Geplante Erstaufführungen in den nächsten Wochen:

voraussichtlich ab Donnerstag 13.12.
Die Erscheinung
Gegen den Strom
RBG – Ein Leben für die Gerechtigkeit
voraussichtlich ab Donnerstag 20.12.
Die Poesie der Liebe
Die Schneiderin der Träume
Westwood: Punk, Ikone, Aktivistin
voraussichtlich ab Dienstag 25.12.
Der Junge muss an die frische Luft
voraussichtlich ab Mittwoch 26.12.
Drei Gesichter
voraussichtlich ab Donnerstag 27.12.
Mary Shelley
Shoplifters

Voraussichtlich ab Donnerstag 13.12.

Die Erscheinung

Ein rationaler Journalist wird mit einer möglichen Marien-Erscheinung konfrontiert. Das ist der spannende Ansatz von Xavier Giannolis Film, der vielfältige Fragen anreißt.

Gerade ist der Journalist Jacques Mayano (Vincent Lindon) aus einem Krisengebiet zurückgekehrt, wo ein Kollege einem Terroranschlag zum Opfer gefallen ist, da bekommt er einen Anruf aus dem Vatikan. Warum er unbedingt nach Rom kommen soll, kann man ihm nicht sagen, doch die Neugier des Reporters siegt. In den heiligen Hallen erfährt Jacques schließlich warum man ihn braucht: Im Süden Frankreichs soll es eine Marien-Erscheinung gegeben haben, seitdem ist ein kleines Dorf zur Pilgerstätte geworden. Eine offizielle Untersuchungskommission des Vatikans, in der vor allem Vertreter der Kirche sitzen, aber auch der atheistische Journalist, soll nun feststellen, ob die Geschichte der 18jährigen Anna (Galatea Bellugi) der Wahrheit entspricht. Jacques journalistischer Eifer ist schnell geweckt und so ermittelt er vor allem in der Vergangenheit Annas...

Von der Spannung zwischen einem im Kern rationalen Mann, der nicht an Gott glaubt und einem Ereignis, das nicht zu erklären scheint, lebt Gianollis Film lange. Ohne sich zu positionieren werden hier die finanziellen Interessen angedeutet, die bei einer Bewertung einer möglichen Erscheinung eine Rolle spielen, wird die Rolle des Vatikans hinterfragt, der Strukturen der Kirche, die ihre Macht bekanntermaßen nicht immer zu noblen Zwecken benutzt. Im Stile einer Detektivgeschichte ist das inszeniert, agiert Lindon in seiner typischen, stoischen Manier wie ein Ermittler, der sich immer mehr in das Thema verbeißt, der zwar ein Skeptiker ist, aber auch gewillt scheint, seinen Glauben zu hinterfragen, wenn er alle rationalen Erklärungen für die Erscheinung ausgeschlossen hat. Das Gianolli es nicht wagt, diese Ambivalenz bis zum Ende durchzuhalten, sondern stattdessen klare Antworten gibt, ist schade, sollte aber auch nicht überschatten, dass „Die Erscheinung“ über weite Zeit ein hervorragend gefilmtes Drama ist, das sich schwierigen Fragen stellt.

Frankreich 2018
Regie: Xavier Giannoli
Darsteller: Vincent Lindon, Galatéa Bellugi, Patrick d Assumçao
137 Minuten


Voraussichtlich ab Donnerstag 13.12.

Gegen den Strom

Eine Umweltaktivistin auf dem Kriegspfad. Großes, originelles Arthousekino mit wunderbaren Bildern der isländische Natur und einer brillanten Hauptdarstellerin

Nach außen ist Halla eine patente, liebenswürdige Frau in den besten Endvierziger-Jahren, die allein lebt und als Chorleiterin arbeitet. Doch der Eindruck täuscht, denn Halla führt ein geheimes Doppelleben. In ihrer Freizeit ist sie eine Umweltaktivistin, die einsam, mutig und zielstrebig die isländischen Berge durchstreift, um Stromleitungen zu zerstören. Der Grund: Sie will die Natur retten, indem sie gemeinsame Machenschaften von Politik und Wirtschaft bekämpft und dafür sorgt, dass der Verkauf der isländischen Aluminiumindustrie nach China gestoppt wird. Auch wenn sie sich vieler Sympathien in der Bevölkerung sicher sein darf – die Obrigkeit betrachtet sie als Bedrohung. Als Halla erfährt, dass sie nach vielen Jahren der Wartezeit tatsächlich ein Kind aus der Ukraine adoptieren darf, verstärkt sie ihre Aktivitäten..

Spannung und Action, herrliche Bilder aus der ursprünglichen isländischen Bergwelt, eine Erzählweise, die bei allem Tempo und Schwung gelassen bleibt. Dazu eine wunderbare Hauptdarstellerin, Halldóra Geirharðsdóttir, die sehr sportiv mit Pfeil und Bogen als weiblicher Robin Hood die Wildnis durchstreift, eine arktische Schwester der Göttin Artemis - das ist Abenteuer pur und wirklich sehr, sehr gut gemacht. Halldóra Geirharðsdóttirs darstellerisches Repertoire ist beachtlich, sie überzeugt als rechtschaffene, liebenswürdige Chormusikerin, flotte Dame und Naturkind zugleich, als zu allem entschlossene Guerillakämpferin und Beschützerin der Natur. Ein besonders auffälliges Stilmittel ist der Musikeinsatz, denn Halla wird im wörtlichen Sinn von Musik begleitet. Ein Trio mit Schlagzeug, Tuba und Akkordeon ist stets in ihrer Nähe. Als quasi griechischer Chor zitiert er – wie das Artemis-Motiv – antike Muster, drei singende Frauen in ukrainischer Tracht gesellen sich später dazu. Das Timing ist dabei absolut perfekt. Dies zeugt dann unbedingt nicht nur vom handwerklichen Können, sondern auch vom Witz des Filmemachers, der, wie in „Von Menschen und Pferden“, mit Zitaten und Andeutungen spielt.

Island 2018
Regie: Benedikt Erlingsson
Darsteller: Halldóra Geirhardsdottir, Johann Sigurdarson, Davíð Þór Jónsson
101 Minuten
ab 6 Jahren


Voraussichtlich ab Donnerstag 13.12.

RBG – Ein Leben für die Gerechtigkeit



Mittlerweile ist sie 85 und immer noch Mitglied des Obersten Gerichtshofs der USA: Ruth Bader Ginsburg. Für politisch Interessierte ein lohnender Film und eine gute Gelegenheit, eine überaus scharfsinnige Frau kennenzulernen.

In den USA ist Ruth Bader Ginsburg, besser bekannt als RBG, mit vielen Äußerungen bekannt geworden. Einer davon lautet: “I ask no favor for my sex. All I ask of our brethren is that they take their feet off our necks.” Frei übersetzt ungefähr: „Ich bitte nicht um Wohlwollen für mein Geschlecht. Alles, worum ich unsere Brüder bitte, ist, dass sie ihre Füße aus unserem Genick nehmen.“ Schon dieses Zitat zeigt viel von dem, was RBG ausmacht: Mut, Radikalität, Scharfsinn und Humor. In den USA ist sie mittlerweile eine Art Pop-Ikone. Dabei hat sie sich bestimmt nicht darum gerissen, im Mittelpunkt zu stehen. Sie war eine der ersten Jura-Professorinnen der USA und wurde in den 70er Jahren recht bekannt, weil sie als Anwältin zugunsten von Frauen Gerichtsurteile erkämpfte, die maßgeblich für die Entwicklung der Frauenrechte in den USA wurden. Ihr brillanter Geist, ihr klares analytisches Denken und ihre Hartnäckigkeit machten sie zu einer wichtigen Fürsprecherin der Frauenbewegung und zu einer Kämpferin für die verfassungsmäßigen Rechte von Minderheiten...

Die immer noch sehr aktive, engagierte Juristin spricht sehr klar und deutlich, manchmal auch mit leiser Ironie über die Vergangenheit und über ihr Privatleben. Doch sobald es um ihr ureigenes Metier geht, um die Rechtsprechung, wird sie absolut professionell. Die beiden Filmemacherinnen wählten für ihr Doku-Biopic die klassische chronologische Variante, die sie mit zahlreichen Interviews, Fotos, Film- und Fernsehbildern aus Archiven und aus Privatbesitz ausstaffieren. Man sieht RBG auf Empfängen, Schul- und Collegeveranstaltungen, bei Fernsehauftritten und mit ihrem Personal Trainer beim Sport. Ihre Freundinnen, die deutlich lebhafter sind als die Porträtierte, berichten lachend über RBG`s Fitnesseinheiten. Trotz vieler Verweise und Bezüge ist es aber nicht nötig, sich mit dem amerikanischen Rechtswesen auszukennen, um diesen Film zu schätzen. Es genügt zu erkennen, dass hier eine sehr kluge, engagierte Frau unterwegs ist, die mit großem Einsatz für Gerechtigkeit kämpft.

Dokumentarfilm
USA 2018
Regie: Julie Cohen, Betsy West
Darsteller: Ruth Bader Ginsburg
98 Minuten
Ohne Altersbeschränkung


Voraussichtlich ab Donnerstag 20.12.

Die Poesie der Liebe

Die Geschichte einer drei Jahrzehnte überdauernden Liebe. Ein auf die Leistungen seiner Hauptdarsteller konzentriertes Lebensdrama, das auf ein Publikum im gehobenen Alter zugeschnitten ist.

Bei der Beerdigung des Literaturstars Victor Adelman (Nicolas Bedos) sorgen dessen seltsame Todesumstände für Gesprächsstoff. Klärung kann Adelmans Witwe Sarah (Doria Tillier) bringen, die dem Verstorbenen über vierzig Jahre lang in Liebe verbunden war. In einem Gespräch mit dem Nachwuchsautor Antoine (Antoine Gouy), der eine Adelman-Biographie verfassen will, rekapituliert Sarah die Stationen des gemeinsamen Lebens mit Victor. Als die beiden in jungen Jahren 1971 in einem Pariser Club aufeinandertreffen, funkt es sofort, doch im Gegensatz zu Sarah will der zu dieser Zeit noch erfolglose Victor keine feste Bindung zulassen. Der Zufall – oder das Schicksal? – führt die beiden jedoch erneut zusammen. Victor und Sarah heiraten, bekommen Kinder, ringen mit Eifersüchteleien und lernen, mit dem Reichtum und Ruhm des Literaturstars Adelman umzugehen. An Höhen und Tiefen mangelt es in der lebhaften Beziehung nicht, wobei das von Nicolas Bedos und Doria Tillier geschriebene Skript naturgemäß vor allem die Krisen in den Blick nimmt. Das Kapitel, in denen das Paar frisch verliebt ist, fällt besonders kurz aus. Die Phase sei langweilig, meint Sarah im Interview, weil sie und Victor einfach nur glücklich waren.

Der Autor und Schauspieler Nicolas Bedos, der die männliche Hauptrolle als Victor spielt und erstmals Regie führt, inszeniert die von 1971 bis ins Jahr 2003 andauernde Liebesgeschichte in gediegener Manier. Der Fokus auf die Dialoge, die hier oft beim Abendessen stattfinden, und Sarahs in die jeweiligen Abschnitte einleitende Erzählerinnenstimme erzeugen einen literarisch wirkenden Erzählfluss, bei dem Montagen zu Musik die vergehende Zeit illustrieren. Schon der Umstand, dass die Geschichte mehrere Jahrzehnte mit den entsprechenden Kostümen und Dekors umfasst, sorgt für Abwechslung. Auch der teils zynische Humor funktioniert, wenn Victor beispielsweise seinen langjährigen Therapeuten aufsucht, während dieser im Sterbebett einfach nur seine Ruhe haben will.

Frankreich, Belgien 2017
Regie Nicolas Bedos
Darsteller: Doria Tillier, Nicolas Bedos, Denis Podalydès
115 Minuten
ab 12 Jahren


Voraussichtlich ab Donnerstag 20.12.

Die Schneiderin der Träume



Die Romanze zwischen einem ungleichen Paar: der Hausangestellten Ratna und ihrem Herrn aus Mumbais Oberschicht. Ein indisches Kino-Juwel, meisterlich in Szene gesetzt vor dem Hintergrund der quirligen Megacity Mumbai.

Im pulsierenden Leben der flirrenden Metropole Mumbai versucht Ratna (Tillotama Shome) ihr Glück. Selbstbewusst entkommt sie damit ihrem düsteren Schicksal als Witwe auf dem Land. Und so arbeitet sie als Dienstmädchen im Haushalt einer reichen Familie. Doch die junge ambitionierte Frau besitzt Hoffnungen und Träume. Nicht nur, dass sie Geld für das Studium ihrer Schwester Choti spart, sie möchte irgendwann Schneiderin und dann Modedesignerin werden. Aber als die arrangierte und aufwändige Hochzeit ihres Dienstherrn Ashwin (Vivek Gomber) platzt, ist ihr Job in Gefahr. Denn, dass eine junge verwitwete Frau mit einem alleinstehenden Mann in einer Wohnung lebt, ist ein Tabu. Während er scheinbar alles hat, um glücklich zu sein, versinkt er in Depression und Selbstmitleid. „Das Leben ist nicht vorbei“, versucht sie ihn zu trösten und überschreitet damit eigentlich eine Grenze...

Sparsam an Dialogen, jedoch reich an Gesten, verdichtet sich der Film zum Porträt weiblicher Stärke vor dem Hintergrund traditioneller Strukturen. Mehr minimalistisch, ohne hektische Handkamera und poppiger Optik, treibt Regisseurin Rohena Gera das Entstehen der feinen Beziehung voran: Hier ein Wort, dort ein Blick, hier eine Geste. Man kommt sich zaghaft näher ohne es auszusprechen. Zart verknüpft sie in ihrem Spielfilmdebüt die Schicksale eines melancholischen Sohnes aus der Oberschicht und einer, trotz allem, optimistischen, jungen Witwe vom Land. Kreischend bunte Paillettensaris, wilde Tanzeinlagen und schmalzige Liebesszenen, wie man sie sonst aus Bollywood-Filmen kennt, haben in dem Arthouse-Film genauso wenig Platz wie folkloristischer Indien­klim­bim à la Darjeeling Limited oder dunkle Bilder von Armut und Gewalt wie in „Slumdog Millionaire“. Nur das Ganesh Chaturthi, ein Fest zu Ehren des Elefantengottes, bringt scheinbar etwas Exotik in den Film, die jedoch keineswegs überzogen wirkt.

Indien, Frankreich 2018
Regie: Rohena Gera
Darsteller: Tillotama Shome, Vivek Gomber
99 Minuten
ohne Altersbeschränkung


Voraussichtlich ab Donnerstag 20.12.

Westwood: Punk, Ikone, Aktivistin


Im klassisch aufgebauten Doku-Porträt rekapituliert die Filmemacherin Lorna Tucker die biographischen Stationen Vivienne Westwoods, eine Außenseiterin im Mode-Business.

„Lassen Sie es einfach hinter uns bringen,“ meint Vivienne Westwood am Anfang des Films. Einwürfe dieser Art folgen im Verlauf der Doku noch häufiger. Westwood erweist sich in den Interviews als ebenso störrisch wie ihre Modeschöpfungen und kapituliert nur widerwillig vor den Fragen der Regisseurin Lorna Tucker: „Ich werde alles erzählen – es ist so langweilig.“ Die Modedesignerin ist keine leicht zugängliche Protagonistin. Auch deswegen kommt ihr das Porträt nicht sonderlich nah, liefert aber immerhin einen Überblick über ihre Biographie und die Phasen ihrer Modedesigns. Es war ein langer Weg, bis die 1941 in Großbritannien geborene Vivienne Westwood zur Modeikone aufstieg. 17-jährig zog die aus einfacher Familie stammende Künstlerin nach London, wo sie die Swinging Sixties und die Subkultur der Punkszene miterlebte. Gemeinsam mit dem „Sex Pistols“-Manager Malcolm McLaren, den sie jung heiratete, eröffnete sie einen alternativen Laden an der Kings Road.

Nach der Scheidung von McLaren entwickelte Westwood ihre Handschrift weiter, wurde aber von der Modebranche ignoriert und in Talkshows vom Publikum ausgelacht. Als 1985 ein hoch dotierter Vertrag mit Giorgio Armani platzte, musste sie Sozialhilfe beantragen. Doch letztlich wurde die Querdenkerin zwei Jahre in Folge als Designerin des Jahres prämiert und schaffte den Durchbruch in der Modewelt. Heute nutzt sie ihre Bekanntheit als Umweltschutzaktivistin und tritt bei Protestaktionen als Rednerin auf. Tucker zeichnet Westwoods Werdegang chronologisch nach, begleitet die Protagonistin zu Modenschauen und unterfüttert die einzelnen Stationen mit Interviews und Archivmaterial. Westwoods progressiver Designhandschrift und ihrer bis ins hohe Alter bewahrten Punk-Attitüde wird der Film nur in wenigen Momenten gerecht, etwa wenn das Titelthema des Kubrick-Klassikers „Clockwork Orange“ ertönt, der ebenso Skandale machte wie Westwoods Mode. Anders als im intimen Porträtfilm „Lagerfeld Confidential“ gibt es in der Dokumentation nur wenige Momente, in denen Tucker der Designerin auf persönlicher Ebene nahe

Dokumentarfilm, Großbritannien 2018
Regie: Lorna Tucker
Darsteller: Vivienne Westwood
84 Minuten
ohne Altersbeschränkung


Voraussichtlich ab Dienstag 25.12.

Der Junge muss an die frische Luft



Der neue Film von Oscar-Preisträgerin Caroline Link („Nirgendwo in Afrika“, „Jenseits der Stille“) – basierend auf dem gleichnamigen Romanbestseller von Hape Kerkeling.

Ruhrpott 1972. Der pummelige neunjährige Hans-Peter wächst auf in der Geborgenheit seiner fröhlichen und feierwütigen Verwandtschaft. Sein großes Talent, andere zum Lachen zu bringen, trainiert er täglich im Krämerladen seiner „Omma“ Änne. Aber leider ist nicht alles rosig. Dunkle Schatten legen sich auf den Alltag des Jungen, als seine Mutter nach einer Operation immer bedrückter wird. Für Hans-Peter ein Ansporn, seine komödiantische Begabung immer weiter zu perfektionieren. Die berührende Kindheitsgeschichte eines der größten Entertainer Deutschlands, Hape Kerkeling.

Regisseurin Caroline Link über ihren Film: „Am Neujahrstag 2017 lag ich mit einem frisch gerissenen Kreuzband in einem Tiroler Berghotel im Bett und habe mir das Drehbuch von Ruth Toma, das mir erst wenige Tage zuvor zugeschickt worden war, durchgelesen. Vom ersten Moment hat mich diese Geschichte gepackt. Diese Kombination aus Komik und Trauer hat mich sofort sehr gerührt. Da war dieser pummelige neunjährige Junge, der so verzweifelt, aber durchaus mit viel Talent seine Mutter aus ihrer Depression retten will. Das hatte etwas ganz Einzigartiges. Noch dazu war es ja eine wahre Geschichte. Ich hatte beim Lesen die ganze Zeit den erwachsenen Hape Kerkeling vor Augen. Ruth Toma hat ja viele Anleihen aus seinen bekannten Sketchen in seine Kindheit übertragen. Und ich wusste damals kaum etwas über Hapes dramatische Kindheitsgeschichte. Die Beschreibung von Hapes Familie, die schrullige Herzlichkeit einer jeden Figur, die Geborgenheit im familiären Verbund, auch wenn jeder auf seine Art spinnt – das kenne ich aus meiner eigenen Geschichte, dazu fällt mir viel ein. Wie er bin ich in der Provinz aufgewachsen. Die Welt, die er erlebt hat, das Milieu der einfachen Leute, das alles kenne ich genau. Auch in meiner Familie gab es die kriegstraumatisierten Großeltern, die exaltierten Tanten, die warmherzigen Verwandten, mit denen man prima feuchtfröhliche Familienfeste feiern konnte. Als ich das Drehbuch zugeklappt habe, wusste ich, dass ich das verfilmen wollte.“

Deutschland 2018
Regie: Caroline Link
Darsteller: Julius Weckauf, Katharina Hintzen, Sönke Möhring
100 Minuten
ab 6 Jahren


Voraussichtlich ab Mittwoch 26.12.

Drei Gesichter


Eine Schauspielerin und ein Regisseur werden mit einer traditionellen, patriarchalische Kultur konfrontiert. Bemerkenswert zeitgeistiger Film mit dem Fokus auf die Rolle und vor allem die Unterdrückung von Frauen

Mit einem minutenlangen Handyvideo beginnt „Drei Gesichter“, gefilmt von Marziyeh (Marziyeh Rezaei), einer jungen Frau, die auf dem Land lebt, aber davon träumt, Schauspielerin zu werden. Sie fleht um Aufmerksamkeit, berichtet von der Unterdrückung durch ihre Familie, die sie daran hindert, ihren Traum zu verwirklichen und sie schließlich – scheinbar – in den Selbstmord treibt. Gerichtet war das Video vor allem an die erfolgreiche Schauspielerin Behnaz Jafari (Behnaz Jafari), die das Video über Umwege erhalten hat und nun voller Schuldgefühle auf der Suche nach der jungen Frau ist. Zusammen mit einem Freund, dem Regisseur Jafar Panahi (Panahi selbst), fährt sie in den ländlichen Nordwesten des Landes, um Marziyeh zu finden. Im Heimatdorf der jungen Frau stoßen sie auf eine traditionelle, patriarchalische Kultur, die kein Verständnis für den ungewöhnlichen Traum zeigt, sich künstlerisch zu verwirklichen. Unweit des Dorfes lebt schließlich auch die ältere Schauspielerin Shahrazade, die vor der iranischen Revolution eine Berühmtheit war...

Ob diese Schauspielerin das dritte Gesicht des Titels von Jafar Panahis neuem Film ist, mag man vermuten. Zu Gesicht bekommt man Shahrazade nie, nur in der Ferne sieht man ihren Schatten am Fenster, in der abgeschlossenen Welt ihres Hauses, die für Panahi in doppelter Weise unsichtbar bleibt. Als Figur in seinem Film bleibt er außen vor, während sich Behnaz Jafari um die anderen Frauen des Dorfes kümmert, aber auch als Regisseur des Films untersagt er es sich, einen Blick in eine Welt zu werfen, deren Probleme und Sorgen er nachfühlen kann, die aber doch weit weg von seinen eigenen Erfahrungen sind. Seinen vierten Film hat Panahi nun schon gedreht, seit er mit Hausarrest und Arbeitsverbot belegt wurde. „Drei Gesichter“ ist nun ein Panahi-Film, der oft an die Filme seines Lehrers Abbas Kiarostami erinnert. Dieser konfrontierte in etlichen Filmen einen aus Teheran stammenden Intellektuellen mit der ländlichen Bevölkerung des Irans und ließ dadurch Moderne auf Tradition prallen.

Iran 2018
Regie: Jafar Panahi
Darsteller: Behnaz Jafari, Jafar Panahi, Marziyeh Rezaei
100 Minuten
ab 12 Jahren


Voraussichtlich ab Donnerstag 27.12.

Mary Shelley



Ein rebellischer Teenager verliebt sich in einen aufstrebenden Dichter und wird selbst zur Ikone der britischen Literatur. Biopic, das der jungen Pionierin romantischer Literatur ein längst fälliges Denkmal setzt.

Als aufmüpfiger Teenager vertreibt sich Mary Wollstonecraft Godwin (Elle Fanning) am liebsten die Zeit im gemütlichen Buchladen ihres Vaters, einem finanzklammen Philosophen. Nach einem heftigen Streit wird die Rebellin samt Schwester zu Verwandten nach Schottland geschickt. Die Begegnung mit dem attraktiven Poeten Percy Shelley (Douglas Booth) sorgt indes für Aufregung. Die Sechzehnjährige ist von dem fünf Jahre älteren Dichter begeistert - und umgekehrt! Trotz der massiven Drohungen des Vaters zieht das Paar zusammen. Bei einem gemeinsamen Besuch des schillernden Lord Byron (Tom Sturridge) in dessen Villa am Genfer See, macht der Dandy einen folgenschweren Vorschlag: Alle Gäste sollen am Abend, bei reichlich Wein, spontan eine Gruselgeschichte zum Besten geben. In dieser Nacht wird für Mary die Idee zur melancholischen Monster-Saga des „Frankenstein“ geboren.

Die aus Saudi-Arabien stammende Regisseurin Haifaa Al-Mansour wurde vor sechs Jahren mit der deutsch-saudischen Koproduktion „Das Mädchen Wadjda“ gefeiert. Für die feministische Vorkämpferin aus dem Orient lag es nahe, ihrer künstlerischen Pionier-Schwester aus England ein Biopic zu widmen. Der Kostüm-Schinken bietet ausreichend, was das Genre braucht: Herz. Schmerz. Intrigen. Eifersucht und natürlich Happy End. Während das „Burberry“-Model Douglas Booth die passende Besetzung für den blasierten Schönling Percy darstellt, hat Elle Fanning („Super 8“) einiges mehr zu bieten. Mit über 40 Filmen auf dem Buckel, verkörpert die 20-Jährige mit erstaunlicher Leichtigkeit die Höhenflüge und Tiefschläge ihrer Figur und hält souverän die Balance zwischen trotzigem Rebellentum und sensibler Verletzlichkeit. Hätte eine Mary Shelley nicht ein radikaleres Porträt verdient? Über 50 Prozent der Filmstudierenden hierzulande sind weiblich. Fast alle Chefposten der föderalen Filmförderung sind in Frauenhand. Und dann bedarf es einer resoluten Regisseurin aus Saudi-Arabien, um ein Biopic über eine feministische Avantgardistin zu realisieren? Das hätte der Mutter aller Monster wohl ganz gut gefallen können!

Irland, Luxemburg, Großbritannien 2017
Regie: Haifaa Al Mansour
Darsteller: Elle Fanning, Douglas Booth, Bel Powley, Maisie Williams
120 Minuten
ohne Altersbeschränkung


Voraussichtlich ab Donnerstag 27.12.

Shoplifters

Ein Ladendieb und eine Arbeiterin finden nachts auf der Straße ein vernachlässigtes Mädchen und nehmen es spontan bei sich auf. Ein berührendes Lehrstück in Humanismus und Nächstenliebe - ganz ohne Zeigefinger oder moralinsaure Predigt.

Sie sind eingespieltes Team. Vater und Sohn baldowern beim gemeinsamen Laden-Diebstahl im Supermarkt geschickt aus, wie die Einkaufsliste lässig für lau abgehakt werden kann. Als raffinierte Mini-Meisterdiebinnen erweisen sich auch die beiden kleinen Mädchen im Angler-Geschäft. Der kleine Clan um den Bauarbeiter Osamu lebt dicht gedrängt im Häuschen von Großmutter Hatsue. Sechs Menschen aus drei Generationen, die nicht unbedingt miteinander verwandt sind aber bedingungslos zusammenhalten. „Familie geht durch Herz und Magen, nicht durchs Blut“ heißt es einmal über diese Wahlverwandtschaften. Nach diesem Prinzip handeln Osamu und seine Partnerin Nobuyo auch, als sie nachts auf dem Heimweg auf das kleine Mädchen Yuri treffen. Spontan retten sie die Kleine vor der Kälte und nehmen sie mit nach Hause...

Wie üblich erweist sich der langjährige Dokumentarfilmer Hirokazu Kore-eda („Like Father, Like Son“) als genauer Beobachter, der seine Figuren mit psychologischer Präzision entwickelt und behutsam ihre Geschichten erzählt. Eine Story wie diese, zumal mit kleinen Kindern, könnte leicht zum Sozialkitsch oder Armutsporno mutieren. Diese Gefahr besteht bei dem japanischen Meisterregisseur zu keiner Minute. Bereits bei den ersten Bildern bekommt man das sichere Gefühl: Hier stimmt einfach alles. Der Eindruck trügt nicht, sondern er trägt bis zum Abspann. Die gekonnte Empathie-Offensive lässt den Zuschauer schnell zum mitfühlenden Komplizen dieser Außenseiter werden. Die mögen Kleinkriminelle, Kindesentführer oder Pensionsbetrüger sein („Großmutter ist toll, sie hilft uns auch noch nach ihrem Tod.“). Aber bekanntlich kommt erst das Fressen, dann die Moral.

Japan 2018
Regie: Hirokazu Koreeda
Darsteller: Kirin Kiki, Lily Franky, Sôsuke Ikematsu, Mayu Matsuoka