PREVIEW in der Schauburg
GIRL
am 17. Oktober um 21 Uhr in der Reihe Queerfilmnacht


Ein 15jähriges Mädchen, das mit dem Körper eines Jungen geboren wurde, will Balletttänzerin werden. Bei den Filmfestspielen in Cannes gleich mehrfach ausgezeichnetes Drama

Lara (Victor Polster) ist 15 und hat einen Traum: Sie will Balletttänzerin werden. Als sie an einer renommierten Akademie unter Vorbehalt angenommen wird, zieht sie mit ihrem Vater Mathias (Arieh Worthalter) und ihrem kleinen Bruder Milo (Oliver Bodart) nach Brüssel. Währenddessen versucht Lara noch einen zweiten Kampf zu gewinnen: Sie will sich einer Geschlechtsumwandlung unterziehen. Äußerlich ist sie bereits ein Mädchen, doch ihr Körper ist noch der eines Jungen. Ihr Vater unterstützt sie bei ihrem Vorhaben, begleitet seine Tochter bei jedem Schritt und ist für sie da, genau wie Psychologen und Ärzte. Doch der Leistungsdruck auf die junge Ballerina ist enorm und nebenbei wird Lara durch ihre Mitschülerinnen und Mitschüler ins heiß-kalte Wasser der Pubertät geworfen...

Regisseur und Drehbuchautor Lukas Dhont über seinen Film: „Als Kind wollte mein Vater, dass ich Pfadfinder werde. Alle zwei Wochen setzte er meinen Bruder und mich dort ab, und wir spielten mit den anderen Kindern im Matsch oder gingen zelten. Wir haben es beide gehasst. Wir wollten lieber schauspielern, singen, und tanzen, weil wir uns dabei besser ausdrücken konnten. Sie können sich denken, wie verwirrend es für uns war, als wir kurz darauf erfuhren, dass dies als feminin galt, als etwas „für Mädchen“. Ich war ein Junge, wie also konnte mir so etwas Spaß machen? Irgendwann ließ ich es sein, weil ich nicht deswegen ausgelacht werden wollte. Viele Jahre später, als ich gerade mein Filmstudium begonnen hatte, las ich in einer Zeitung einen Artikel über ein junges Mädchen. Es war im Körper eines Jungen geboren, jedoch davon überzeugt, ein Mädchen zu sein. Auch wenn es aus biologischer Sicht nicht der Fall zu sein schien. Meine Bewunderung für sie war enorm. Ich wollte unbedingt solch eine Figur porträtieren, einen mutigen jungen Menschen, der eine Gesellschaft herausfordert, in der die biologische sowie gesellschaftliche und kulturelle Definition des Begriffs „Geschlecht“ unweigerlich miteinander verknüpft sind. Das war der Startpunkt für „Girl“.“

Am Mittwoch 17. Oktober um 21 Uhr zeigt die Schauburg „Girl“ in einer Preview in der Reihe „Queerfilmnacht“.


GIRL
Land/Jahr: Belgien, Niederlande 2018
Regie: Lukas Dhont
Darsteller: Victor Polster
106 Minuten
ab 12 Jahren

 

NEU in der Schauburg
VERLIEBT IN MEINE FRAU
auch in französischer Originalfassung mit deutschen Untertitel


Ein Film wie aus der Welt vor #metoo, voll von lüsternen Männern um die 70, die viel jüngeren Frauen hinterherhecheln. Daniel Auteuil agiert vor und hinter der Kamera in dieser ironisch gemeinten Komödie

Daniel (Daniel Auteuil) ist glücklich verheiratet, zumindest glaubt er das. Zusammen mit seiner Frau Isabelle (Sandrine Kiberlain) wohnt er in einem mondänen, überaus stilvoll eingerichteten Appartement, in das an einem schönen Samstag sein alter Freund Patrick (Gérard Depardieu) zum Essen kommt. Und zwar nicht allein sondern in Begleitung seiner sehr jungen, sehr schönen neuen Freundin Emma (Adriana Ugarte) für die er seine langjährige Frau, eine Literaturdozentin, verlassen hat. Sehr zum Unwillen von Isabelle, die kein gutes Haar an Emma lässt, die in einer Bar arbeitet und ihre Kurven in einem sehr knappen Kleid präsentiert. Zumal Daniel offensichtlich von Emma hingerissen ist und sich während des Abends immer wieder in Phantasien verliert, in denen er imaginiert, wie er sein eingefahrenes Leben mit Emma auf den Kopf stellt und neue Höhepunkte der Leidenschaft erlebt.

Ähnlich wie der ebenfalls auf einem Stück von Florian Zeller basierende „Nur eine Stunde Ruhe“ spielt auch „Verliebt in meine Frau“ fast komplett an einem einzigen Abend, in einer Wohnung. Genauer müsste man allerdings wohl sagen, dass die Handlung sich in weiten Teilen in Daniels Kopf abspielt, denn vom ersten Moment, da ihm Emma gegenüber sitzt, beginnt seine Phantasie zu blühen. Was hier bedeutet, dass sich Emma sofort auszieht und Daniel ihren perfekten Körper präsentiert. In diesem Stil geht es weiter, voll von lasziv geöffneten Mündern, verspritztem Dessert und anderen boulevardesken, betont frivolen Momenten inszeniert Daniel Auteuil die Altherrenphantasie, die als ironischer Kommentar über lüsterne alte Männer, die viel zu junge Frauen begehren, verstanden werden kann. Ob dem tatsächlich so ist, ist schwer zu sagen, angesichts der Art, wie Auteuil die fraglos sehr attraktive Adriana Ugarte inszeniert, mag man daran zweifeln. Vielleicht aber auch nicht, denn nicht umsonst heißt der Film „Verliebt in meine Frau“ und nimmt im letzten Drittel eine durchaus bemerkenswerte Wendung, in der in der Phantasie Daniels verschiedene Lebensmodelle durchgespielt werden.


VERLIEBT IN MEINE FRAU
Land/Jahr: Frankreich 2018
Regie: Daniel Auteuil
Buch: Florian Zeller nach seinem gleichnamigen Stück
Darsteller: Gérard Depardieu, Daniel Auteuil, Sandrine Kiberlain, Adriana Ugarte
84 Minuten
ohne Altersbeschränkung

 


NEU in der Schauburg
UNSER SAATGUT - WIR ERNTEN, WAS WIR SÄEN



Dokumentation über Saatgut als Geschenk der Natur. Handwerkliche Meisterleistung mit abwechslungsreicher Mischung aus realen Bildern mit Interviewszenen, Animationen und Mikro- sowie Zeitlupen- und Zeitrafferaufnahmen.

Ein riesiger, alter Baum; eine Frau, die mit Pflanzen geschmückt auf unterschiedlich gefärbtem Saatgut ruht – Saatkörner, die vor der Kamera keimen, bedecken ihr Gewand … den Anfang des Films machen symbolische, wunderschöne Bilder, auch von verschiedenen Samenkörnern in unterschiedlichsten Formen und Arten. Die extreme Vergrößerung zeigt überraschende Strukturen, Zeitlupenaufnahmen nehmen Bewegungsabläufe auf … Der Vorspann leitet über in die Vorstellung eines der Protagonisten des Films: ein Ex-Hippie, der zum Vorkämpfer einer Bewegung wurde, die Saatgut bewahrt. Das ist mittlerweile nötig geworden, denn von den Kulturpflanzen, die dem Menschen als Nahrung dienen können, z. B. Getreide, Gemüse und andere Feldfrüchte, sind bereits über 90 % verschwunden oder ausgestorben. Dabei geht es nicht nur darum, irgendwelche Samenkörner zu sammeln und dafür zu sorgen, dass sie keimfähig bleiben. Es geht um den Erhalt der Artenvielfalt und um die Verbreitung des Wissens dazu. Das Saatgut ist nicht nur Nahrungsgrundlage, sondern auch eine Basis menschlicher Zivilisation und Kultur. Dies findet Ausdruck in zahlreichen Ritualen, in denen Feldfrüchte und Saaten verehrt werden.

Dieses cineastische Highlight zu einem tatsächlich zukunftsrelevanten Thema präsentiert sich als sehr klug und sorgfältig durchdachtes wie gestaltetes Kinokunstwerk, dennoch gibt es keinen Schnickschnack. Die Sympathie der Filmemacher gehört eindeutig ihren zahllosen Heldinnen und Helden. Der Film endet mit einem Appell an das Publikum, sich ebenfalls für den Schutz und die Verbreitung von Saaten einzusetzen. Dieses Vorgehen erscheint ebenso konsequent wie sinnvoll angesichts einer Dokumentation, die ganz klar Stellung bezieht für eine Zukunft, in der Menschen auf der ganzen Welt die Chance haben sollten, ihre regionalen landwirtschaftlichen Ressourcen selbst zu nutzen. Denn letztlich geht es um die Weiterexistenz des Menschen, um Nahrung für alle und damit um den künftigen Umgang mit der Natur – um Demut, Achtung und Respekt gegenüber allem, was auf der Erde wächst, inklusive Menschen und Tieren.


UNSER SAATGUT - WIR ERNTEN, WAS WIR SÄEN

Land/Jahr:
USA 2016
Dokumentarfilm

Buch, Regie, Schnitt: Taggart Siegel, Jon Betz
Musik: Garth Stevenson, Benjy Wertheimer, Gaea Omiza River
94 Minuten