgeben von Sonne und schönen Frauen und Craig (Michael Sheen) ist Erfolgsautor, Frauenschwarm und Brads einzige Hoffnung, um seinem Sohn ein Vorstellungsgespräch in Harvard zu organisieren. Doch dafür muss Brad Craig treffen, was er seit Jahren nicht getan hat, und sich seinem Neid stellen.

Schon in Filmen wie „Greenberg“ oder „Das geheime Leben des Walter Mitty“ hat Ben Stiller Männer gespielt, die am Zustand ihres Lebens zweifeln, die sich mit anderen vergleichen und sich nach einem anderen, scheinbar besseren Leben sehnen. Ein besseres Leben, dass in erster Linie in Brads Kopf existiert, denn gesehen hat er seine ehemaligen Studienfreunde schon seit langem nicht. Dezidiert subjektiv ist die Erzählperspektive, die Mike White in seinem zweiten Film einnimmt. Weite Teile bestehen nicht aus Dialogen, sondern aus den Gedanken Brads, die einen Bewusstseinsstrom bilden, wie man ihn eher aus der Literatur kennt und weniger aus dem Kino. Doch das Experiment mit dieser ungewöhnlichen Erzählperspektive gelingt. Tief taucht man in die Psyche Brads ein, folgt seinen Gedanken, seinem Neid auf andere, auf seine Studienfreunde und schließlich gar auf seinen Sohn. Solche negativen Gefühle zuzulassen, sich ihnen zu stellen und sie langsam zu überwinden, macht „Im Zweifel glücklich“ so besonders. Ein Film über einen Mann in der Midlife-Crisis, der erst nach und nach realisiert, dass das Gras auf der anderen Seite des Zauns doch nicht immer grüner ist.

USA 2017
Regie: Mike White
Darsteller: Ben Stiller, Austin Abrams, Michael Sheen
102 Minuten
ohne Altersbeschränkung


Voraussichtlich ab Donnerstag 29.3.

Unsane - Ausgeliefert



Eine Frau wird gegen ihren Willen in einer Psychiatrie festgehalten. Regisseur Steven Soderbergh lädt zu einem ganz besonderen psychologischen Thriller ein, der gnadenlos unter die Haut geht.

Eine junge Frau verlässt ihre Heimatstadt, um ihrer belastenden Vergangenheit zu entfliehen und beginnt einen neuen Job. Als sie jedoch unfreiwillig in einer psychiatrischen Einrichtung festgehalten wird, wird sie mit ihrer größten Angst konfrontiert – aber ist sie real oder nur ihre Einbildung? Da anscheinend niemand bereit ist, ihr zu glauben und die Behörden ihr nicht helfen können oder wollen, muss sie sich mit ihren Ängsten direkt auseinandersetzen.

Durch unterschiedliche Blickwinkel und eine schockierende Geschichte, stellt „Unsane – Ausgeliefert“ Fragen über unsere Sichtweise der Realität, unseren Überlebensinstinkt und das System, das uns eigentlich schützen sollte. Regisseur Steven Soderbergh drehte überwiegend im Geheimen. Anstelle professioneller Filmkameras wurde der Film vollständig mit einem iPhone aufgenommen.

USA 2018
Regie: Steven Soderbergh
Darsteller: Claire Foy, Joshua Leonard, Juno Temple


Voraussichtlich ab Donnerstag 19.4.

The King – Mit Elvis durch Amerika



In Elvis‘ altem Rolls Royce fährt ein Filmemacher durch ein Land, das an einem kritischen Wendepunkt seiner Geschichte steht

Ein musikalisches Road-Movie, das quer durch Amerika führt: 40 Jahre nach dem Tod von Elvis Presley reiste der vielfach ausgezeichnete Autor und Regisseur Eugene Jarecki im Jahr des Präsidentschaftswahlkampfes 2016 in dem alten Rolls Royce des Sängers von New York über Las Vegas bis in den tiefen Süden, um das Land an einem kritischen Wendepunkt seiner Geschichte zu erleben. „The King - Mit Elvis durch Amerika" ist zugleich politische Bestandsaufnahme und kulturelles Porträt.

Auf seiner Reise trifft Jarecki an zahllosen Orten auf Mitreisende, manche prominent, andere nicht, die in dem Auto über Elvis und Amerika reden: eine Parallelaufnahme über den Aufstieg des Sängers und Abstieg seines Landes. So wie Elvis sich verführen lässt und an dem Giftcocktail von Geld und Machtgier zugrunde geht, wird auch das Land vom Raubtierkapitalismus ausgehöhlt, in dem ein Spielkasinobesitzer und Reality-TV-Star mit bislang unerreichter Vulgarität das Präsidentenamt innehat und auftritt wie ein Monarch. Zu den Prominenten gehören Ethan Hawke, Mike Myers, Chuck D, Ashton Kutcher, Dan Rather, James Carville, Emmylou Harris und Alec Baldwin. Dazu kommen musikalische Auftritte von Emi Sunshine and the Rain, John Hiatt, M. Ward, Immortal Technique, Loveful Heights u.v.m. Auf die Frage, wie er auf die Idee kam, den amerikanischen Traum durch die Augen von Elvis Presley zu erforschen, antwortete Jarecki in einem Interview: "Als ich 2014 mit meinem Film "The House I Live In" auf Promotour war, kam mir die Idee für „The King – Mit Elvis durch Amerika“. Es dämmerte mir, dass Elvis‘ "Geschichte" untrennbar mit dem des amerikanischen Traums verbunden war, aber nicht nur in seinem Aufstieg. Vielmehr sah ich, dass in der Fülle seines Lebens eine Metapher für den Aufstieg und Fall des Landes lag. Je mehr ich über die Parallelen nachdachte, desto schärfer erleuchtete sie."

Dokumentation
Land/Jahr: USA 2017
Regie: Eugene Jarecki
109 Minuten