Geplante Erstaufführungen in den nächsten Wochen:

voraussichtlich ab Donnerstag 23.9.
Trans - I Got Life
Helden der Wahrscheinlichkeit
Mitgefühl – Pflege neu denken
Schachnovelle
Toubab
Dogs Dont Wear Pants
voraussichtlich ab Donnerstag 30.9.
Träum weiter! - Sehnsucht nach Veränderung
Keine Zeit zu sterben - No Time to Die (engl. OmU)

voraussichtlich ab Donnerstag 7.10.
Der wilde Wald - Natur Natur sein lassen
Nowhere Special
Titane
Töchter
voraussichtlich ab Donnerstag 14.10.
Resistance - Widerstand
Dear Future Children
Supernova
voraussichtlich ab Donnerstag 21.10.
The French Dispatch
Cry Macho
Ottolenghi und die Versuchung von Versailles
Walchensee forever
voraussichtlich ab Donnerstag 28.10.
Borga
Contra
Online für Anfänger

Voraussichtlich ab Donnerstag 23.9.

Trans - I Got Life

Die Dokumentarfilmerinnen Imogen Kimmel und Doris Metz stellen Menschen vor, die den schwierigen Weg der Geschlechtsumwandlung gehen: Empathie als Waffe gegen Diskriminierung.

Selten freut sich jemand so sehr auf eine bevorstehende Operation. Die junge Russin, im Moment noch ein Mann, sehnt nichts so sehr herbei wie den Eingriff, der sie ein Stück weiblicher macht. Als sie das Krankenhaus verlässt, fängt sie noch vor dem Eingang an zu tanzen, ruft „Freedom“, ist ganz außer sich. Dabei ist ihr Kopf noch mumienhaft verbunden, ihr Körper sieht schwach aus. Aber unter dem Verband an der Stirn und am Kinn verbergen sich Veränderungen, die den Weg in ein neues Leben einleiten. In Russland, so erfahren wir, ist es überlebenswichtig, zu allererst die Gesichtszüge zu feminisieren. Wer auf der Straße als Trans-Frau erkannt wird, weil die typisch männlichen Züge das ehemalige Geschlecht verraten, muss um Leib und Leben fürchten.

So übel ergeht es den sieben anderen Protagonisten nicht, die die Regisseurinnen Imogen Kimmel und Doris Metz dem Publikum vorstellen. Aber mit gesellschaftlichen Vorurteilen haben sie alle zu kämpfen, egal in welchem Stadium sie sich befinden, ob noch halb Mann und halb Frau, ob mehrmals operiert oder ob noch ganz am Anfang stehend. Bewundernswert ist das Vertrauen, das sich die Regisseurinnen erworben haben. Intimste Dinge werden wie selbstverständlich angesprochen – ein Beweis für die große Einfühlungskraft in eine Lage, die wohl nur ein selbst Betroffener vollständig begreifen kann. „Trans – I got Life“ stellt den einzelnen Menschen in den Mittelpunkt, ohne das große Ganze aus dem Blick zu verlieren, etwa das mangelnde Verständnis der Gesellschaft. Wenn am Ende fast alle zu einem festlichen Ball zusammenkommen, rundet sich das Bild auf stimmige Weise. Sie tanzen Walzer, so beschwingt wie die Tonlage des ganzen Films.

Dokumentarfilm
Deutschland, Russland 2021
Regie: Doris Metz, Imogen Kimmel
96 Minuten
ab 6 Jahren


Voraussichtlich ab Donnerstag 23.9.

Helden der Wahrscheinlichkeit



Ein Mann will Rache für den vermeintlichen Unfalltod seiner Frau. Ein brillant erzählter Rachefilm für den intelligenten Zuschauer, der für jeden etwas bietet.

Das Leben ist eine Abfolge von Ereignissen, die einander begünstigen. Dass in Tallin ein Fahrrad bestellt wird, führt in Dänemark zum Diebstahl eines solchen Fahrrads – und ist Auslöser einer Ereigniskette. Denn Mathilde kann nicht mit dem Fahrrad fahren, also fährt ihre Mutter sie. Aber das Auto springt nicht an, also nehmen sie die Bahn. Dort bietet Otto der Frau seinen Sitzplatz an. Wenige Sekunden später kommt es zum verheerenden Unfall, bei dem sie stirbt. Aber Otto, ein Wissenschaftler, der sich auf Wahrscheinlichkeitstheorie festgelegt hat, glaubt nicht an die Zufälligkeit dieser Tragödie. Er glaubt, jemand hat einen Anschlag verübt und tritt mit dieser Theorie an den Witwer, einen Veteranen, heran. Der Beginn eines Rachefeldzugs.

Die Grundidee des Films könnte man vielleicht so beschreiben: Was würde John Wick tun, wenn er seinen Rachefeldzug zusammen mit den Nerds aus „The Big Bang Theory“ durchziehen müsste? Eine mehr als schräge Prämisse, die ganz typisch für Anders Thomas Jensen ist. Seine Geschichten sprühen in der Regel vor schwarzem Humor. Das ist auch hier so. Es ist eine grimmige Geschichte, in der die Mechanismen eines Dramas auf die eines Actionfilms stoßen und das Ganze mit einer Komik unterfüttert ist, die wirklich beißend ist. Bei einem geringeren Autor und Regisseur könnte eine solche Melange schnell scheitern, bei Jensen wird daraus ein wuchtiger Film, der Genre-Grenzen einreißt und praktisch für jeden etwas bietet. Dabei funktioniert der Film nicht nur auf einer oberflächlichen Ebene. Der Unterbau ist noch viel faszinierender, denn Jensen und sein Ko-Autor Nikolaj Arcel stellen sich die Frage nach der Kausalität. Es ist das Kernstück der Chaos-Theorie, nach der der Flügelschlag eines Schmetterlings am anderen Ende der Welt der Auslöser für einen Wirbelsturm auf der gegenüberliegenden Seite des Globus sein kann. Hier ist es ein Fahrrad, das bestellt und gestohlen wird. Ohne dieses Ereignis wäre in dem Film nichts so gekommen, wie es ist.

Dänemark 2020
Regie: Anders Thomas Jensen
Darsteller: Mads Mikkelsen, Nikolaj Lie Kaas, Nicolas Bro
116 Minuten
ab 16 Jahren


Voraussichtlich ab Donnerstag 23.9.

Mitgefühl – Pflege neu denken



Der dänische Dokumentarfilm von Louise Detlefsen ist das Porträt eines Ausnahmefalls für das Pflegethema. Er zeigt, dass Menschlichkeit und gleiche Augenhöhe tatsächlich möglich sind.

Bevor Vibeke und Thorkild eintreffen, kommt erst einmal ein großer Möbelwagen. Hier, im dänischen Dagmarsminde, bezieht das alte Apotheker-Ehepaar sein neues Zuhause. Bei Vibeke wurde Alzheimer diagnostiziert, sie kann nicht mehr sprechen und nicht richtig essen. Ihren Mann Thorkild macht das manchmal wütend. Er erträgt es nicht, seine einst vergötterte Frau so zu sehen. Ihre Krankheit verdrängt er, und in ein Pflegeheim will er schon gar nicht. Die Kinder haben ihren betagten und hilflosen Eltern gesagt, das hier sei eine Reha. Es gehe darum, dass Vibeke wieder laufen lerne. Auch das Team des kleinen privaten Pflegeheims beschließt, Thorkild zu schonen, ohne ihn anzulügen. Warum ihr die menschliche Wärme, das In-den-Arm-Nehmen und Über-die-Schulter-Streicheln, so wichtig sind, erklärt Heim-Gründerin May Bjerre Eiby einer französischen Besuchergruppe auf sehr persönliche Weise. Eibys Pflegekonzept heißt „Mitgefühl und Umsorgung“. Abstrakte Worte, die Louise Detlefsens einfühlsame filmische Beobachtung mit Leben füllt.

Ein wenig geht der Film mit dem Zuschauer so um wie die Pflegerinnen mit ihren Schützlingen. Er scheint das Publikum zu streicheln, lyrische Naturbilder unterbrechen das Geschehen, ähnlich dem gemeinsamen Singen als Ruhepol im Alltag dieser betreuten Wohngemeinschaft. Die sanft geführte Handkamera von Per Fredrik Skiöld mischt sich unauffällig ins Geschehen. Die Botschaft des Films liegt in den Bildern. Sie wird nicht ausgesprochen und ist doch jedem Betrachter klar: Eine menschliche Pflege, auch von schwer Demenzkranken, ist möglich. Auch wenn es nicht einfach sein mag, sich implizit mit der letzten Phase des eigenen Lebens zu beschäftigen – hier wird es dem Zuschauer so zärtlich und behutsam nahegebracht, wie die Pflegerinnen von Dagmarsminde mit ihren Schützlingen umgehen.

Dokumentarfilm
Deutschland 2021
Regie: Louise Detlefsen
96 Minuten


Voraussichtlich ab Donnerstag 23.9.

Schachnovelle

Als Vermögensverwalter des Adels soll ein Wiener Notar der Gestapo Zugang zu Konten ermöglichen und kommt in Isolationshaft. Dort verzweifelt er zusehends – bis er durch Zufall an ein Schachbuch gerät. Verfilmung des Literatur-Klassikers von Stefan Zweig

Wien, 1938. Der Anschluss Österreichs an Nazi-Deutschland steht kurz bevor, der Notar Josef Bartok (Oliver Masucci) versucht mit seiner Frau Anna (Birgit Minichmayr), die Gefahr einfach weg zu tanzen. Doch das Insistieren eines Freundes macht ihm Sorge, in seiner Kanzlei vernichtet er gerade noch Papiere, bevor er verhaftet wird. Betont distinguiert versucht sich der Gestapo-Mann Franz-Josef Böhm (Albrecht Schuch) zu geben, bietet Bartok beim Verhör Zigaretten und guten Scotch an, doch auf eine Schachpartie will sich Bartok nicht einlassen: Das sei nur etwas für preußische Generale. Nach Monaten der Einzelhaft ändert sich jedoch seine Meinung, durch Zufall fällt ihm ein Buch in die Hand, endlich ein Buch, endlich wieder geistige Nahrung! Doch der kleine Band erweist sich als Sammlung von Schachpartien, die Bartok bald zum besessenen Spieler machen, der sich im Schach verliert – und dabei auch zunehmend den Verstand.

Die durch und durch gediegene Adaption bringt Dinge auf den Punkt, die in der Novelle nur angedeutet waren, sie schafft Klarheit, wo ursprünglich Ambivalenz war. Natürlich – man muss es kaum betonen – ist Oliver Masucci hervorragend als anfangs lebenslustiger Wiener, der durch die Mühlen der Nazis gedreht wird und als gebrochener Mann herauskommt. Und auch Albrecht Schuch überzeugt, ebenso wie Birgit Minichmair. Philipp Stölzls Regie bemüht sich um düstere Atmosphäre, die Ausstattung bleibt passend in dunklen Tönen verhaftet, die Kamera von Thomas W. Kiennast wählt oft verkantete Winkel, betont die Enge der Räume, die zunehmende Enge in Bartoks Kopf. Gediegenes Handwerk ist das durch die Bank, das beweist, dass auch in Deutschland teure Produktionen entstehen können, die sich zumindest stilistisch nicht hinter der internationalen Konkurrenz verstecken muss.

Deutschland 2020
Regie Philipp Stölzl
Darsteller Oliver Masucci, Albrecht Schuch, Birgit Minichmayr
112 Minuten
ab 12 Jahren


Voraussichtlich ab Donnerstag 23.9.

Toubab



Um seine Abschiebung zu verhindern, kommt Babtou auf eine außergewöhnkiche Idee. Mit nachdenklichen Untertönen garnierte Komödie, die beweist, dass man sich ernsten Themen mit Ironie und intelligentem Witz nähern kann.

Nach seiner Entlassung aus der Haft freut sich Babtou (Farba Dieng) riesig auf einen Neuanfang und die neu gewonnene Freiheit. Der ehemalige Kleingangster hat sich in der Haft weiterentwickelt und ist gereift. Jetzt will er sich mit seinem besten Kumpel Dennis (Julius Nitschkoff) ins Leben stürzen. Doch eine Willkommensparty, bei der alle Freunde aus dem Block versammelt sind, gerät außer Kontrolle und noch am selben Abend hat Babtou die Hände wieder in Handschellen. Und es drohen heftige Konsequenzen. Er soll in Kürze in seine „Heimat“ Senegal ausgewiesen werden. Um eine Abschiebung zu verhindern, reift in Babtou ein Plan: Wenn er es schafft Dennis zu einer Scheinehe zu überreden, hätte Babtou dauerhaftes Aufenthaltsrecht in Deutschland. Doch glauben ihm die Behörden?

Der Regie-Erstling des Wiesbadener Filmemachers Florian Dietrich entführt in die Welt eines in Deutschland geborenen Mannes mit afrikanischen Wurzeln, der den Senegal nur von den Erzählungen seines Vaters kennt. Babtou ist in Frankfurt geboren, im Rhein-Main-Gebiet verwurzelt und hat hier seine sozialen Kontakte. Wie groß die Befürchtung ist, das gewohnte Umfeld und das alte Leben zu verlieren, macht eine Szene deutlich, die Babtou (glaubhaft und authentisch: Farba Dieng) bei der Ausländerbehörde zeigt. Dort konfrontiert man ihn ganz unverblümt und ohne Rücksicht mit seiner baldigen Abschiebung. „Toubab“ schafft es jedoch, dieses ernste, herausfordernde Thema des drohenden Heimatverlusts mit erstaunlicher Leichtigkeit und gut getimter Situationskomik zu behandeln. Und entlarvt auf diese Weise unter anderem die Engstirnigkeit und die von Vorurteilen geprägten, fragwürdigen Umgangsformen der Behördenmitarbeiter. Überhaupt hinterfragt Regisseur Dietrich auf kluge Weise die starren Regeln des Systems sowie behördliche Bürokratie. Ohne dabei auf frechen Dialogwitz und punktgenaue One-Liner zu verzichten..

Deutschland 2020
Regie Florian Dietrich
Darsteller: Farba Dieng, Julius Nitschkoff, Valerie Koch
97 Minuten
ab 12 Jahren


Voraussichtlich ab Donnerstag 23.9.

Dogs Dont Wear Pants

Juha ist mit seiner Frau und Tochter an einem idyllischen See zum erholsamen Retreat, muss jedoch einen erschütternden Schicksalsschlag erleben. Seine Frau ertrinkt auf tragische Weise. Die emotionale Leere und der aufkeimende Selbsthass lassen Juha nicht mehr los. Als er Jahre später seiner Tochter ein Zungenpiercing erlaubt und sie begleitet, trifft er im SM-Studio auf Mona, eine Domina. Bei ihrer ersten Begegnung geschieht das Unglaubliche. Mona schnürrt ihm den Atem ab. Die Asphyxie löst eine trostspendende Halluzination bei Juha aus. Sein Leben bekommt einen neuen Sinn, der sich jedoch nur in absoluter Nähe zum Tod einstellt. Dazu muß er sich jedoch jedes Mal aufs Neue seiner Domina unterwerfen.

Der BDSM-Skandalfilm DOGS DONT WEAR PANTS ist eine fantastische Ode an den Schmerz als existenzielles Gefühl" (Slash Film Festival). Auf zahlreichen Festivals als ,,Bester Film" ausgezeichnet, erinnert das nicht bloß zum Selbstzweck verkommende BDSM-Setting ,,an Szenen aus HELLRAISER" (Cineuropa). Behutsam zeigt der in mindestens fünfzig Grau- und Neonrotschattierungen sehenswert bebilderte Film eine wechselseitige Machtstruktur zwischen Juha (Pekka Strang aus TOM OF FINLAND) und Mona (Krista Kosonen aus BLADE RUNNER 2049) und geht dabei an die Schmerzgrenze und darüber hinaus. Das Spiel mit der Macht, der Lustschmerz und jede Menge glänzender Latex lassen ,,50 SHADES OF GREY aussehen, wie einen Kindergarten" (empire online).

Finnland, Lettland 2019
Regie: Jukka-Pekka Valkeapää
Darsteller: Pekka Strang, Krista Kosonen, Ilona Huhta
105 MInuten
ab 18 Jahren


Voraussichtlich ab Donnerstag 30.9.

Träum weiter! - Sehnsucht nach Veränderung

Fünf Menschen stehen im Mittelpunkt des Dokumentarfilm, fünf Menschen mit fünf unterschiedlichen Träumen, die zum Teil schon geplatzt sind, teils utopisch, teils sehr vernünftig wirken. Ein Film über das oft nur scheinbar Unerreichbare.

Gibt es Alternativen zu der Art, wie wir leben, wie unsere Wirtschaft funktioniert, wie wir unsere Gesellschaft gestalten? Diese Fragen waren für Valentin Thurn Ausgangspunkt seiner Arbeit an seinem Dokumentarfilm „Träum Weiter!“, ein etwas flapsiger Titel, dessen Intention erst durch den Untertitel „Sehnsucht nach Veränderung“ verdeutlicht wird. Fünf Menschen hat Thurn über Jahre begleitet und gefilmt, fünf Menschen, die etwas Grundsätzliches ändern wollen, nicht nur in ihren persönlichen Leben, sondern oft auch im Großen, in der Gesellschaft.

Der Designer Joy Lohmann etwa träumt von schwimmenden Inseln. Mit Gleichgesinnten baut er mit großen Eimern oder Fässern Flöße, die auf Seen in Deutschland eher wie ein lustiges Freizeitvergnügen wirken. In Ländern wie Bangladesch oder Indien aber, deren Küstenstreifen durch zunehmende Klimaextreme oft existenziell bedroht sind, könnten solche selbstgebauten Inseln Leben retten. Konkreter mit der deutschen Gegenwart beschäftigt sich der Erfinder Carl-Heinrich von Gablenz, der Schwerlasten mit Ballons transportieren will. Auch der Designer Van Bo Le-Mentzel hat große Ideen, die jeden betreffen. Er fordert mietfreies Wohnen für alle und bietet eine beengte Alternative an: Tiny-Häuser, winzige Bauten, die auf wenigen Quadratmetern alles was ein Mensch zum Leben braucht vereinen. Line Fuks wiederum ist mit ihrer Partnerin und den zahlreichen Kindern nach Portugal ausgewandert, wo das Paar auf dem Land lebt, sich möglichst selbst versorgt und die Entbindung von der Schulpflicht genießt. Und schließlich Günther Golob, der vom Mars träumt. Aus 200.000 Menschen, die sich weltweit beworben haben, wurde er ausgewählt und trainiert nun für eine Reise ohne Wiederkehr. Was diese fünf Menschen antreibt versucht Valentin Thurn zu ergründen. Was hat dieses Quintett veranlasst, sich aus den Bahnen der Normalität zu entfernen, teils eher in der Freizeit, teilweise auch radikal?

Dokumentarfilm
Deutschland 2021
Regie: Valentin Thurn
102 Minuten
ohne Altersbeschränkung


Voraussichtlich ab Donnerstag 30.9.

Keine Zeit zu sterben - No Time to Die (engl. OmU)

Endlich ist es wieder soweit: der Mann, der seinen Martini bevorzugt geschüttelt und nicht gerührt goutiert, nimmt nach Pandemie-Pause die ganz große Leinwand in Beschlag und verspricht adrenalintreibende Action am laufenden Band!

James Bond (Daniel Craig) hat seine Lizenz zum Töten im Auftrag des britischen Geheimdienstes abgegeben und genießt seinen Ruhestand in Jamaika. Die friedliche Zeit nimmt ein unerwartetes Ende, als sein alter CIA-Kollege Felix Leiter (Jeffrey Wright) auftaucht und ihn um Hilfe bittet. Ein bedeutender Wissenschaftler ist entführt worden und muss so schnell wie möglich gefunden werden. Was als simple Rettungsmission beginnt, erreicht bald einen bedrohlichen Wendepunkt, denn Bond kommt einem geheimnisvollen Gegenspieler auf die Spur, der im Besitz einer brandgefährlichen neuen Technologie ist.

Über 3,1 Mrd. Dollar haben die Einsätze von Daniel Craig als 007 bislang eingespielt – Skyfall und Spectre waren sogar die umsatzstärksten Filme der gesamten Reihe. In “Keine Zeit zu strben” kehrt der smarte Engländer unter der versierten Regie von Cary Fukunaga (“Beasts of No Nation”, “True Detective”) nun endlich als Ian Flemings eleganter Superspion zurück. Mit der 25. Mission setzt das langlebigste Kinofranchise aller Zeiten die Storyline um Craigs vielschichtige Interpretation der Kultfigur fort und konfrontiert 007 mit seiner bislang größten Herausforderung. An Craigs Seite versammelt sich einmal mehr ein britisches Ensemble par excellence: Oscar®-Preisträger Rami Malek (“Bohemian Rhapsody”), die Oscar®-Nominierten Ralph Fiennes (“Der englische Patient”) und Naomie Harris (“Moonlight”), Golden-Globe-Gewinner Ben Whishaw und Jeffrey Wright sowie Léa Seydoux, Lashana Lynch, Ana de Armas und Rory Kinnear. Das Drehbuch stammt von den 007-Veteranen Neal Purvis & Robert Wade sowie Cary Fukunaga, Scott Z. Burns (“Das Bourne Ultimatum”) und – auf persönlichen Wunsch Daniel Craigs – die mehrfach Emmy®-prämierten Autorin Phoebe Waller-Bridge (“Killing Eve”, “Fleabag”). Produziert wird der Film erneut von Barbara Broccoli und Michael G. Wilson in Zusammenarbeit mit Metro Goldwyn Mayer Studios (MGM) und Universal Pictures International.

Großbritannien, USA 2020
Regie Cary Fukunaga
Darsteller: Daniel Craig, Ralph Fiennes, Rami Malek
163 Minuten


Voraussichtlich ab Donnerstag 30.9.

In fünfzehn festen Einstellungen zeigt Filmemacher Dietrich Brüggemann ein Paar, das an der Utopie des perfekten Lebens scheitert. Schwarzhumorig und mit toller Besetzung.

Dina und Michael, er Arzt, sie Schauspielerin, sind eigentlich glücklich in ihrer Beziehung, bis Michael beginnt, laut über eine Trennung nachzudenken. Die Frage „Könnten wir nicht glücklicher sein als in dieser Konstellation?“ steht im Raum. Aber Dina sagt: „Nö.“ In fünfzehn Situationen und über sieben Jahre hinweg begleiten wir das Paar, wie es sich durchs Leben laviert und dabei versucht, die Liebe nicht aus den Augen zu verlieren. Wie es versucht, den eigenen Eltern gerecht zu werden, im Beruf nicht unterzugehen und selbst gute Eltern zu sein.

“Nö”, die neue Kinokomödie von Anna und Dietrich Brüggemann, feierte seine Weltpremiere beim Filmfest München. Es ist der nun fünfte Film (nach “3 Zimmer/Küche/Bad”, “Kreuzweg”, “Neun Szenen”, “Renn, wenn Du kannst”), den das Geschwisterpaar gemeinsam entwickelt hat. In ihrem schwarzhumorigen Film widmen sich Anna und Dietrich Brüggemann dem großen Thema Liebe. Sie zeigen die Nöte eines Paars, das an der Utopie des perfekten Lebens scheitert. Mit trockenem Humor wird das Bild einer ganzen Generation seziert. Anna Brüggemann fehlt natürlich auch nicht vor der Kamera und bildet mit Alexander Khuon, Isolde Barth, Hanns Zischler und Petra Schmidt-Schaller und vielen anderen ein ausgezeichnetes Ensemble. Der Kameramann Alexander Sass (“3 Zimmer/Küche/Bad, “Kreuzweg”, “Heil”) steht erneut für die visuelle Umsetzung. Ähnlich wie Brüggemanns preisgekröntes Religions-Drama “Kreuzweg” wurde auch “Nö” in festen Einstellungen gedreht. Der Regisseur über seinen Film: „”Nö” ist ein Film über die Liebe, über unsere Jagd nach ihr und unser Unvermögen, sie zu leben, wenn sie mal da ist. Ein Film über die verstreichende Zeit und über die Generation um die dreißig, die Vieles hat, Vieles versucht und oft still scheitert. Es ist aber auch ein Film über das, was das Kino besonders gut kann: Seelenzustände ausleuchten, die jenseits des Sichtbaren liegen, die aber nicht weniger real und ausschlaggebend für unseren Lebensweg sind.“

Deutschland 2021
Regie: Dietrich Brüggemann
Darsteller: Anna Brüggemann, Alexander Khuon, Isolde Barth
120 Minuten
ab 12 Jahren


Voraussichtlich ab Donnerstag 7.10.

Der wilde Wald - Natur Natur sein lassen

Dokumentarfilm über den Bayerischen Wald, dem ersten international anerkannten Nationalpark Deutschlands. Der Fokus liegt auf der Beziehung der Menschen zur Natur im Allgemeinen und jene zum Naturschutzgebiet Bayerischer Wald im Speziellen.

Als der Bayerische Wald 1970 zum ersten international anerkannten deutschen Nationalpark gekürt wurde, war das Konzept, den Wald in keiner Weise zu bewirtschaften und sich selbst zu überlassen, ganz neu und nicht unumstritten. Zusammen mit dem benachbarten tschechischen Nationalpark Šumava ist der Bayerische Wald heute das größte Waldschutzgebiet in ganz Mitteleuropa. Das urwüchsige Areal dient unzähligen Tier- und Pflanzenarten als „Arche Noah“, zugleich nutzen Menschen das Gebiet als Erholungsgebiet. Lisa Eders Dokumentarfilm „Der wilde Wald“ porträtiert den Wald aus verschiedenen Perspektiven heraus, wobei ihr Fokus nur nebenher auf der Funktionsweise des Ökosystems Wald und der Lebensweise der Wildtiere liegt, sondern auf der spannungsreichen Beziehung des Menschen zur Natur. Auf formaler Ebene sind dafür die regelmäßig erzeugten Kontraste zwischen der Natur auf der einen und Autobahnen oder der Landwirtschaft auf der anderen Seite symptomatisch.

Der Respekt vor der Natur ist Eders Film jederzeit anzumerken, ebenso die Faszination für die natürlichen Kreisläufe, das Werden und Vergehen. Dass die Filmemacherin dennoch verschiedene Argumente zulässt und die Einschätzung des Für und Wider letztendlich dem Publikum überantwortet, ist eine souveräne Stärke ihres zwar engagierten, doch jederzeit sachlichen Beitrags. Eder liefert trotz mancher Schubser in Richtung Naturschutz keine vorgefertigte Meinung, sondern trägt zur nüchternen Meinungsbildung bei und regt zur Reflektion der menschlichen Stellung in der Natur ein. Die abwechslungsreiche Flora und Fauna des Bayerischen Walds zeigt Eder in ruhigen, stilvollen Aufnahmen, die mal Draufsichten per Drohnenflug ins Bild setzen, mal in Nahaufnahmen schwelgen. Mit viel Fingerspitzengefühl bei der Montage und Materialauswahl gelingt eine sehr gut austarierte Mischung aus Informationen und Impressionen. Sehenswert!

Quelle: programmkino.de / Christian Horn

Dokumentarfilm
Deutschland 2021
Regie: Lisa Eder
91 Minuten
ohne Altersbeschränkung


Voraussichtlich ab Donnerstag 7.10.

Nowhere Special

Ein sterbender Vater sucht für seinen kleinen Sohn Adoptiveltern. Bewegendes, sehr berührendes Drama über Leben, Liebe und Tod.

Eine Stadt in Nord-Irland. Der Fensterputzer John zieht seinen vierjährigen Sohn Michael alleine auf, seit die Mutter die Familie kurz nach der Geburt verlassen hat. Ihr Leben ist bestimmt von den täglichen Notwendigkeiten und Ritualen, geprägt von der tiefen Liebe zwischen Vater und Sohn. Was Michael nicht weiß: John hat Krebs. Ihm bleiben nur noch wenige Monate. Die will er nutzen, um eine neue Familie für Michael suchen, eine perfekte Familie. Aber wie kann er seinem Sohn erklären, warum sie so viele merkwürdige Menschen besuchen? Kennt er seinen Sohn gut genug, um zu wissen, was der braucht? Langsam beginnt John zu begreifen, dass er keine Entscheidung für die Zukunft treffen muss, sondern eine für die Gegenwart. Gemeinsam mit Michael.

Mit dem einfühlsamen und herzerwärmenden “Mr. May und das Flüstern der Ewigkeit” begeisterte Regisseur Uberto Pasolini 2013 viele Kinogänger. Sieben Jahre später nun meldet er sich mit einem neuen Film zurück, der ebenso einfühlsam ist. Er schildert die verzweifelte Suche des Vaters nach Adoptiveltern für seinen kleinen Sohn auf sehr subtile Weise. Es sind hier nicht die Worte, die zählen, sondern vielmehr Blicke und Gesten, die die Geschichte erzählen. Kameramann Marius Panduru liefert die schönen Bilder für diese Geschichte über Liebe, Leben und Tod, und blickt dabei oft durch Fensterscheiben hinein in die (vermeintlich glücklichen) Lebensräume, die sich dem Fensterputzer bei seiner Arbeit offenbaren. Andrew Simon McAllisters teils an Rachel Portman erinnernde Musik bildet das Gefühlsfundament von Pasolinis Film. Bemerkenswert bei der Besetzung ist der kleine Daniel Lamont, der seiner Rolle mehr als gerecht wird und zusammen mit James Norton ein vorbildliches Vater-Sohn-Gespann abgibt. Ein Film für die Seele.

Italien, Rumänien 2020
Regie: Uberto Pasolini
Darsteller: James Norton
96 Minuten
ab 6 Jahren


Voraussichtlich ab Donnerstag 7.10.

Titane



Eine Serienkillerin mutiert dank einer Titanplatte im Kopf zu einem Zwischenwesen und hat Sex mit Autos. Wilder Genremix, der sich für vielfältige Lesarten anbietet und in Cannes die “Goldene Plame” erhielt.

Es beginnt mit einem nervenden Kind namens Alexia auf dem Rücksitz eines Autos, der Vater ist abgelenkt und baut einen Unfall. Schwer verletzt überlebt das Kind und bekommt eine Platte aus Titan in den Kopf gepflanzt. Jahre später ist Alexia erwachsen und wird vom Model Agathe Rousselle gespielt, deren androgyne Gestalt andeutet, wie sehr es fortan um Fragen von Geschlechtszugehörigkeit, Transformation, Diversität gehen wird. Alexia arbeitet als Tänzerin auf Autoshows, räkelt sich verführerisch auf den Motorhauben ebenso verführerischer Autos, nimmt danach gerne einen lechzenden Zuschauer zum Sex mit – und tötet ihre Lover mit dem Stich einer langen Haarnadel direkt ins Gehirn. Nach einem ausufernden Gemetzel ist ihr die Polizei jedoch so sehr auf der Spur, dass sie die Identität wechselt. Sie gibt sich als Adrien aus, ein Junge, der seit Jahren vermisst wird. Er war der Sohn von Vincent (Vincent Lindon), der als Kapitän einer Feuerwache schon beruflich mit testosterongeschwängerten Männern zu tun hat...

Bezüge zu den Body-Horror-Filmen von David Cronenberg, nicht zuletzt „Crash“, scheinen ebenso deutlich zu sein wie Referenzen zu Filmen wie Shinya Tsukamotos “Tetsuo: The Iron Man“, vor allem aber auch außerfilmischen Debatten über Diversität, Transsexualität oder toxischer Männlichkeit. Julia Ducournaus „Titane“ mutet oft wie ein Film an, der wie dazu gemacht ist, in Seminararbeiten analysiert zu werden, als Beispiel für ein Kino herzuhalten, dass auf moderne, gewagte Weise den Zeitgeist spiegelt. Kein Wunder, bleibt „Titane“ in seinem wilden, mal verstörenden, mal mitreißenden, mal albernden Spiel mit Genrebildern, exzessiver Gewalt und gleißenden Aufnahmen menschlicher und maschineller Körper doch so offen – manche werden sagen: beliebig – dass sich unzählige Lesarten anbieten. Ein Film wie ein Rorschach-Test also, ein Film, der von jeder Zuschauerin, jedem Zuschauer anders gelesen werden wird, aber in jedem Fall einen Nerv der Zeit trifft.

Quelle: programmkino.de / Michael Meyns


Frankreich 2021
Regie & Buch: Julia Ducournau
Darsteller: Agathe Rousselle, Vincent Lindon, Garance Marillier, Laïs Salameh, Bertrand Bonello, Dominique Frot
108 Minuten
ab 16 Jahren


Voraussichtlich ab Donnerstag 7.10.

Töchter


Zwei beste Freundinnen machen sich zusammen mit dem Vater der einen auf einen Road Trip in den Süden. Tragikomisches Road Movie nach dem Bestseller von Lucy Fricke

Martha und Betty kennen sich seit 20 Jahren, und sie entscheiden sich fürs Durchbrettern. Vor sich haben sie das Ziel, von hinten drängt das nahende Unglück. Was die beiden besten Freundinnen außerdem teilen, sind die seit Ewigkeiten schwelenden Probleme mit ihren Vätern; ungeklärte Beziehungen, die wie Gewitterwolken über ihnen hängen; prall gefüllt mit Vorwürfen, Ängsten und unausgesprochenen Verletzungen. Vertane Aussprachen auf einem toten Gleis – ohne Chance auf Klärung und Versöhnung. Doch während Martha erlebt, dass ihr Vater seine Todessehnsucht nur vorgetäuscht hat, um die große Liebe seines Lebens am Lago Maggiore wiederzusehen, trauert Betty ihrem schon vor Jahren angeblich verstorbenen Stiefvater Ernesto nach. So gerät für das kuriose Trio die als Tagesreise in die Schweiz begonnene Fahrt zum Roadtrip durch halb Europa. Denn die Serpentinen des Lebens sind gespickt mit Schlaglöchern, Umleitungen und Gabelungen. Nicht nur Marthas Vater verfolgt seine eigene Agenda, auch Betty entdeckt während der Reise auf den Spuren ihres Vaters die verblüffende Wahrheit, dass der Tod nicht immer das Ende ist …

Mit einem Humor aus Notwehr und einer Wahrhaftigkeit, die wehtut, erzählen Lucy Fricke und Nana Neul von Frauen in der Mitte ihres Lebens, von Abschieden, die niemandem erspart bleiben, und von Vätern, die zu früh verschwinden. Eine groteske Reise Richtung Süden, durch die Schweiz, Italien, bis nach Griechenland, immer tiefer hinein in die Abgründe der eigenen Geschichte. Und die Frage ist nicht, woher wir kommen, sondern: Wie finden wir da wieder raus? „Töchter“ handelt von Freundschaften, die bleiben. Das tragikomische Roadmovie entstand nach dem Bestseller von Lucy Fricke, die gemeinsam mit Regisseurin Nana Neul („Mein Freund aus Faro“) auch das Drehbuch schrieb. Im Mittelpunkt steht ein hochkarätig besetztes Trio: Birgit Minichmayr und Alexandra Maria Lara überzeugen als ungleiche, aber unerschütterliche Freundinnen, die den unvergleichlichen Josef Bierbichler auf seiner letzten Reise begleiten.

Deutschland 2021
Regie: Nana Neul
Darsteller: Birgit Minichmayr, Alexandra Maria Lara, Josef Bierbichler
122 Minuten
ab 12 Jahren


Voraussichtlich ab Donnerstag 14.10.

Resistance - Widerstand

Résistance – Widerstand

Marcel Marceau war zu Lebzeiten ein von seinem Publikum hochgeschätzter Pantomime. Jetzt wird er in einem bewegenden Drama zum Dreh- und Angelpunkt einer aufsehenerregenden Befreiungsaktion

Marcel Marceau (Jesse Eisenberg) ist ein hochbegabter Pantomime und hat sein Leben der Kunst verschrieben. Tagsüber arbeitet er in der Schlachterei seines Vaters, abends tingelt er durch die Kleinkunsttheater seiner Stadt, um seinem Traum von der großen Karriere Stück für Stück näherzukommen. Seit einiger Zeit hängt sein Herz außerdem an der politisch engagierte Emma (Clémence Poésy), mit der er gern zusammen wäre. Sie ist es auch, die ihn von einer lebensgefährlichen Mission überzeugt: 123 jüdische Waisenkinder müssen vor den deutschen Nazis unter der Aufsicht des brutalen Obersturmführer Klaus Barbie (Matthias Schweighöfer) gerettet und außer Landes gebracht werden. Gemeinsam mit Emma tritt Marcel dem französischen Widerstand bei, um sich, einzig mit seiner Kunst bewaffnet, dem Schrecken des Krieges entgegenzustellen.

Marcel Marceau, dem Publikum auch unter dem Namen „Bip“ bekannt, war ein von 1923 bis 2007 lebender Pantomime, der seine umjubelten Bühnenshows stets im Ringelhemd, mit weißgeschminktem Gesicht und einem zerbeulten Seidenhut bestritt. Er prägte das öffentliche Bild des tragikomischen Clowns massiv und prägte mit seiner Kunst zahlreiche Künstler aller Genres. Selbst im hohen Alter trat er noch unter seinem Alter Ego auf, bis er mit 84 Jahren im Kreis seiner Familie starb. Für sein True-Events-Kriegsdrama „Resistance – Widerstand“ rückt Regisseur und Drehbuchautor Jonathan Jakubowicz („Hands of Stone“) primär ein bestimmtes Ereignis in Marceaus Leben in den Fokus und weniger seine Bedeutung für die Kunst selbst. In seiner Rolle als Marcel Marceau funktioniert Eisenberg ganz ausgezeichnet – es gelingt ihm kongenial, seine von Natur aus eher stille Attitüde mit einem rebellierenden Funkeln zu versehen. Matthias Schweighöfer überrascht („100 Dinge“) als diabolischer Obersturmführer Klaus Barbie – eine Ansprache an seine Gefolgsleute in einer Kneipe sorgt dafür, dass sich dem Publikum die Kehle mit jedem seiner Worte enger zusammenschnürt.

Quelle: programmkino.de / Antje Wessels

Großbritannien, Frankreich 2020
Regie: Jonathan Jakubowicz
Darsteller: Jesse Eisenberg, Clémence Poésy, Matthias Schweighöfer
122 Minuten
ab 12 Jahren


Voraussichtlich ab Donnerstag 14.10.

Dear Future Children

Beeindruckender, formal wie inhaltlich wirkmächtiger Dokumentarfilm, der von den Opfern erzählt, die Menschen bereit sind zu bringen, um etwas zu verändern. Ein Film, der bewegt, der anrührt, der inspiriert.

„Ich fürchte, dass die Zukunft, für die ich arbeite, wegen der Untätigkeit der Gesellschaft nicht zustande kommen wird“, sagt Hilda, die in Uganda jede Menge Plastikflaschen aus dem Fluss fischt, sich für „Fridays for Future“ engagiert und immer noch hofft, dass die Welt endlich aufwacht. Dass sie erkennt, dass es so nicht weitergehen kann, dass sich etwas ändern muss, oder aber es wird für alle zu spät sein. Der jungen Rayen in Chile wird von einer Frau gesagt, dass sie etwas ändern muss. Dass es ihre Gruppe, dass es die Jungen sein müssen, die etwas bewegen. Denn die Älteren ändern nichts mehr. Sie haben es sich in ihrem Leben bequem gemacht, vor allem die Oberschicht, die in Chile gedeiht, während selbst Rentner arbeiten müssen, nur um überleben zu können. Pepper ist vom Versprechen enttäuscht, das 1997 bei der Übergabe Hongkongs an die Chinesen durch die Briten gegeben wurde. Ein Land, zwei Systeme, in Hongkong sollte sich nichts ändern. Das tat es auch lange nicht. Aber Peking versucht, mehr Kontrolle über die Stadt zu erlangen. Ein umstrittenes Auslieferungsgesetz, dass es Peking erlaubt, Bewohner Hongkongs legal ins Hauptland zu verschleppen, ist ein Pulverfass und sorgte für gigantische Proteste, aber auch gewaltsame Zusammenstöße zwischen Demonstranten und Polizei.

Drei Frauen, drei Länder, drei sehr unterschiedliche Leben, aber eine Gemeinsamkeit: Sie alle setzen sich für ein besseres Morgen ein, sie sind die Kinder von heute, die die Welt für die Kinder von morgen besser machen wollen. Regisseur Franz Böhm ist selbst ein Millennial wie die Protagonistinnen seines Films. Er wurde im Jahr 1999 geboren und sein Weg, etwas zu bewegen, ist dieser Dokumentarfilm, in dem er Aktivistinnen von überall auf der Welt eine Stimme gibt. Er erzählt nicht nur ihre Geschichten, er erzählt die Geschichten der Ungerechtigkeit, die so universell sind, die spürbar sind, selbst für Menschen, die in Ländern aufgewachsen sind, in denen solche Zusammenstöße, wie man sie in Chile oder Hongkong sieht, nicht Gang und Gäbe sind.

Quelle: programmkino.de / Peter Osteried

Dokumentarfilm
Deutschland 2021
Regie: Franz Böhm
88 Minuten
ab 12 Jahren


Voraussichtlich ab Donnerstag 14.10.

Supernova



Ein langjähriges Paar bricht im Camper zu einer letzten Reise auf, um Abschied zu nehmen von Freunden und Familie. Demenz lautet die furchtbare Diagnose. Höchst emotionales Drama mit philosophischer Dimension.

Ein Paar mittleren Alters bricht auf im Wohnmobil zur letzten gemeinsamen Reise ihres Lebens. Sie wollen Abschied nehmen von Freunden und Verwandten, solange das noch geht. Denn Tusker (Stanley Tucci), ein Schriftsteller, ist an Demenz erkrankt. Sein Partner Sam (Colin Firth), hat seine Karriere als erfolgreicher Pianist aufgegeben, um sich voll und ganz um Tusker zu kümmern. Eine erste Rast ist in Englands naturgewaltigem Lake District geplant, wo die Schwester von Sam mit ihrer Familie lebt. Bevor der Weg zum Ziel wird, gibt es reichlich Zoff beim Aufbruch. Streiten gehört schließlich zum gerne kultivierten Ritual für Tusker und Sam, Show-Kämpfe samt sanfter Sticheleien unter Seelenverwandten. Soll solch ein Leben noch lebenswert sein? Für Tusker ist die Antwort absolut klar. Sein Partner weigert sich jedoch, den selbstbestimmten Freitod zu akzeptieren. „Ich möchte in Erinnerung bleiben für den, der ich bin. Nicht für der, der ich bald sein werde“. erklärt der Schriftsteller. Und fordert: „Wenn du mich liebst, lässt du mich das tun!“

Mit einem Budget von nur 10.000 Pfund inszenierte der Brite Harry Macqueen sein Debüt-Werk „Hinterland“. Für seinen zweiten Streich konnte er nicht nur Oscar-Preisträger Colin Firth begeistern, sondern zudem den zweifach für den Oscar nominierten Kameramann Dick Pope („Mr. Turner“) verpflichten. Der inszeniert bildgewaltig die einzigartige Landschaft des nordenglischen Lake District - eine wunderschöne Naturkulisse als brutalstmöglicher Kontrast zum gnadenlosen Schicksal einer grauenhaften Krankheit. Auffallend angenehm gerät der Umstand, dass die sexuelle Orientierung des Pärchens in diesem Drama überhaupt keine Rolle spielt: so sieht Normalität eben einmal aus! In Sachen höchster Schauspielkunst, Emotionalität sowie dem klugen Plädoyer für einen würdigen Tod steht der junge Brite Macqueen in der Tradition des österreichischen Altmeisters Michael Haneke und dessen „Liebe“. Bei Presse und Publikum dürfte mit ähnlicher Begeisterung gerechnet werden - beim Oscar hoffentlich gleichfalls!

Quelle: programmkino.de / Dieter Oßwald

GB 2020
Regie: Harry Macqueen
Darsteller: Colin Firth, Stanley Tucci, James Dreyfuss, Pippa Haywood, Sarah Woodward
95 Minuten
ab 12 Jahren


Voraussichtlich ab Donnerstag 21.10.

The French Dispatch

Zu den zwei Dingen, die der amerikanische Regisseur Wes Anderson am meisten liebt gehört das Intellektuellenmagazin „The New Yorker“ und seine Wahlheimat Frankreich. Sein neuer Film ist nun eine Hommage an beides.

Wir schreiben das Jahr 1975. Vor 50 Jahren hat Arthur Howitzer Jr. (Bill Murray) im französischen Dorf Ennui-sur-Blasé – den French Dispatch gegründet, einen Ableger der Zeitung Liberty, Kansas Evening Star. Nun ist der Verleger verstorben und seine Mitarbeiter erinnern sich an drei Geschichten, die im Laufe der Zeit im Magazin erschienen sind. In der ersten geht es um den Künstler Moses Rosenthaler (Benicio Del Toro), der im Gefängnis sitzt. Die Gefängniswärterin Simone (Lea Seydoux) wird seine Muse und Model des Bildes: „Simone, Nackt, Zellblock J, Hobbyraum”. Die zweite Episode ist den Studentenunruhen von Mai 1968 gewidmet und zeigt den Revoluzzer Zeffirelli (Timothy Chalamet), der eine Affäre mit der Reporterin Lucinda Krementz (Frances MacDormand) beginnt, die mit ihrer journalistischen Integrität hadert. Als Drittes eine Episode, die zwei französische Leidenschaften verbindet: Detektive und Essen. Hauptfigur ist vordergründig ein Kommissar (Mathieu Amalric), dessen Kind entführt wird, doch eigentlich steht ein Sterne-Koch im Mittelpunkt, der mit seinen Künsten auf seltsame Weise das Kind rettet.

Die episodische Struktur lässt „The French Dispatch“ in gewisser Weise zum Lackmustest der Anderson-Begeisterung werden: Noch nie zuvor stand der typische Anderson-Stil so sehr im Mittelpunkt, noch nie fehlte es in einem Anderson-Film so sehr an einer übergreifenden Geschichte, an ausgearbeiteten Charakteren wie hier. In praktisch jeder noch so winzigen Rolle treten bekannte amerikanische und einige französische Schauspieler auf, jedes Bild ist von oben bis unten vollgestopft mit skurrilen Elementen, Zitaten, Verweisen, die beim ersten Sehen kaum wahrzunehmen sind. Die 100 Minuten von Andersons Film sind so reich an Ideen, an ungewöhnlichen, originellen Bildeinfällen, an skurrilen Momenten, an Wortwitz, makellos designten Räumen und Kostümen, dass man sich kaum satt sehen kann. „The French Dispatch“ als verspielt zu bezeichnen würde ihm kaum gerecht werden, es ist eine Wunderkammer des Kinos, deren Originalität man sich nicht entziehen sollte.

Quelle: programmkino.de / Michael Meyns

Deutschland, USA 2021
Regie: Wes Anderson
Darsteller: Benicio Del Toro, Timothée Chalamet, Adrien Brody
103 Minuten


Voraussichtlich ab Donnerstag 21.10.

Cry Macho



Ein ehemaliger Rodeo-Star holt für seinen Ex-Chef dessen Sohn aus Mexiko von der alkoholkranken Mutter ab und bringt ihn zurück nach Texas. Ergreifendes und mitreissendes Drama des 91jährigen Clint Eastwood

Mike Milo, ein ehemaliger Rodeo-Star und gescheiterter Pferdezüchter, soll 1979 im Auftrag seines Ex-Bosses nach Mexiko reisen, um dessen kleinen Sohn nach Hause zu bringen. Weil das ungleiche Paar den Heimweg nach Texas über Nebenstraßen zurücklegen muss, entpuppt sich die Reise als überraschend beschwerlich. Und doch gelingt es dem desillusionierten Pferdefreund, unterwegs unerwartete Verbindungen zu knüpfen – und seinen eigenen Seelenfrieden zu finden.

Neben Eastwood sind in weiteren Rollen Eduardo Minett als kleiner Junge Rafo in seinem Spielfilmdebüt, Natalia Traven („Collateral Damage – Zeit der Vergeltung“, TV-Serie „Soulmates“) als Marta und Dwight Yoakam („Logan Lucky“, „Sling Blade – Auf Messers Schneide“) als Mikes ehemaliger Arbeitgeber Howard Polk zu sehen. Zur Besetzung gehören außerdem Fernanda Urrejola („Blue Miracle“, Netflix-Serie „Narcos: Mexico“) als Leta und Horacio Garcia Rojas (Netflix-Serie „Narcos: Mexico“, TV-Serie „La querida del Centauro“) als Aurelio. Oscar®-Preisträger Clint Eastwood führte Regie nach einem Drehbuch von Nick Schenk und N. Richard Nash. Letzterer schrieb auch den Roman, der dem Film zugrunde liegt. Das Kreativteam des Filmemachers bildeten unter anderem der BAFTA-nominierte Kameramann Ben Davis („Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“, „Captain Marvel“), Produktionsdesigner Ronald R. Reiss (Set-Ausstatter bei „Der Fall Richard Jewell“ und „The Mule“) sowie die Editor David Cox („Criminal Squad“ und Assistant Editor bei „Der Fall Richard Jewell“) und Oscar-Gewinner Joel Cox („Erbamungslos“), der die meisten Filme von Regisseur Eastwood geschnitten hat. Außerdem gehörte Eastwoods langjährige Mitarbeiterin und Kostümbildnerin Deborah Hopper zum Team. Die Filmmusik stammt von Mark Mancina („Vaiana – Das Paradies hat einen Haken“).

USA 2021
Regie: Clint Eastwood
Darsteller: Clint Eastwood, Natalia Traven, Dwight Yoakam
125 Minuten


Voraussichtlich ab Donnerstag 21.10.

Ottolenghi und die Versuchung von Versailles



Unterhaltsamer Film, der den Starkoch und Kochbuch-Bestsellerautor Yotam Ottolenghi begleitet, wie er im Auftrag des Metropolitan Museum of Art süße Speisen und Nachtische neu interpretiert.

Ottolenghis Koch- und Süßspeisenbücher werden weltweit millionenfach verkauft (1,5 Mio. deutschsprachige Exemplare). Er betreibt in London sechs erfolgreiche Restaurants, die Presse bezeichnet seine Bücher als „Bibel“ und ihn als „Guru“ der kulinarischen Kunst: Yotam Ottolenghi ist der Star schlechthin in der Szene. Für eine Ausstellung zu Versailles im berühmten Metropolitan Museum of Art in New York bekommt Ottolenghi den Auftrag, ein extravagantes Dessert-Buffet ganz im Sinne des Ausstellungmottos zu kreieren. Der Film begleitet ihn und sein Team auf diesem spannenden und teils holprigen Weg. Zusammen mit fünf Spitzenkonditoren macht es sich Ottolenghi nicht nur zur Aufgabe, Kuchen und andere Süßspeisen – inspiriert vom einstmals pompösen Leben am Schloss von Versailles – zu zaubern, sondern durch die Kreationen auch ein Verständnis für Geschichte und Kunst zu schaffen.

Schon Monate vor der Veranstaltung hat jeder Pâtissier die Aufgabe, eine einzigartige Torte zu kreieren, die von der Versailles-Ausstellung inspiriert ist. Vom Sonnenkönig bis zum Schwan, von der Torte bis zum typischen Formschnitt in den Gärten - jeder Koch-Künstler versucht den Geist Versailles in seiner Kreation sichtbar zu machen. Wobei die technischen Möglichkeiten des Kochens in einem Weltklassemuseum alles andere als inspirierend sind, sie sind eher herausfordernd, wenn nicht sogar entmutigend. Vor den Augen der New Yorker High Society gipfeln die monatelangen Vorbereitungen und Planungen schließlich in zwei Tagen unermüdlichen Zubereitens und Dekorierens. Durch die Dramatik einer Live-Veranstaltung wird deutlich, dass der "offene Hof", in dem sich die Prominenz der Öffentlichkeit zeigt, ihre reichhaltigen Speisen zur Schau stellt und das luxuriöse Leben feiert, heute nicht mehr in Form eines Palastes existiert, aber in den sozialen Medien eine Entsprechung findet.

Dokumentarfilm, USA 2020
Regie: Laura Gabbert
Darsteller: Yotam Ottolenghi
78 Minuten
ohne Altersbeschränkung


Voraussichtlich ab Donnerstag 21.10.

Walchensee forever



Beinahe 100 Jahre Familiengeschichte aus der Sicht von drei Frauen. Sehr sehenswerte Reise in die Vergangenheit, die viel mit der Gegenwart zu tun hat und mit Fragen, denen sich früher oder später wohl jeder stellen muss.

Seit 1920 existiert das Gasthaus am Walchensee – als Ausflugslokal gegründet und über viele Jahrzehnte geführt von Apa, einer ebenso energischen wie arbeitsamen Wirtin und Urgroßmutter der Dokumentarfilmerin Janna Ji Wonders. Apa übergibt die Geschäfte an ihre einzige Tochter Norma, die ebenfalls bis ins hohe Alter in der Küche steht. Norma verliebt sich in einen Künstler aus Norddeutschland, der sich nach dem Krieg von ihr trennt, wohl auch deshalb, weil ihr in seinen Augen das Gasthaus und die Mutter wichtiger sind als der Mann und die eigenen Kinder. Die beiden Mädchen, Antje und Frauke, wachsen ebenfalls am Walchensee auf, zeigen jedoch keine Neigung für die Gastronomie. Stattdessen zieht es sie in den 60er Jahren in die Ferne – als begabte Musikerinnen touren sie gemeinsam durch Mexiko und die USA...

Lose zusammengehalten vom Walchensee als Ort der gemeinsamen Geschichte entfaltet sich eine Familienchronik, die gleichzeitig typisch und untypisch ist. Typisch, weil wohl in jeder Familie Freude und Trauer, Glück und Unglück dicht beieinanderliegen. Untypisch, weil es tatsächlich über einen Zeitraum von 100 Jahren Bildmaterial gibt und weil die Verbundenheit von mittlerweile vier Generationen hier praktisch für die Ewigkeit festgehalten wird und dabei nicht nur eine Familie gezeigt wird, sondern auch ein deutsches Provinzgeschichtsbuch des 20. Jahrhunderts. Inzwischen ist Janna selbst Mutter einer Tochter, die so etwas wie eine kindlich frische Brise in den Film hineinbringt. Angenehmerweise gelingt es Janna Ji Wonders, ihre eigene Biographie ohne Sentimentalität oder Eitelkeit mit der Handlung zu verknüpfen, auch wenn gelegentlich mal Tränen fließen. Geschickt arbeitet sie mit Dialogen, Briefen und Gesprächen, in denen hauptsächlich Anna und sie selbst zu Wort kommen. Was zunächst so aussieht, als ob Janna die Gelegenheit nutzt, in einem sehr umfangreichen Fotoalbum zu blättern, entwickelt sich allerdings schnell zu einer differenzierten Auseinandersetzung über die Dinge des Lebens, die viel mit dem jeweiligen Zeitgeist zu tun haben.

Quelle: programmkino.de / Gaby Sikorski

Dokumentarfilm
Deutschland 2020
Regie und Buch: Janna Ji Wonders
Kamera: Janna Ji Wonders, Sven Zellner
Musik: Markus Acher, Cico Beck
110 Minuten
ab 6 Jahren


Voraussichtlich ab Donnerstag 28.10.

Borga

Bemerkenswertes Debüt, das weit über den eigenen Tellerrand hinausblickt und das große Thema Migration auf vielschichtige, ambivalente Weise behandelt. Mit vier Auszeichnungen war das Drama der große Gewinner des diesjährigen Max Ophüls-Festivals

In Sodom beginnt „Borga“, in Accra, der Hauptstadt des westafrikanischen Staates Accra, wo am Strand, im berüchtigten Viertel Agbogbloshie auf einer riesigen Deponie Elektronikschrott aus Europa verarbeitet wird. Hier wachsen Kojo (Eugene Boateng) und Kofi (Jude Arnold Kurankyi) auf, zwei Brüder, die unterschiedliche Wege gehen werden. Beide wollen sich aus der Armut befreien, der eine bleibt zu Hause, den anderen zieht es nach Europa, zum gelobten Kontinent, wo die Straßen mit Gold gepflastert sind. Doch der Wohlstand ist oft nur vorgetäuscht, Fotos vor Autos und Häusern gefälscht, um die harsche Realität zu verbergen. So ergeht es auch Kojo. Bald ist er ein gemachter Mann, relativ. Regelmäßig fährt er in die Heimat, schluckt Drogenpäckchen, die er in Deutschland mühselig wieder ausspeit. Ein Leben voller Täuschungen führt Kojo, der in Mannheim die Notfallsanitäterin Lina (Christina Paul) kennengelernt hat, ihr jedoch seine wahre Identität verschweigt. Unweigerlich kommen die Lügen jedoch an die Oberfläche und drohen alles zu zerstören, was Kojo am Herzen liegt.

Zwei Kurzfilme drehte York-Fabian Raabe vor seinem Debüt schon in Ghana, auf eigene Faust, denn der Quereinsteiger durchlief nicht die üblichen Bahnen des deutschen Filmsystems. Vielleicht agiert er deswegen so unbeschwert, erzählt in seinem Debütfilm nicht eine der typischen deutschen Geschichten, sondern wirft einen ungewöhnlichen Blick auf einen Aspekt der deutschen Realität, der meist von Vorurteilen geprägt ist. Und das nicht nur von einer Seite: Verdammt die eine Seite Migranten oft als Kriminelle und Vergewaltiger, verklärt die andere Seite sie oft als durch und durch gute, fast schon naive Wesen. Die Wahrheit liegt meist irgendwo zwischen diesen Extremen und wird von „Borga“ ausgeleuchtet. Die Ambivalenz, mit der York-Fabian Raabe seine Hauptfigur zeichnet, macht ihn und seinen Film angreifbar für Kritik von beiden Seiten. Doch genau der Mut zu diesem differenzierten Blick auf ein allgegenwärtiges Thema ist die größte Qualität von „Borga“, der anderen eine Stimme gibt und zwar eine vielstimmige.

Quelle: programmkino.de / Michael Meyns

Deutschland, Ghana 2020
Regie: York-Fabian Raabe
Darsteller: Eugene Boateng, Christiane Paul, Jude Arnold Kurankyi


Voraussichtlich ab Donnerstag 28.10.

Contra


Die Story vom hyperintelligenten Lehrer und seiner lernfähigen Schülerin, die er nach seinen Vorstellungen heranbilden will. Gekonnt und mit gutem Timing inszeniert und mit wunderbar geschliffenen Dialogen ausgestattet.

Das hat er nun davon: Der rundum mit allen rhetorischen Mitteln bestens ausgestattete Professor Pohl muss sich vor dem Disziplinarausschuss verantworten, weil er eine Studentin im Hörsaal beleidigt hat, und zwar rassistisch, sexistisch und religionsfeindlich – also mit der vollen Breitseite eines hoffnungslos antiquierten, bildungsbürgerlich patriarchalen Elitedenkens. Für sein Fehlverhalten gibt es nicht nur genügend Zeugen, sondern auch noch ein Video, das ein Kommilitone in Umlauf gebracht hat. Der Shitstorm läuft bereits auf vollen Touren. Hier hilft nur eins: die Vorwärtsverteidigung. Pohl, der sich seiner Schuld keineswegs bewusst ist, lässt sich überreden, die junge Studentin unter seine Fittiche zu nehmen und für die Teilnahme an einem Debattierwettbewerb zu trainieren, um im vorauseilenden Gehorsam dem Disziplinarausschuss den Wind aus den Segeln zu nehmen und seine drohende Entlassung zu verhindern...

Wie sich die Geschichte weiterentwickelt, ist eigentlich zweitrangig. Im Vordergrund steht aber die Beziehung zwischen Naima und ihrem Professor. Dabei geht es glücklicherweise nicht um eine Love Story, sondern um die Kommunikation zwischen zwei mehr und mehr gleichwertigen Kontrahenten, die sich über ihre Arbeit immer näher kommen. Zwei komplett unterschiedliche Charaktere treffen dabei aufeinander: Ein hoch gebildeter und eloquenter Mann mit zahllosen Geheimnissen trifft auf eine Frau, die so viel Offenheit besitzt, dass er langsam aber sicher fast trotzige Verschlossenheit und seine distanzierte Steifheit aufgeben muss. Das Drehbuch, das sich stark an die französische Komödie “Die brillante Mademoiselle Neïla” anlehnt, spielt übermütig mit Klischees und Vorurteilen, und zwar teilweise dermaßen radikal, dass man manchmal nach Luft schnappt. Neben dem Mut zur frechen Satire und dem Spiel der beiden Hauptdarsteller ist es diese leise, stets gegenwärtige und ganz selbstverständliche Gesellschaftskritik, die den Film besonders auszeichnet, ohne ihn zu dominieren. Denn dieser Film ist vor allem eines: beste Kinounterhaltung!

Quelle: programmkino.de / Gaby Sikorski


Deutschland 2020
Regie: Sönke Wortmann
Drehbuch: Doron Wisotzky (nach dem Spielfilm LE BRIO – dt. Titel: Die brillante Mademoiselle Neïla)
Darsteller: Nilam Farooq, Christoph Maria Herbst, Hassan Akkouch, Ernst Stötzner, Meriam Abbas, Mohamed Issa
103 Minuten
ab 12 Jahren


Voraussichtlich ab Donnerstag 28.10.

Online für Anfänger



Nervige Captcha-Felder, Endlos-Warteschleifen, vergessene Passwörter, penetrante Werbeanrufe von Callcentern - gegen solche Windmühlen digitaler Errungenschaften haben drei wackere Franzosen in dieser Komödie schier pausenlos zu kämpfen.

„Ich sehe überall Monat-Flatrates von 20 Euro und zahle selbst 70 Euro!“, wundert Marie sich bei ihrem Telefonanbieter. Da wäre eben nicht alles inklusive, erfährt sie vom pampigen Callcenter, bevor sie aus der Leitung geworfen wird. Erlebnisse wie diese haben enormen Wiedererkennungswert. Ähnlich verhält es sich mit jenen kafkaesken Geschichten von Endlos-Warteschleifen bei Hotlines. Vom nervtötenden Ankreuzen verschwommener Zebrastreifen-Bildchen vor dem Einlass für Webseiten. Von chronisch aufdringlichen Werbeanrufen. Oder jener panischen Suche nach dem verlegten Passwort, von denen dutzendfache Varianten mit Filzstift an der Kühlschrankwand notiert sind. Ein verzweifeltes Trio aus der Vorstadt versucht fortan, mit vereinten Kräften den digitalen Kraken den Kampf anzusagen. Beim Kampf von David gegen Goliath findet sich mit „Gott“ ein mächtiger Verbündeter: So nennt sich jener Hacker-Hippie, der in einem Windrad haust und gern behilflich ist. Gegen Google und Co. hat allerdings selbst „Gott“ keine Chance. Da bleibt den resoluten Franzosen nur noch der Sturm der Bastille von Silicon Valley: dem Rechenzentrum des Techgiganten.

In ihrem zehnten Streich widmen sich Benoît Delépine und Gustave Kervern („Mammuth“) einmal mehr den großen Sorgen kleiner Leute. Ihre Figuren mögen etwas schlicht gestrickt ausfallen, dafür werden sie mit umwerfender Komik von Corinne Masiero („Der Geschmack von Rost und Knochen“), Denis Podalydès („Intrige“) und Blanche Gardin („Die Weissagung“) spielfreudig präsentiert. An Pointen, Situationskomik und Dialogwitz herrscht kein Mangel: vom „kostenlosen Anti-Virenprogramm für 14 Euro im Monat“ über die chronisch geschlossene Postfiliale bis zum teuren Gemüse-Abo, das selbst der Tod nicht scheidet. Als Klasse für sich erweisen sich die Hommage an den legendären „Verrückt nach Mary“-Gag. Sowie der Gastauftritt von Besteller-Provokateur Michel Houellebecq, der im Laden von Bertrand einen ganz besonderen Kaufwunsch äußert - soviel sei verraten: Es handelt sich nicht um jenes Dosentelefon, dem zum Finale ein Denkmal gesetzt wird.

Quelle: programmkino.de / Dieter Oßwald

Frankreich 2020
Regie: Benoît Delépine & Gustave Kervern
Darsteller: Blanche Gardin, Denis Podalydès von der Comedie-Francaise, Corinne Masiero, Michel Houellebecq.
110 Minuten
ab 12 Jahren