Willkommen in Siegheilkirchen

Ein Schüler muss sich gegen Alt-Nazis, scheinheilige Moralisten und schweigende Duckmäuser behaupten. Selbst wer kein Fan von Animationsfilmen ist, sollte sich dieses Highlight nicht entgehen lassen. Der tiefschwarze, anarchistische Humor trifft ins Mark.

Österreich in den 1960 Jahren. Ein erzkatholisches Provinznest am Rande des westlichen Wiener Walds. Der Krieg ist zwar vorbei. Aber ewig gestrige Alt-Nazis zusammen mit scheinheiligen Moralisten und bigotten Kirchenoberen bestimmen das dumpfe Klima. Immer noch ziert ein Hakenkreuz das Rathaus in Siegheilkirchen. Und genau der Maler, der es einst verbrochen hat, soll die braunen Flecken im Stadtbild nun mit einem neuen pompösen Wandgemälde übertünchen. Der Gendarm ist die meiste Zeit betrunken, der Pfarrer (Jürgen Maurer) prügelt die Kinder und Friseur Kurz wäre gern der neue Führer. Der von allen nur „Rotzbub“ genannte Sohn braver Wirtsleute hadert mit dieser spießigen Enge. Doch sein Zeichentalent bricht sich trotzdem Bahn. Freilich ist Künstler bei seinen Eltern kein Beruf. Sie sehen ihren Bub lieber als Buchhalter. Der verklemmten Sexualmoral zum Trotz inspiriert den Pubertierenden Trude, die neue Verkäuferin in der Metzgerei.

Es gibt quasi niemanden in Österreich, der „den Deix“ nicht kennt. Manch einer steht in der U-Bahn und sagt: „Schau, ein Deix.“ Noch zu Lebzeiten von Manfred Deix hatte der österreichische Duden einen Eintrag zu „Deixfigur“. In der Alpenrepublik wissen alle, was prototypisch gemeint ist und das Beeindruckende: Die Leute fühlen sich vom subversiven Kult-Cartoonisten entlarvt und lieben die Figur trotzdem. Politisch brisant, mit bissigem Humor und viel Schmäh erweckt Regisseur Marcus H. Rosenmüller zusammen mit Storyboard-Artist Santiago Lopez den Deixschen Kosmos auf der Leinwand zum Leben. Phasenweise vergisst man sogar, dass die animierten Figuren nicht echt sind. Rosenmüller und seinem Co-Regisseur Santiago López Jover gelingen zudem Einstellungen, die im Realfilm gar nicht möglich wären. Etwa, wenn sie die Geburt des Rotzbubs vom Inneren des Mutterleibs aus darstellen.

Österreich, Deutschland 2021
Regie: Marcus H. Rosenmüller,
Santiago Lopez
86 Minuten
ab 12 Jahren

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