Geplante Erstaufführungen in den nächsten Wochen:

voraussichtlich ab Donnerstag 28.10.
Borga
Contra
Online für Anfänger
Wagner, Bayreuth und der Rest der Welt
voraussichtlich ab Donnerstag 4.11.
Ammonite
Die Geschichte meiner Frau
Bergman Island
voraussichtlich ab Donnerstag 11.11.
Billie – Legende des Jazz
Lieber Thomas
Tick, tick...BOOM!
voraussichtlich ab 14.11.
The Human Voice
voraussichtlich ab Donnerstag 18.11.
Eiffel in Love
Das Land meines Vaters
Große Freiheit
Mein Sohn
Tagundnachtgleiche
The Power of the Dog
voraussichtlich ab Donnerstag 25.11.
À la carte! – Freiheit geht durch den Magen
Hannes
Hope - Hoffnung
In den Uffizien
The Unforgivable
Das schwarze Quadrat
voraussichtlich ab Donnerstag 16.12.
Der Schein trügt

Voraussichtlich ab Donnerstag 28.10.

Borga

Bemerkenswertes Debüt, das weit über den eigenen Tellerrand hinausblickt und das große Thema Migration auf vielschichtige, ambivalente Weise behandelt. Mit vier Auszeichnungen war das Drama der große Gewinner des diesjährigen Max Ophüls-Festivals

In Sodom beginnt „Borga“, in Accra, der Hauptstadt des westafrikanischen Staates Accra, wo am Strand, im berüchtigten Viertel Agbogbloshie auf einer riesigen Deponie Elektronikschrott aus Europa verarbeitet wird. Hier wachsen Kojo (Eugene Boateng) und Kofi (Jude Arnold Kurankyi) auf, zwei Brüder, die unterschiedliche Wege gehen werden. Beide wollen sich aus der Armut befreien, der eine bleibt zu Hause, den anderen zieht es nach Europa, zum gelobten Kontinent, wo die Straßen mit Gold gepflastert sind. Doch der Wohlstand ist oft nur vorgetäuscht, Fotos vor Autos und Häusern gefälscht, um die harsche Realität zu verbergen. So ergeht es auch Kojo. Bald ist er ein gemachter Mann, relativ. Regelmäßig fährt er in die Heimat, schluckt Drogenpäckchen, die er in Deutschland mühselig wieder ausspeit. Ein Leben voller Täuschungen führt Kojo, der in Mannheim die Notfallsanitäterin Lina (Christina Paul) kennengelernt hat, ihr jedoch seine wahre Identität verschweigt. Unweigerlich kommen die Lügen jedoch an die Oberfläche und drohen alles zu zerstören, was Kojo am Herzen liegt.

Zwei Kurzfilme drehte York-Fabian Raabe vor seinem Debüt schon in Ghana, auf eigene Faust, denn der Quereinsteiger durchlief nicht die üblichen Bahnen des deutschen Filmsystems. Vielleicht agiert er deswegen so unbeschwert, erzählt in seinem Debütfilm nicht eine der typischen deutschen Geschichten, sondern wirft einen ungewöhnlichen Blick auf einen Aspekt der deutschen Realität, der meist von Vorurteilen geprägt ist. Und das nicht nur von einer Seite: Verdammt die eine Seite Migranten oft als Kriminelle und Vergewaltiger, verklärt die andere Seite sie oft als durch und durch gute, fast schon naive Wesen. Die Wahrheit liegt meist irgendwo zwischen diesen Extremen und wird von „Borga“ ausgeleuchtet. Die Ambivalenz, mit der York-Fabian Raabe seine Hauptfigur zeichnet, macht ihn und seinen Film angreifbar für Kritik von beiden Seiten. Doch genau der Mut zu diesem differenzierten Blick auf ein allgegenwärtiges Thema ist die größte Qualität von „Borga“, der anderen eine Stimme gibt und zwar eine vielstimmige.

Quelle: programmkino.de / Michael Meyns

Deutschland, Ghana 2020
Regie: York-Fabian Raabe
Darsteller: Eugene Boateng, Christiane Paul, Jude Arnold Kurankyi


Voraussichtlich ab Donnerstag 28.10.

Contra


Die Story vom hyperintelligenten Lehrer und seiner lernfähigen Schülerin, die er nach seinen Vorstellungen heranbilden will. Gekonnt und mit gutem Timing inszeniert und mit wunderbar geschliffenen Dialogen ausgestattet.

Das hat er nun davon: Der rundum mit allen rhetorischen Mitteln bestens ausgestattete Professor Pohl muss sich vor dem Disziplinarausschuss verantworten, weil er eine Studentin im Hörsaal beleidigt hat, und zwar rassistisch, sexistisch und religionsfeindlich – also mit der vollen Breitseite eines hoffnungslos antiquierten, bildungsbürgerlich patriarchalen Elitedenkens. Für sein Fehlverhalten gibt es nicht nur genügend Zeugen, sondern auch noch ein Video, das ein Kommilitone in Umlauf gebracht hat. Der Shitstorm läuft bereits auf vollen Touren. Hier hilft nur eins: die Vorwärtsverteidigung. Pohl, der sich seiner Schuld keineswegs bewusst ist, lässt sich überreden, die junge Studentin unter seine Fittiche zu nehmen und für die Teilnahme an einem Debattierwettbewerb zu trainieren, um im vorauseilenden Gehorsam dem Disziplinarausschuss den Wind aus den Segeln zu nehmen und seine drohende Entlassung zu verhindern...

Wie sich die Geschichte weiterentwickelt, ist eigentlich zweitrangig. Im Vordergrund steht aber die Beziehung zwischen Naima und ihrem Professor. Dabei geht es glücklicherweise nicht um eine Love Story, sondern um die Kommunikation zwischen zwei mehr und mehr gleichwertigen Kontrahenten, die sich über ihre Arbeit immer näher kommen. Zwei komplett unterschiedliche Charaktere treffen dabei aufeinander: Ein hoch gebildeter und eloquenter Mann mit zahllosen Geheimnissen trifft auf eine Frau, die so viel Offenheit besitzt, dass er langsam aber sicher fast trotzige Verschlossenheit und seine distanzierte Steifheit aufgeben muss. Das Drehbuch, das sich stark an die französische Komödie “Die brillante Mademoiselle Neïla” anlehnt, spielt übermütig mit Klischees und Vorurteilen, und zwar teilweise dermaßen radikal, dass man manchmal nach Luft schnappt. Neben dem Mut zur frechen Satire und dem Spiel der beiden Hauptdarsteller ist es diese leise, stets gegenwärtige und ganz selbstverständliche Gesellschaftskritik, die den Film besonders auszeichnet, ohne ihn zu dominieren. Denn dieser Film ist vor allem eines: beste Kinounterhaltung!

Quelle: programmkino.de / Gaby Sikorski


Deutschland 2020
Regie: Sönke Wortmann
Drehbuch: Doron Wisotzky (nach dem Spielfilm LE BRIO – dt. Titel: Die brillante Mademoiselle Neïla)
Darsteller: Nilam Farooq, Christoph Maria Herbst, Hassan Akkouch, Ernst Stötzner, Meriam Abbas, Mohamed Issa
103 Minuten
ab 12 Jahren


Voraussichtlich ab Donnerstag 28.10.

Online für Anfänger



Nervige Captcha-Felder, Endlos-Warteschleifen, vergessene Passwörter, penetrante Werbeanrufe von Callcentern - gegen solche Windmühlen digitaler Errungenschaften haben drei wackere Franzosen in dieser Komödie schier pausenlos zu kämpfen.

„Ich sehe überall Monat-Flatrates von 20 Euro und zahle selbst 70 Euro!“, wundert Marie sich bei ihrem Telefonanbieter. Da wäre eben nicht alles inklusive, erfährt sie vom pampigen Callcenter, bevor sie aus der Leitung geworfen wird. Erlebnisse wie diese haben enormen Wiedererkennungswert. Ähnlich verhält es sich mit jenen kafkaesken Geschichten von Endlos-Warteschleifen bei Hotlines. Vom nervtötenden Ankreuzen verschwommener Zebrastreifen-Bildchen vor dem Einlass für Webseiten. Von chronisch aufdringlichen Werbeanrufen. Oder jener panischen Suche nach dem verlegten Passwort, von denen dutzendfache Varianten mit Filzstift an der Kühlschrankwand notiert sind. Ein verzweifeltes Trio aus der Vorstadt versucht fortan, mit vereinten Kräften den digitalen Kraken den Kampf anzusagen. Beim Kampf von David gegen Goliath findet sich mit „Gott“ ein mächtiger Verbündeter: So nennt sich jener Hacker-Hippie, der in einem Windrad haust und gern behilflich ist. Gegen Google und Co. hat allerdings selbst „Gott“ keine Chance. Da bleibt den resoluten Franzosen nur noch der Sturm der Bastille von Silicon Valley: dem Rechenzentrum des Techgiganten.

In ihrem zehnten Streich widmen sich Benoît Delépine und Gustave Kervern („Mammuth“) einmal mehr den großen Sorgen kleiner Leute. Ihre Figuren mögen etwas schlicht gestrickt ausfallen, dafür werden sie mit umwerfender Komik von Corinne Masiero („Der Geschmack von Rost und Knochen“), Denis Podalydès („Intrige“) und Blanche Gardin („Die Weissagung“) spielfreudig präsentiert. An Pointen, Situationskomik und Dialogwitz herrscht kein Mangel: vom „kostenlosen Anti-Virenprogramm für 14 Euro im Monat“ über die chronisch geschlossene Postfiliale bis zum teuren Gemüse-Abo, das selbst der Tod nicht scheidet. Als Klasse für sich erweisen sich die Hommage an den legendären „Verrückt nach Mary“-Gag. Sowie der Gastauftritt von Besteller-Provokateur Michel Houellebecq, der im Laden von Bertrand einen ganz besonderen Kaufwunsch äußert - soviel sei verraten: Es handelt sich nicht um jenes Dosentelefon, dem zum Finale ein Denkmal gesetzt wird.

Quelle: programmkino.de / Dieter Oßwald

Frankreich 2020
Regie: Benoît Delépine & Gustave Kervern
Darsteller: Blanche Gardin, Denis Podalydès von der Comedie-Francaise, Corinne Masiero, Michel Houellebecq.
110 Minuten
ab 12 Jahren


Voraussichtlich ab Donnerstag 28.10.

Wagner, Bayreuth und der Rest der Welt

Wagner ist mehr als Musik. Wagner ist ein gesellschaftliches Phänomen, eine Glaubensfrage und das Bayreuther Festspielhaus ist der Pilgerort.

WAGNER, BAYREUTH UND DER REST DER WELT ist eine dokumentarische Reise durch die Welt der Wagnerianer: von Venedig über Lettland, Israel, Abu Dhabi, und die USA bis nach Japan. Im Zentrum des Films steht das Festspielhaus in Bayreuth und die Arbeit hinter den Kulissen. Katharina Wagner, Ur-Enkelin des Komponisten, Künstlerische Leiterin und Geschäftsführerin der Festspiele gibt exklusive Einblicke in ihre Probenarbeit, erzählt, wie es ist, Regie zu führen, und Dirigent Christian Thielemann nimmt uns mit in den mystischen Bayreuther Orchestergraben. Wagner-Experte Alex Ross und das fränkische Metzger-Ehepaar Rauch eröffnen vollkommen neue Perspektiven auf Wagners Welt, die Festspiele und den "Eröffnungs-Zirkus" mit Polit-Prominenz.

WAGNER, BAYREUTH UND DER REST DER WELT ist ein neuer Blick hinter die Kulissen des weltweiten Wagner-Kults, des Festspielhauses und der Stadt Bayreuth - zwischen Leidenschaft und Musik, Politik, Kultur, Glamour, Probenarbeit und Bratwurst.



WAGNER, BAYREUTH UND DER REST DER WELT verzaubert mit fulminanten Bildern zu Wagners grandioser Musik und gibt exklusive Probeneinblicke von weltberühmten Künstlern wie Christian Thielemann, Piotr Becza?a, Valery Gergiev, Placido Domingo, Barrie Kosky oder Anja Harteros.

Dokumentarfilm
Deutschland 2021
Regie: Axel Brüggemann
102 Minuten
ohne Altersbeschränkung


Voraussichtlich ab Donnerstag 4.11.

Ammonite

England Mitte des 19. Jahrhunderts: Resigniert von der männlich-dominierten Wissenschaftswelt Londons, hat sich die einst gefeierte Paläontologin Mary (Kate Winslet) in ein Provinznest an der Küste im Südwesten Englands zurückgezogen. Dort hält sie sich und ihre von Krankheit gezeichnete Mutter (Gemma Jones) mühsam mit dem Verkauf von Fossilien an Touristen über Wasser. Deshalb kann Mary auch das lukrative Angebot eines wohlhabenden Kunden keinesfalls ausschlagen, der ihr seine schwermütige junge Ehefrau Charlotte (Saoirse Ronan) zur Erholung in Obhut geben will, um seine Studienreise ungestört fortsetzen zu können. Mary begegnet ihrem ungewollten Gast zunächst kühl und abweisend, bis Charlotte schwer erkrankt und Marys volle Aufmerksamkeit erfordert. Einhergehend mit Charlottes Genesung, gewinnt auch Mary langsam die Lebensfreude zurück, und ihre schroffe Fassade beginnt zu bröckeln. Aus den für beide unerwarteten Glücksgefühlen entwickelt sich bald leidenschaftliche Begierde, die alle gesellschaftlichen Konventionen ins Wanken bringt und den Lebensweg beider Frauen unwiderruflich verändern wird.

Gemeinsam mit den Produzenten der Oscar-prämierten Filme THE KINGS SPEECH und THE IMITATION GAME gelang es dem britischen Regisseur Francis Lee, zwei der gefragtesten britischen Schauspielerinnen unserer Zeit für AMMONITE zu gewinnen: Oscar-Preisträgerin Kate Winslet und die Golden Globe-gekürte Saoirse Ronan. Bereits mit seinem preisgekrönten Langfilm-Debüt GODS OWN COUNTRY über einen jungen englischen Schafzüchter, der eine Affäre mit einem rumänischen Wanderarbeiter beginnt, begeisterte Lee im Jahr 2017 Publikum und Kritik gleichermaßen. In seinem neuesten Film AMMONITE geht es um die real existierende Mary Anning, eine der ersten weiblichen Paläontologen überhaupt, die eine fiktive Beziehung mit der Frau des schottischen Geologen Roderick Murchison eingeht.

AMMONITE gehörte zur offiziellen Auswahl der Corona-bedingt abgesagten Filmfestspiele von Cannes 2020 und feierte seine Weltpremiere schließlich im September 2020 auf dem Toronto International Film Festival. Der Film lief anschließend u.a. auf dem Festival des amerikanischen Films in Deauville und beim BFI London Film Festival. Die Deutschlandpremiere von AMMONITE findet als Eröffnungsfilm des Festivals "Around The World in 14 Films" statt.

Großbritannien 2020
Regie: Francis Lee
Darsteller: Kate Winslet, Saoirse Ronan, Fiona Shaw
118 Minuten
ab 12 Jahren


Voraussichtlich ab Donnerstag 4.11.

Die Geschichte meiner Frau



Die turbulente Ehe zwischen einem verschlossenen Kapitän und einer eigensinnigen Salondame. Beziehungsdrama, das einen vielschichtigen Blick auf Geschlechterverhältnisse und die ihnen zugrunde liegenden Macht- und Ohnmachtsfantasien wirft

Kapitän Jacob Störr (Gijs Naber) fährt zur See und transportiert Güter auf Containerfrachtern. Passagiere sind nicht seine Sache und selbst die eigene Crew beobachtet der stattliche Seemann lieber aus der Entfernung seines gehobenen Kajütendecks. Dass Störr Schwierigkeiten hat, sich auf die Welt und das Leben einzulassen, versteht sein Kantinenchef auch in einem weiteren Sinne. Er rät ihm dazu, sich eine Frau zu suchen und zu heiraten. Wieder an Land, rutscht Störr der Gedanke daran als Scherz heraus. Lachend wettet er, dass er die erste Frau ehelichen wird, die durch die Tür des feinen französischen Restaurants kommt, in dem sie sitzen. Keiner glaubt ernsthaft daran, aber als die charismatische Lizzy (Lea Seydoux) auftaucht und sich allein an einen Tisch setzt, lässt sich der Kapitän zu einer Kurzschlussreaktion hinreißen...

Auf den ersten Blick wirkt die Geschichte um den Kapitän, der sich spontan eine Frau erwählt, wie eine weitere zeitgenössische Kritik an Geschlechterverhältnissen und ihren Machtdynamiken. Das greift jedoch viel zu kurz, wie im Verlauf des Films schnell deutlich wird. Denn Lizzy ist keineswegs eine hilflose, unterwürfige Frau, und ihre Einwilligung in den spontanen Bund mit dem Kapitän hat vielschichtige Motive. Fokussiert auf die Dialoge verfolgt das Drama hauptsächlich in kammerspielartigen Szenen die Entwicklung der beiden Protagonisten, ihre Spielchen und ihre Angst sich aufeinander einzulassen. Besonders atmosphärisch sind dabei die Passagen gelungen, die in der Hamburger Speicherstadt gedreht und in herbstlich-goldenes Licht getaucht sind. Fast drei Stunden dauern Enyedis Szenen einer Ehe und es braucht auch seitens der Zuschauer eine gewisse Hingabe und ein Interesse an psychologischen Dynamiken, um dem Film gerne zu folgen. Dann wird man jedoch mit einer komplexen Geschichte belohnt, die über den Unterhaltungswert hinaus zum Nachdenken über Kontrollzwang und Machtlosigkeit anregt.

Quelle: programmkino.de / Silvia Bahl


Ungarn/ Frankreich/ Deutschland 2021
Regie: Ildikó Enyedi
Buch: Ildikó Enyedi, nach dem Roman von Milán Füst
Darsteller: Léa Seydoux, Gijs Naber, Louis Garrel, Luna Wedler, Ulrich Matthes
169 Minuten
ab 12 Jahren


Voraussichtlich ab Donnerstag 4.11.

Bergman Island



Drama über ein Paar auf den Spuren von Ingmar Bergman, das einerseits Bergman-Hommage, vor allem aber ein verspielter Film über den Prozess des Filmemachens und – natürlich – auch ein Beziehungsfilm ist.

Mit der kleinen Autofähre, die vom größeren Gotland auf das winzige Fårö führt, setzen sie über: Chris (Vicki Krieps) und Tony (Tim Roth), Filmemacher, Paar und Eltern einer Tochter, die bei den Großeltern geblieben ist. Denn die Eltern wollen auf Bergmans Insel den Spuren des legendären Regisseurs folgen, Inspiration finden und an neuen Projekten arbeiten. Während ihr Mann Inspiration spürt, fühlt sich Chris durch die Präsenz Bergmans eingeschüchtert. Während Tony problemlos schreibt und im Bergman-Museum seine Filme zeigt, stromert Chris ziellos über die Insel und denkt mehr über sich und ihre Beziehung nach, als über ihren Film. Doch ist das nicht dasselbe? Bald beginnt sie Tony von ihrem Projekt zu erzählen, der von der Filmemacherin Amy (Mia Wasikowska) handelt, die für eine Hochzeit nach Fårö kommt und dort ihre Jugendliebe Joseph (Anders Danielsen Lie) wieder trifft. Sie verbringen die Nacht miteinander, doch es gibt keine Zukunft für das Paar. Nicht zuletzt, weil Amy inzwischen ein Kind mit einem anderen Mann hat.

2007 starb Ingmar Bergman auf Fårö und ist auf dem kleinen Kirchhof der Insel begraben. Sein ehemaliges Wohnhaus bietet inzwischen Künstlern an, Zeit auf der Insel zu verbringen und an Projekten zu arbeiten. Hier verbrachten auch Mia Hansen-Løve und ihr langjähriger Lebensgefährte, der Regisseur Olivier Assayas Zeit, arbeiteten so wie die Figuren in „Bergman Island“ an Projekten. Unzweifelhaft ist Hansen-Løves Film also autobiographisch, so wie die meisten ihrer bisherigen Filme mehr oder weniger von Menschen aus ihrem nächsten Umfeld inspiriert waren. Wie sehr „Bergman Island“ autobiographisch ist, darüber lässt sich reichlich spekulieren. Vor allem aber ist Hansen-Løve ein wunderbar reicher Film über das Wesen einer (bzw. mehrerer) Künstlerinnen gelungen, die in einer oft nur scheinbar freien Welt nach sich selbst und ihrem Gleichgewicht suchen. Dass „Bergman Island“ zudem eine leichte, verspielte Hommage an einen der Säulenheiligen des Kinos ist, macht ihn nur noch vielschichtiger.

Quelle: programmkino.de / Michael Meyns

Frankreich/ Belgien/ Schweden/ Deutschland/ Mexiko 2021
Regie & Buch: Mia Hansen-Løve
Darsteller: Vicky Krieps, Tim Roth, Mia Wasikowska, Anders Danielsen Lie, Melinda Kinnaman, Joel Spira
112 Minuten


Voraussichtlich ab Donnerstag 11.11.

Billie – Legende des Jazz



James Erskines Film über Billie Holiday ist ein Kinoerlebnis für alle Sinne. Er zeigt die Tragik ihres Lebens ebenso wie Billie Holidays Kampf gegen den Rassismus und spannt den Bogen bis heute.

Billie Holidays kurzes Leben ist von Anfang an ein erschreckendes Beispiel für die Verhältnisse in den USA zu einer Zeit, in der die schwarze Bevölkerung ganz offen unterdrückt und diskriminiert wird. Später kann sie kaum darüber sprechen. Aber sie kann singen – und wie! Einige ihrer Songs, die meisten werden im Film dankenswerterweise ausgespielt, werden nicht nur zu Hits, sondern zu unsterblichen Erinnerungen an eine Sängerin, die mit ihrem Sound und mit ihrer Stimme die Musiklandschaft der USA veränderte, aber auch das politische Leben mit beeinflusste. Billie Holiday, als Eleanora Fagan 1915 in Philadelphia geboren, wächst in einer Umgebung auf, die von Gewalt, Prostitution und Rassismus geprägt ist. Mit 13 geht sie mit ihrer Mutter nach New York und wird entdeckt, als sie in einem Club in Harlem singt. Sie wird die erste schwarze Frau, die mit einem weißen Orchester tourt – eine relativ kurze Episode, denn Billie Holiday wird in den Südstaaten mit rassistischen Beleidigungen konfrontiert, so dass sie die Tournee abbricht...

Der Filmemacher James Erskine (u. a. „Battle of the Sexes“, 2013) hatte das Glück, mehr als 200 Stunden Tonmaterial für eine geplante Billie Holiday-Biografie verwenden zu können, das aus den 70er Jahren stammte. Erst nach beinahe 40 Jahren wurden die Kassetten und Tonbänder wiederentdeckt. Jazzgrößen wie Count Basie oder Bobby Tucker sprechen darauf über Billie Holiday, ihr Leben und ihre Musik. James Erskine schafft Verbindungen bei der Frage, warum Billie Holiday in allem extrem war – offenbar war sie eine Vollblutkünstlerin, die nicht nur in ihrer Musik auf der Suche nach radikalen Empfindungen war. Doch vor allem ist es die ungewöhnliche, unverkennbare Stimme von Billie Holiday und sind es ihre unsterblichen Songs, die den Film zu einem unvergleichlichen und sehr bewegenden Erlebnis machen. Ihr ehemaliger Band-Kollege Al Avola sagt im Film: „Ihrer schönen Seele konnte sie nur singend Ausdruck geben.“ Ein Satz, so wahr und so traurig wie ihre Musik.

Quelle: programmkino.de / Gaby Sikorski




Dokumentation
Großbritannien 2019
Drehbuch und Regie: James Erskine
mit: Billie Holiday, Linda Lipnack Kuehl, Count Basie, Tony Bennett, Jimmy Fletcher, Bobby Tucker, Jimmy Rowles, Sylvia Syms
Kamera: Tim Cragg
Musik: Billie Holiday
Laufzeit: 97 Minuten
ab 12 Jahren


Voraussichtlich ab Donnerstag 11.11.

Lieber Thomas



Wer war Thomas Brasch? Am Ende des biographischen Porträts weiß man dank der mitreißenden Darstellung zumindest eins: Brasch war ein faszinierender, vielschichtiger, ambivalenter Mann und eine geradezu exemplarische Künstlerfigur.

Als Sohn eines hohen SED-Beamten wuchs der 1945 geborene Thomas Brasch (Albrecht Schuch) auf, durchaus privilegiert, aber nie ohne kritischen Blick auf seine Lebensumstände. Die Niederschlagung von Protestbewegungen in befreundeten sozialistischen Ländern empörte Brasch, Flugblätter wurden gedruckt, ein Gefängnisaufenthalt durch den Verrat des Vaters folgte. 1977 verließen er und seine damalige Freundin Katarina (Jella Haase) die DDR, offiziell freiwillig, vor allem aber, weil Brasch in seiner Heimat keine Texte veröffentlichen konnte. Ein Systemwechsel, der für die Künstlernatur Brasch nicht so groß war, wie es Außenstehende, gerade die Medien im westlichen Teil Deutschlands, gerne sehen wollten. Wie Brasch sich nun nicht instrumentalisieren, wie er sich nicht als Kritiker des DDR-Systems benutzen ließ, ist einer der interessantesten Aspekte seiner Biographie, die, so deutet es Kleinerts Film an, letztendlich zu seiner Isolation, der zunehmenden Flucht in Alkohol und Kokain führte.

Bisweilen zwangsläufig etwas episodisch ist das genau recherchierte Buch von Thomas Wendrich, viele Ereignisse wollen behandelt werden, Zeitsprünge zerstückeln den Fluss, Kapitel teilen den Film, das Leben Braschs ein. Zusammengehalten wird der große Bogen vom einmal mehr außerordentlichen Albrecht Schuch. Mit größtem Elan wirft er sich in die Rolle des Künstlers und Lebemann, dem die Frauen zu Füßen lagen, der seine rebellische Natur auslebte, dabei aber nicht nur gegen einfache Gegner austeilte, sondern auch kritisch mit sich und seiner Rolle im System umging. Besser gesagt: In beiden Systemen, denn weder in seiner ersten Lebenshälfte in der DDR, noch später in der BRD passte Thomas Brasch wirklich dazu, sah klar die Missstände der jeweiligen Systeme, wollte sich weder hier noch da vereinnahmen lassen. Nicht nur ein Film über einen Künstler ist „Lieber Thomas“, sondern auch ein Film über deutsche Verhältnisse, vor allem aber auch ein Film über den schwierigen und manchmal zerstörerischen Versuch, sich selbst treu zu bleiben.

Quelle: programmkino.de / Michael Meyns


Deutschland 2021
Regie: Andreas Kleinert
Buch: Thomas Wendrich
Darsteller: Albrecht Schuch, Jella Haase, Ioana Iacob, Jörg Schütauff, Anja Schneider, Marlen Ulonska
150 Minuten
ab 16 Jahren


Voraussichtlich ab Donnerstag 11.11.

Tick, tick...BOOM!



Kurz vor seinem 30. Geburtstag muss ein vielversprechender Theaterkomponist in New York City die Herausforderungen der Liebe, der Freundschaft und des Lebens meistern.

Jon ist ein aufstrebender Musical-Komponist und lebt in SoHo, New York. Er steht kurz vor seinem dreißigsten Geburtstag und sorgt sich über das Altern und seine bisherigen Leistungen und arbeitet notgedrungen als Kellner. Michael, Jons bester (homosexueller) Freund, gab die Schauspielerei für einen lukrativen Job in der Marktforschung auf. Seine Freundin Susan ist Tänzerin und unterrichtet „reiche und unbegabte Kinder“ in Ballet. Jon setzt sehr große Hoffnungen in sein neues Musical Superbia, dessen Workshop-Premiere unmittelbar bevorsteht. Während Susan mit Jon lieber aufs Land ziehen und eine Familie gründen möchte, ist für Jon klar, dass er es nur an den Broadway schaffen kann, wenn er in New York bleibt. Während Michael es durch seinen neuen Job zu einem gewissen Wohlstand gebracht hat, ist Jon bereit alle Entbehrungen auf sich zu nehmen, um an seinem großen Traum festhalten zu können.

“Tick, Tick… BOOM!” ist ein Musical des amerikanischen Komponisten Jonathan Larson (bekannt durch Rent). Tick, Tick… Boom erzählt die Geschichte des aufstrebenden Komponisten Jon, der im Jahr 1990 in New York lebt. Die Geschichte ist autobiographisch, wie Larsons Vater im Booklet der Cast Recording schreibt. Larson begann das Stück als Solo-Arbeit im Jahre 1990. Nach seinem Tod 1996 wurde es von dem Dramatiker David Auburn als drei Personen-Stück überarbeitet und hatte seine Premiere 2001 am Off-Broadway. Seitdem gab es eine London Produktion, eine US-amerikanische Tournee und zahlreiche weitere Produktionen.

Quelle: Wikipedia


USA 2021
Regie: Lin-Manuel Miranda
Darsteller: Andrew Garfield, Vanessa Hudgens, Bradley Whitford
115 Minuten


Voraussichtlich ab 14.11.

The Human Voice



Pedro Almodóvars erster englischsprachiger Kurzfilm ist eine moralische Lektion über das Begehren. Als Bonus gibt es eine Video-Zuspielung des Regisseurs

Eine Frau beobachtet, wie die Zeit vergeht - neben den gepackten Koffern ihres Ex-Geliebten (der sie abholen soll, aber nie erscheint) und einem rastlosen Hund, der nicht versteht, dass sein Herrchen ihn verlassen hat. Zwei Lebewesen, konfrontiert mit dem Verlassenwerden. Es folgen drei Tage vergeblichen Wartens, in denen die Frau nur einmal das Haus verlässt, um eine Axt und einen Kanister Benzin zu kaufen. Ihre Stimmung schwingt von Hilflosigkeit über Verzweiflung bis zum Kontrollverlust. In einem Moment perfekt angezogen, als würde die nächste Party warten, überlegt sie kurz darauf, sich vom Balkon zu stürzen. Als ihr Ex-Geliebter endlich anruft, liegt sie nach einem Medikamentencocktail bewusstlos auf dem Bett. Der Hund leckt ihr das Gesicht, bis sie wieder aufwacht. Nach einer kalten Dusche, belebt durch einen Kaffee, der so schwarz ist wie ihr Gemütszustand, klingelt das Telefon erneut, und dieses Mal kann sie abheben.

Pedro Almodóvars (“Parallele Mütter”, “Leid und Herrlichkeit”) 30-minütiger Kurzfilm “The Human Voice” basiert auf dem gleichnamigen Theaterstück von Jean Cocteau und ist zugleich das erste englischsprachige Werk des Regisseurs. Hauptdarstellerin Tilda Swinton (“A Bigger Splash”, “Orlando”), beeindruckt in der Hauptrolle der namenlosen Frau, der "menschlichen Stimme", die mit einem eindringlichen Monolog ein Gefühl des Schmerzes, der Einsamkeit und der Leere vermittelt. Die Adaption gleicht einem Experiment, einer Symbiose des Filmischen, des Theatralischen und der dahinterliegenden materiellen Realität des Fiktiven - und Almodóvar beweist dabei einmal mehr sein großes Gespür für formelle und bildliche Kompositionen.


Kurzfilm, Spanien 2020
Regie: Pedro Almodóvar
Darsteller: Tilda Swinton
Laufzeit: 30 Minuten
ab 12 Jahren


Voraussichtlich ab Donnerstag 18.11.

Eiffel in Love



Die Geschichte vom Bau des Eiffelturms. Eine Geschichte über gesellschaftliche Etikette, verbotene Gefühle und eine unerfüllte Sehnsucht. Opulent ausgestattet, mit liebevollen Details und beeindruckenden Aufnahmen

Erst sträubt sich Gustave Eiffel (Romain Duris), einen mehrere Hundert Meter hohen Turm in Paris zu bauen, dann – ganz plötzlich – ändert er seine Meinung und riskiert für den Bau sogar sein eigenes Vermögen. Angetrieben wird er dabei von der Liebe – zum Bau eines Monuments für die Menschheit, aber auch zu Adrienne (Emma Mackey), die er vor mehr als 20 Jahren traf, die er heiraten wollte und die dann verschwand. Nun ist sie als Angetraute eines anderen wieder in Eiffels Leben getreten – und er muss sich entscheiden: für die Liebe oder für sein größtes Werk.

Der deutsche Titel ergibt sich wohl aus „Shakespeare in Love“, Gemeinsamkeiten, die darüber hinausgehen, dass es um eine Romanze einer historischen Person geht, sind aber nicht vorhanden. Denn „Eiffel in Love“ ist deutlich mondäner gestaltet, weniger verspielt, immer etwas entrückt. Für die Geschichte nahm man sich Freiheiten. Dass Eiffel und Adrienne heiraten wollten, als er 28 und sie 18 war, ist ein Fakt, dass es nicht dazu kam auch. Es ist auch bekannt, dass beide sich später wieder sahen, aber sehr viel später, als der Film propagiert. Der Film stellt jedoch die Frage, was gewesen wäre, wenn sich beide vor dem Bau des Eiffelturms wiedergesehen hätten. Mehr noch: Was, wenn dieser Turm der immense Ausdruck für Gustaves Liebe gewesen wäre?

Quelle: programmkino.de / Peter Osteried


Frankreich 2021
Regie: Martin Bourboulon
Buch: Caroline Bongrand
Darsteller: Romain Duris, Emma Mackey, Pierre Deladonchamps
108 Minuten
ab 6 Jahren


Voraussichtlich ab Donnerstag 18.11.

Das Land meines Vaters



Die wahre Geschichte einer Familie auf dem französischen Land - konsequent ehrlich, berührend und wahrhaftig.

Pierre ist 25 Jahre alt, als er aus Wyoming zurückkehrt, um mit seiner Verlobten Claire den Hof seines Vaters in der französischen Heimat zu übernehmen. Der junge Landwirt strotzt nur so vor neuen Ideen und Tatendrang, wohingegen sein Vater Jacques nur schwer loslassen kann. Zwanzig Jahre später ist der Betrieb gewachsen und mit ihm die Familie. Doch die glücklichen Tage der gemeinsamen Hingabe für Hof und Land gehören bald der Vergangenheit an. Denn trotz aufopferungsvoller harter Arbeit bis hin zur Erschöpfung und der tatkräftigen Unterstützung von Claire und den beiden Kindern wachsen die Schulden – und mit ihnen Pierres Verzweiflung.

Inspiriert vom Leben seines Vaters erzählt Regisseur Edouard Bergeon mit seinem Nummer-1-Hit aus Frankreich eine universelle Geschichte der Generationen zwischen Lebensträumen und Existenzsorgen. In großen Landschaftsbildern wirft das bewegende wie hochaktuelle Spielfilmdebüt mit einem überragenden Guillaume Canet in der Hauptrolle einen zutiefst menschlichen Blick auf die dramatischen Arbeitsbedingungen der Landwirte und den Preis unserer Nahrung. Die Deutsche Film- und Medienbewertung (FBW) hat den Kinofilm mit dem Prädikat „Besonders wertvoll“ ausgezeichnet und schreibt in der Jury-Begründung: „Bemerkenswert ist die Vielschichtigkeit der Emotionen, die sorgsame Balance zwischen Momenten voller Freude und Episoden der Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung. “Das Land meines Vaters” ist ein Film, der zum Diskutieren und Nachdenken anregt.“

Frankreich, Belgien 2019
Regie: Edouard Bergeon
Darsteller: Guillaume Canet, Veerle Baetens, Anthony Bajon
Laufzeit: 104 Minuten
ab 12 Jahren


Voraussichtlich ab Donnerstag 18.11.

Große Freiheit



Der berüchtigte §175 kriminalisierte Homosexualität. Ausgehend von diesem Justizskandal erzählt Sebastian Meise von zwei Männern, die sich über Jahre immer wieder im Gefängnis begegnen – und sich nach Jahrzehnten verlieben.

1968. Zwei Jahre Zuchthaus bekommt Hans (Franz Rogowski) aufgebrummt, nachdem er beim Sex mit einem Mann auf einer öffentlichen Toilette gefilmt wurde. Nicht zum ersten Mal, denn Hans ist ein sturer Bock und will sich von Nichts und Niemandem sagen wie er zu leben und schon gar nicht wen er zu lieben hat. Im Bau begegnet er Viktor (Georg Friedrich), nicht zum ersten Mal wie sich bald zeigt. 1945 waren die beiden Männer bereits Zellengenossen, Viktor am Anfang einer langen Strafe wegen eines aus Eifersucht begangenen Totschlags und Hans weil er Männer liebt. So homophob sich Viktor anfangs gezeigt hatte: Das Hans direkt aus einem Konzentrationslager in ein Gefängnis der Alliierten überstellt wurde, das schockiert ihn doch. Eine erste Berührung, ein erster intimer Moment geschieht, als Viktor Hans dessen in den Arm gestochene Nummer mit einem Tattoo überdeckt...

Ein wenig konstruiert mutet der lange Zeitraum der Geschichte zwar an, geboren aus dem Wunsch, den Übergang vom Dritten Reich zur Bundesrepublik ebenso zu erzählen, wie die Entkriminalisierung von Homosexualität im Jahre 1969. Aber das Konstrukt funktioniert, gerade auch weil Sebastian Meise in seinem zweiten Spielfilm die Mauern des Gefängnisses nur ganz am Ende verlässt. Auch die Kleidung der Gefangenen bleibt über die Jahre gleich und selbst Viktor und Hans altern zwar, doch fast unmerklich, der dezente Einsatz von der jeweiligen Zeit entsprechenden Haaren und Frisuren deutet auch hier einen Stillstand an, der am Ende tragisch wird. So sehr sind diese beiden Männer in ihren Rollen verharrt, Rollen, in die sie vom System gezwungen wurden, dass sie wirkliche Freiheit kaum ertragen können. In manchen Momenten erinnert das an Texte von Jean Genet, an große Gefängnis-Filme, in denen die ganz eigene Subkultur dieses Ortes lebendig wird. Nicht zuletzt dank des herausragenden Darstellerduos Franz Rogowski und Georg Friedrich, die in den beengten Zellen eine ganz besondere, sich über lange Jahre entwickelnde Liebesgeschichte zum Leben erwecken.

Quelle: programmkino.de / Michael Meyns

Deutschland/Österreich 2021
Regie: Sebastian Meise
Buch: Thomas Reider & Sebastian Meise
Darsteller: Franz Rogowski, Georg Friedrich, Anton von Lucke, Thomas Prenn
116 Minuten
ab 16 Jahren


Voraussichtlich ab Donnerstag 18.11.

Mein Sohn

Leises Roadmovie über eine komplexe Mutter-Sohn-Beziehung, in dem Anke Engelke neben Shootingstar Jonas Dassler ein neues Spektrum ihres Könnens zeigt

Der schwere Skateboard-Unfall ihres draufgängerischen Sohns Jason (Jonas Dassler) ist eine Zäsur im Leben der Fotografin Marlene (Anke Engelke). Als klar wird, wie schwerwiegend Jasons Verletzungen sind, kann nur eine spezielle Reha in der Schweiz helfen. Marlene entschließt sich, ihren Sohn selbst von Berlin quer durch Deutschland dorthin zu fahren. Während Marlene eine klare Route im Kopf hat, setzt Jason alles daran, seine Mutter davon zu überzeugen, dass sich das Leben vor allem auf Umwegen abspielt. Mutter und Sohn ringen um Nähe und Distanz, reiben sich an ihren unterschiedlichen Vorstellungen, enttäuschen ihre jeweiligen Erwartungen und landen unweigerlich in alten Konflikten. Marlene fällt es schwer, ihre Angst um Jason zu kontrollieren, während der sich offensichtlich vor nichts zu fürchten scheint. Der Gegensatz könnte nicht größer sein. Schleichend bricht sich etwas aus der Vergangenheit Bahn. Und mit jedem Kilometer, den sie fahren, nimmt dieses Unausgesprochene mehr und mehr Raum ein.

Mit genauem Gespür für leise Zwischentöne, feinen Humor und die unerträgliche Leichtigkeit des Seins legt Lena Stahl mit “Mein Sohn” ihr Kino-Spielfilmdebüt vor. Das fesselnde Roadmovie erzählt vom Prozess des Loslassens in einer ebenso liebevollen wie spannungsgeladenen Mutter-Sohn-Beziehung. Anke Engelke zeigt in einer dramatischen Kinohauptrolle ein neues Spektrum ihres Könnens und sich selbst als erstklassige Schauspielerin, an ihrer Seite eines der profiliertesten jungen Talente, Shootingstar Jonas Dassler. Mit treffsicheren Dialogen und so präzise wie liebevoll gezeichneten Figuren greift dieses Arthouse-Drama ein universelles Thema auf und beleuchtet, wie Eltern und erwachsene Kinder sich im Laufe des Lebens immer wieder neu begegnen und ihre Beziehung neu definieren müssen. Mein Sohn ist ergreifendes, oft lustiges und mitreißend gespieltes Unterhaltungskino!

Deutschland 2021
Regie: Lena Stahl
Darsteller: Anke Engelke, Jonas Dassler, Hannah Herzsprung
94 Minuten
ab 12 Jahren


Voraussichtlich ab Donnerstag 18.11.

Tagundnachtgleiche


Ungewöhnlicher, atmosphärisch starker Film über einen Mann, der sich in der Sehnsucht nach seiner verlorenen Liebe aufzugeben droht. Gelungenes, sowohl von Kitsch als auch von Ironie befreites Kinodebüt

Alexander lebt allein, er hat gelegentliche Techtelmechtel mit einer Kneipenwirtin, und er repariert hauptberuflich Fahrräder. Gegenüber wohnt eine junge Frau, die er eines Tages trifft, als er aus dem Haus kommt. Er geht ihr nach und stellt fest, dass sie in einem Haus verschwindet – offenbar in einem Varieté-Theater mit dem Namen „Tagundnachtgleiche“. Sie verzaubert Alexander mit ihrem Auftritt, so dass er sie nach der Vorstellung unbedingt wiedersehen will. Gemeinsam mit anderen Künstlern feiern die beiden eine wilde Party, die schließlich im Bett endet. So weit, so gut, so üblich. Doch damit endet schon alles, was in der Kategorie Liebesfilm zum Standard gehört. Ab jetzt wird es ungewöhnlich, denn die Varietékünstlerin Paula stirbt bei einem Unfall nach der Liebesnacht...

Mit sehr wenig Dialogen und einem ausgeklügelten visuellen Konzept findet Lena Knauss nicht nur zu Bildern einer ungewöhnlichen Liebe, sondern auch zu einem eindringlichen eigenen Stil, in dem sie die Lebensphilosophie der Thirtysomethings relativ schonungslos entlarvt. Alexander mischt in der Erinnerung immer mehr Wirklichkeit und Fantasie, er träumt sich seine Liebe zurecht – hier wird die romantische Vorstellung von einer Beziehung zwischen Mann und Frau gleichzeitig persifliert und konterkariert. Lena Knauss spielt dafür mit Traumsequenzen und Rückblenden, die manchmal erfunden, manchmal tatsächlich passiert sind. So schafft sie eine eigenartige, beinahe dekonstruktivistische Stimmung zwischen Fantasie und Wirklichkeit, die umso stärker wirkt, weil die Hauptfigur ein Mann ist. Thomas Niehaus spielt diesen Mann auf der Suche nach Identität, der großen Liebe und dem Sinn des Lebens mit feiner, leiser Melancholie. Die wunderbar ausgewählte Musik (Komposition: Moritz Schmittat) und die fantastische Kameraarbeit von Eva Katharina Bühler übernehmen wichtige dramaturgische Aufgaben und sorgen mit für eine eigenwillige, aber irgendwie faszinierende Atmosphäre, die zusammen mit einem ausgeklügelten Drehbuch und einer gekonnten Inszenierung den Film zu einem sehr sehenswerten Erlebnis macht.

Quelle: programmkino.de / Gaby Sikorski



Deutschland 2020
Buch und Regie: Lena Knauss
Darsteller: Thomas Niehaus; Sarah Hostettler; Aenne Schwarz; Godehard Giese; Ines Marie Westernströer
110 Minuten
ab 16 Jahren
Kinostart: 18.11.2021


Voraussichtlich ab Donnerstag 18.11.

The Power of the Dog


Zwei Brüder teilen sich vierzig Jahre lang ein Zimmer, bis die Entscheidung des einen, eine Witwe zu heiraten, ihre traute Zweisamkeit beendet und zu einem unerbittlichen Bruderkrieg führt

Die Brüder Phil und George Burbank besitzen in den 1920er Jahren gemeinsam eine große Ranch in Montana. Als George heimlich die Witwe Rose heiratet, führt ein wütender Phil einen unerbittlichen Krieg, um sie zu vernichten, indem er ihren Sohn Peter als Schachfigur benutzt.

Der Film basiert auf dem Roman “The Power of the Dog” von Thomas Savage aus dem Jahr 1967. In Psalm 22, dem Bibelvers, von dem Savages Buch seinen Titel erhielt, heißt es: „Entreiß mein Leben dem Schwert, aus der Gewalt der Hunde mein einziges Gut! Rette mich vor dem Rachen des Löwen und vor den Hörnern der Büffel! – Du hast mir Antwort gegeben. Ich will deinen Namen meinen Brüdern verkünden, inmitten der Versammlung dich loben.“ Benedict Cumberbatch und Jesse Plemons spielen in den Hauptrolle die Brüder Phil und George Burbank, Kirsten Dunst, Plemons Verlobte, übernahm die Rolle von Rose. In weiteren Rollen sind Kodi Smit-McPhee als Rose Sohn Peter und Thomasin McKenzie in der Rolle von Lola zu sehen. Keith Carradine und Alison Bruce spielen Governor Edward und seine Frau. Die Dreharbeiten fanden ab Anfang 2020 in der Otago Region auf der Südinsel Neuseelands statt, unter anderem in der Stadt Dunedin und in der Maniototo Plain. Als Kamerafrau fungierte Ari Wegner. Die Filmmusik wurde von Jonny Greenwood, einem Mitglied der Rockband Radiohead, komponiert.

Quelle: Wikipedia

Australien, USA 2021
Regie: Jane Campion
Darsteller: Thomasin McKenzie, Benedict Cumberbatch, Kirsten Dunst
126 Minuten


Voraussichtlich ab Donnerstag 25.11.

À la carte! – Freiheit geht durch den Magen

Die (fiktive) Erfindung des Restaurants als Ort der genussvollen Begegnung von Arm und Reich – eine Fabel über Liberté, Égalité und Fraternité kurz vor der französischen Revolution. Appetitlicher Gute-Laune-Film, leicht und fluffig wie ein Soufflé, aber immer mit ein bisschen Biss.

1789, einige Wochen vor der Französischen Revolution. Die Adeligen mit ihren gepuderten Gesichtern und toupierten Perücken halten Hof und versuchen, ihre Langweile zu vertreiben und sich gegenseitig zu imponieren. Da trifft es sich gut für den Herzog von Chamfort, dass er mit seinem überaus talentierten Koch prahlen kann, der die ach so feine Gesellschaft mit immer neuen kulinarischen Genüssen versorgt. Doch eines Tages wagt es dieser, eine kleine neue Köstlichkeit zu präsentieren – aus Kartoffeln! Kartoffeln, die doch nur Schweine fressen – will er etwa die feine Gesellschaft brüskieren? Und so findet sich der große Koch Manceron auf einmal auf seinem kleinen elterlichen Hof wieder und muss dünne Maronensuppe löffeln. Bis eines Tages Louise vor der Tür steht, eine Frau, die seine Rezepte kennt und unbedingt bei ihm das Kochen lernen will. Sie hat so einige neue Ideen im Kopf, etwa dass nicht nur die Hochwohlgeborenen, sondern ein jeder Mann und eine jede Frau das Recht hat, in einem Restaurant mit gutem Essen und Trinken bewirtet zu werden. Aber sie hütet auch ein Geheimnis, das für den Herzog, aber auch für Manceron gefährlich werden könnte...

Schon bei „Birnenkuchen mit Lavendel“ wusste Regisseur Èric Besnard, wie man mit schönen Wendungen und einem liebevollen, warmherzigen Blick auf die Protagonisten das Publikum bezaubern kann. Das zeichnet auch „À la carte!“ aus, der mit prachtvollen Bildern beginnt und immer wieder Tableaus von Speisen und gedeckten Tischen anrichtet wie Stilleben großer alter Meister. Und so sinnlich die Zubereitungen zelebriert werden, so charmant und durchaus auch humorvoll entwickelt sich die Geschichte, bei der man am Ende gelernt hat, dass in ein Restaurant zu gehen einstmals ein geradezu demokratischer Akt war. So ist der Film nicht nur eine kurzweilige, charmante Geschichtsstunde, sondern auch eine genussvolle Einladung an alle, die gerne essen – und natürlich noch mehr an die, die gerne kochen. Liberté, égalité, délicieux.

Quelle: programmkino.de / Hermann Thieken


Frankreich 2021
Regie: Éric Besnard
Mit Grégory Gadebois, Isabelle Carré, Benjamin Lavernhe, Christian Bouillette.
112 Minuten
ohne Altersbeschränkung


Voraussichtlich ab Donnerstag 25.11.

Hannes



Als sein bester Freund im Koma liegt, beschließt Moritz dessen Leben weiterzuführen. Berührende Verfilmung von Rita Falks bislang persönlichtem Buch.

Seit ihrer Geburt sind Moritz (Leonard Scheicher) und Hannes (Johannes Nussbaum) unzertrennliche Freunde, auch wenn die beiden 19-jährigen unterschiedlicher nicht sein könnten. Der lebenslustige Hannes, der sein Leben voll und ganz im Griff hat und Moritz der Träumer, der immer in irgendwelchen Schwierigkeiten steckt. Bis zu dem Tag, der alles verändert: Bei einem gemeinsamem Motorradausflug wird Hannes schwer verletzt und niemand weiß, ob er je wieder aus dem Koma erwachen wird. Doch Moritz glaubt fest daran, dass er es schafft und beschließt, das Leben des besten Freundes an seiner Stelle weiterzuleben. Zwischen Hoffen und dem Gefühl eines großen Verlusts, verspürt Moritz einen unbändigen Hunger nach Leben, Liebe und tiefer Freundschaft...

Rita Falks Roman "Hannes" erschien im April 2012 bei dtv. Er erzählt eine ganz besondere Geschichte über das Leben, die Kraft der Hoffnung, über Treue und Verrat. Vor allem aber über eine unsterbliche Freundschaft. Tiefgründig und berührend erzählt Bestseller-Autorin Rita Falk ihre vielleicht wichtigste Geschichte. Die Dreharbeiten fanden in Bayern, Italien und Spanien statt. „Hannes ist einfach mein persönlichstes Buch“, so SPIEGEL-Bestseller-Autorin Rita Falk. Seit 2012 erobert ihr „Hannes“ die Herzen der Leser – und nun auch die große Leinwand! Die Geschichte einer unsterblichen Freundschaft ist zugleich auch eine Erzählung über Verlust und Abschied, Abenteuer und Lebenslust und wurde von Regisseur Hans Steinbichler („Das Boot“, „Das Tagebuch der Anne Frank“, „Eine unerhörte Frau“) inszeniert.


Deutschland 2020
Regie: Hans Steinbichler
Darsteller: Leonard Scheicher, Johannes Nussbaum, Lisa Vicari
91 Minuten
ab 12 Jahren


Voraussichtlich ab Donnerstag 25.11.

Hope - Hoffnung



Drama über einen unterkühlten Künstler, dessen Partnerin die fatale Diagnose bekommt: Hirntumor. Weniger gängige Krankheitsgeschichte, vielmehr wird der Krebs zum Katalysator, sich über verdrängte Probleme der langjährigen Beziehung Gedanken zu machen.

Einen Tag vor Weihnachten bekommt Anja völlig überraschend die schreckliche Diagnose: Gehirntumor, der unheilbar ist. Den Lungenkrebs hatte die Künstlerin im Jahr zuvor besiegt geglaubt, nun sorgen Metastasen für den neuen Schicksalsschlag. „Ich habe es immer gefühlt“, sagt sie ihrem Partner, der so schockiert ist, das er nicht mehr weiß, wo er vor dem Krankenhaus geparkt hat. Den Kindern will die Mutter die schrecklichen Neuigkeiten verschweigen, schließlich ist Weihnachten. „Du musst mich nicht lieben, weil ich sterbe. Aber ich muss wissen, ob du mir hilfst“, fordert sie von Tomas. Dies ist erst der Anfang einer ebenso langen wie unerbittlichen Reflektion über die langjährige Beziehung des Paares, bei der vieles offenkundig verdrängt und verschwiegen wurde.

Regisseurin Maria Sødahl weiß, wovon sie erzählt. Schließlich handelt es ich um ihre eigene Geschichte, diese Wahrhaftigkeit ist in jeder Szene und jedem Dialog spürbar und sie verleiht dem Drama eine ganz besondere Komponente. Formal setzt sie bei der Inszenierung auf bewusste Schlichtheit, fast fühlt man sich wie in einem „Dogma 95“-Film: Keine Ausleuchtung. Keine Kulissen. Kein Soundtrack, der auf die Tränendrüsen drückt. Stattdessen die klare Reduktion auf das Wesentliche. Sei es bei den rigorosen Reflektionen des Paares über ihre langjährige Beziehung. Oder bei jener Professionalität des medizinischen Betriebs, bei dessen Räderwerk bisweilen die Empathie für die Patienten verloren geht. Mit der Norwegerin Andrea Bræin Hovig und dem Schweden Stellan Skarsgård gerät die Besetzung zum Glücksfall. Beide Figuren sind nicht unbedingt die ganz großen Sympathieträger. Die chronische Gereiztheit, die vielfachen Vorwürfen, die melancholische Grundstimmung machen den Zugang nicht gerade einfach. Doch dem Schauspiel-Duo gelingt es mit meisterhaftem Facettenreichtum und großer Glaubwürdigkeit, das Publikum auf dieser existenziellen Reise mitzunehmen. Gewiss kein Feelgood-Movie, aber ein ambitioniertes Arthaus-Drama der nachhaltigen Art, das sich lohnt - nicht nur wegen Stellan Skarsgård.

Quelle: programmkino.de / Dieter Oßwald

Norwegen, Schweden 2019
Regie: Maria Sødahl
Darsteller: Andrea Bræin Hovig, Stellan Skarsgård, Elli Müller Osborne
123 Minuten


Voraussichtlich ab Donnerstag 25.11.

In den Uffizien



Sie gilt als Vorbild aller Kunstsammlungen: die Uffizien in Florenz. In ihrem Dokumentarfilm gehen Corinna Belz und Enrique Sánchez Lansch ihrem Geheimnis auf die Spur

„Ich habe fast alles gesehen, was Florenz an Kunstsachen enthält. Man könnte wohl mit großem Nutzen einige Zeit hier verweilen“, notierte schon Goethe über die Kunstsammlung der Medici in Florenz: die Uffizien. Seit 2015 wird die weltweit bedeutendste Sammlung an Renaissancekunst, eine Ikone der italienischen Kultur, von einem deutschen Museumsdirektor geleitet. Eike Schmidt wirbt um Sponsoren, gestaltet Räume neu und hat, mit der ihm eigenen Mischung aus Autorität, Aufmerksamkeit und Humor ein eingeschworenes Team um sich geschart.

„In den Uffizien” zeigt die ungebrochene Anziehungskraft des Museums und die Arbeit hinter den Kulissen als eine kollektive Anstrengung, eine nie endende, passionierte Sorge um die Erhaltung jahrhundertealter Meisterwerke bei gleichzeitiger Neuerung. Alles atmet in diesen Sälen und Fluren Geschichte, jede Handlung wird zum Ritual. Während des Aufbaus einer Ausstellung mit zeitgenössischen Skulpturen des Britischen Künstlers Antony Gormley erleben wir, wie sensibel und konfliktgeladen solche Versuche sind. Es geht um jeden Zentimeter - europäische Zusammenarbeit ‘en miniature’. Und immer wieder löst sich die Kamera aus dem Alltagsgeschehen und taucht in die Bildwelten an den Wänden ein. Leonardo da Vincis “Anbetung der Könige”, Botticellis “Frühling”, Tizians „Venus von Urbino“, Artemisia Gentileschis “Judith und Holofernes”. Die fallenden Körper im “Engelssturz” von Andrea Commodi erinnern uns schmerzhaft an unsere eigene Hybris und Verletzlichkeit. Wir begegnen einem ungeheuren Überfluss an Schönheit, der politische Machtwechsel, zwei Weltkriege und Seuchen überstand. Die Zeiten waren selten friedlich aber - und darin liegt die eigentliche Hoffnung des Films - am Ende hat nicht Mars, sondern Venus und mit ihr die Liebe zur Kunst das letzte Wort.


Dokumentation
Deutschland 2021
Regie: Corinna Belz, Enrique Sánchez Lansch
100 Minuten
ohne Altersbeschränkung


Voraussichtlich ab Donnerstag 25.11.

The Unforgivable


Ruth Slater tritt nach dem Absitzen ihrer Strafe wieder in die Gesellschaft ein. Diese weigert sich, ihr und ihrer Vergangenheit zu vergeben.

Ruth Slater (Sandra Bullock), die für den Mord an zwei Polizisten zu 15 Jahren Haft verurteilt wurde, versucht nach dem Absitzen ihrer Strafe, sich ein neues Leben aufzubauen. Doch kaum ist sie aus dem Gefängnis entlassen, beginnen die Verwandten der beiden getöteten Polizisten sie zu bedrohen und ihr das Leben zur Hölle zu machen. Auch sonst heißt man sie in ihrer ehemaligen Heimat nicht mehr willkommen. Ein Ausweg scheint verbaut, doch die Hassattacken nehmen immer weiter zu. Nun bleibt Ruth auf der Suche nach einem Weg zurück in die Gesellschaft nur noch ein Ausweg: Die Suche nach ihrer jüngeren Schwester, die sie vor vielen Jahren aus den Augen verloren hat, soll ihre letzte Rettung sein. Allerdings gestaltet sich die Suche nach dem verlorenen Familienmitglied schwieriger als erwartet nach den vielen Jahren in Haft.

Nach ihrem fulminanten Langfilmdebüt “Systemsprenger” meldet sich Regisseurin Nora Fingscheidt mit der Spielfilmadaptation der dreiteiligen BBC-Serie “Unforgiven” auf der Leinwand zurück. Das Drehbuch wurde gemeinsam von Peter Craig, Hillary Seitz und Courtney Miles geschrieben und ist mit Sandra Bullock in der Hauptrolle besetzt.

Großbritannien, Deutschland u.a. 2021
Regie: Nora Fingscheidt
Darsteller: Sandra Bullock, Jon Bernthal, Vincent DOnofrio
112 Minuten


Voraussichtlich ab Donnerstag 25.11.

Das schwarze Quadrat



Leicht fällt es, sich über manche Absurdität des Kunstbetriebs lustig zu machen, der sich oft allzu ernst nimmt. Genau darum geht es in Autor und Regisseur Peter Meisters Regiedebüt.

Den zwei Kunstdieben Vincent (Bernhard Schütz) und Nils (Jacob Matschenz) ist der große Coup gelungen: Sie haben Kasimir Malewitschs legendäres futuristisches Gemälde Schwarzes Quadrat gestohlen. Der Verkauf der Stilikone des 20. Jahrhunderts soll nun ausgerechnet auf einem Kreuzfahrtschiff erfolgen. Doch der Komplize mit den Tickets taucht nicht auf und so fällt das Duo eine folgenschwere Entscheidung: Sie überfallen zwei Männer und stehlen deren Tickets, Koffer – und Jobs. Als Doppelgänger von Elvis Presley und David Bowie sollen sie das Vergnügungswillige Publikum bespaßen, doch da Vincent und Nils weder aussehen wie die Vorbilder, noch singen können, ist die Irritation groß. Besonders die Bordpianistin Mia (Pheline Roggan) schöpft schnell verdacht und stößt bald auf das versteckte Gemälde. Kurzerhand malt Vincent eine neue Version, ein schwarzes Quadrat zu malen kann schließlich jedes Kind, doch auch diese zweite Version verschwindet bald und so entsteht eine dritte. Ob sich Martha (Sandra Hüller), die Komplizin der russischen Auftraggeber jedoch von so einer plumpen Fälschung täuschen lässt, ist eine offene Frage.

„Ist das Kunst oder ist das weg?“ wird auf dem Plakat von Peter Meisters Debütfilm „Das Schwarze Quadrat“ gefragt, in Abwandlung der beliebt-ironischen Frage: „Ist das Kunst oder kann das weg?“, die andeuten soll, dass manche Kunst angeblich nicht als Kunst wahr zu nehmen oder gar ernst zu nehmen ist. Ein Kreuzfahrtschiff als Mikrokosmos, wo unterschiedliche Charaktere notgedrungen auf relativ beengtem Raum ein paar Tage gemeinsam verbringen und angesichts des gleichmäßigen Wellengangs zunehmend nach ein bisschen Abwechslung und wenn möglich Spannung lechzen.

Quelle: programmkino.de / Michael Meyns


Deutschland 2021
Regie & Buch: Peter Meister
Darsteller: Bernhard Schütz, Jacob Matschenz, Sandra Hüller, Victoria Trauttmansdorff, Pheline Roggan
105 Minuten


Voraussichtlich ab Donnerstag 16.12.

Der Schein trügt

Stojan ist ein unbescholtener Mann, fürsorglicher Familienvater und sehr bescheiden. Ein Kurzschluss der Glühbirne bringt ihm unverhoffte Erleuchtung: ein Heiligenschein ziert plötzlich Stojans Haupt. Er wird zu der Attraktion in der Nachbarschaft und stellt das beschauliche Leben seiner Familie auf den Kopf. Stojans Frau Nada ist vom Trubel schnell genervt. Das Ding muss weg und eine Mütze ist bekanntlich keine Dauerlösung. Doch nachdem auch gründliches Haarewaschen nichts bringt, verdonnert sie ihren Mann zu einem ausgiebigen Curriculum in Sachen Sünde. Ein bisschen Völlerei hier, ein wenig Ehebruch dort. Von derlei Tricksereien lässt sich der edle Nimbus nicht beeindrucken. Stojan ackert sich durch alle Todsünden - und findet schließlich Gefallen an der Grausamkeit. Und nicht nur er. Je herzloser Stojan seinen Vorteil ausnutzt, umso bereitwilliger wird er von den Nachbarn als moralische Instanz akzeptiert. Es stellt sich heraus: der schöne Schein überstrahlt auch noch den schlimmsten Frevel.

Die Geschichte von Stojans Aufstieg ist nur der spektakuläre Auftakt zu Srdjan Dragojevics in drei Episoden geteilte Satire DER SCHEIN TRÜGT, in dem neben scheinheiligen Heiligenscheinen auch die lange Leitung zu Gott und essbare Kunstwerke eine Rolle spielen. Dem PARADA-Regisseur gelingt nichts weniger als eine so furiose wie groteske Bestandsaufnahme des post-sozialen Europas, eine hinterlistige, äußerst kurzweilige und sehr schlaue Abrechnung mit der Macht der Bilder und der Lust an der Projektion.

Serbien 2020
Regie: Srdjan Dragojevic
Darsteller: Goran Navojec, Bojan Navojec, Ksenija Marinkovic
120 Minuten